Kleines Liebesdrama, großartig erzählt.

Verglichen mit den großen Sorgen der Welt ist das Drama hier klein und hat was von einem einzelnen Sandkorn in einer unendlichen Wüste. Doch im Ganzen ist es etwas Großes im Leben von gewöhnlichen Menschen. Es geht um ein Thema, das uns immer wieder magisch anzieht: die Liebe. In der Literatur schwimmt sie bereits in einem weiten Meer, ist in unzählige Formen getaucht. Aber müde werden wir trotz allem nicht, ergötzen uns an tragischen Geschichten, suchen in manchen Romanen ein Stück Hoffnung und finden unserer eigenen Erfahrungen wieder.

Anne Enright ist eine großartige Erzählerin und Meisterin von Familientragödien, die niemals unter ihrem Gewicht zusammenbrechen. Mich hat die englische Autorin bereits 2009 mit ihrem Roman „Familientreffen“ begeistert. So kam ich nicht an ihrem neuen Werk „Anatomie einer Affäre“ vorbei und habe es gelesen. Was heißt gelesen? Ich habe das Buch regelrecht verschlungen, anders ging es gar nicht.

Anne Enright hebt in ihrem Roman die Affäre in den Mittelpunkt, indem die Ich-Erzählerin Gina ihre Liaison mit Seán rekapituliert und bis ins Kleinste auseinander nimmt. Sie fungiert wie eine Protokollschreiberin, die jede Regung und Beobachtung genau betrachtet. Gleich der erste Satz enthält die ganze Essenz des Romans: „Hätte es das Kind nicht gegeben, wäre vielleicht nichts von alledem passiert; doch die Tatsache, dass ein Kind daran beteiligt war, machte es so viel schwieriger zu verzeihen.“ Das sitzt. Bereits hier stoße ich an die radikale Offenheit, die keine Entschuldigung duldet und stahlhart abrechnet.

Die erste Begegnung zwischen Seán und Gina ist eher oberflächlich, ein Hauch von Nichts, aber nur beinahe. Gina trifft ihren zukünftigen Liebhaber auf einer Feier ihrer Schwester, als sie fernab der Gesellschaft hinter dem kleinen Blockhaus der Kinder, sich eine Zigarette anzündet. Ihr Liebster Conor ist gerade nicht da, so vertreibt sich Gina die Zeit, zupft sich am Rock und entdeckt dabei Seán, der sich mit seiner Frau unterhält und dann seiner kleinen Tochter zuwendet. In nur einem kurzen Augenblick, dem Bruchteil einer Sekunde, so scheint es, dreht er sich um und entdeckt Gina, flüchtig wie ein Atemhauch, den man ausstößt. „Diese Dinge passieren ständig. Man begegnet dem Blick eines Fremden, sieht einen Moment zu lange hin, schaut dann weg.“ Es sollten noch einige Jahre vergehen, bis sich der Blickkontakt zu einem Sturm entwickelt. Als sich die beiden auf einer Konferenz wiedersehen ist der Startschuss gesetzt und eine Affäre nimmt ihren Lauf, aus dem ein Entrinnen nicht mehr möglich scheint.

Schonungslos und radikal seziert Gina die Affäre, analysiert die Ehe mit Conor, durchleuchtet mit einer Taschenlampe ihren Mann, bringt liebevolle Eigenheiten genauso zutage wie Störfaktoren, die Gift für die Beziehung waren. Gina läuft die einzelnen Stufen der Liaison mit Seán nochmals ab, brennt mit der Leidenschaft des Anfangs, die wie Feuer im Kamin knistert. Die geheimen Treffen in Hotels, das nicht enden wollende Verlangen, denen der Heißhunger auf Süßes anhaftet und endet bei dem Alltag, der selbst hier nicht Halt macht. So prickelnd sich all das anfühlt, so sehr spürt Gina eine leise Hoffnungslosigkeit in sich aufkeimen, sehnt sich nach einer geraden Konstanten wie mit Conor, bei dem es keine Zwischenräume für unbändige Gefühle gab, viel mehr Verlässlichkeit: „Wir kannten einander. Unser wirkliches Leben fand in unseren Köpfen statt; unsere Körper waren lediglich Orte, an denen wir spielten. Vielleicht sollten alle Liebenden so sein – nicht diese liebestrunkenen, schwachsinnigen Fremden wie Seán und ich, Darsteller in einem leeren Zimmer.“

Anne Enright fühlt sich dem Drama verschrieben, dem sie wieder mit einer eindrucksvollen Form begegnet. Sie schreibt authentisch, bei ihr gibt es keine Zwischentöne, die man interpretieren muss. Wie eine Kellnerin präsentiert sie erneut die Geschichte auf einem Tablett, bei dem man einfach zugreifen möchte. Ihre Sätze sind wahre Köstlichkeiten, denen ich nicht entkommen konnte. Sie verführte mich, ließ nicht locker bis ich den letzten Satz aufgegessen hatte, verschlang jeden Happen und genoss die Speise, die für mich viel zu früh aufgebraucht war. Anne Enright hat die allseits faszinierte Liebe so authentisch wiedergegeben, dass die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit verschwammen, das berauschende Thema anwuchs und mich die Welt vollkommen vergessen ließ. Darin liegt für mich die große Kunst des Erzählens, wenn aus etwas Kleinem das Große herausspringt.

Anne Enright.
Anatomie einer Affäre.
November 2011, 320 Seiten, 19,99 €.
DVA.

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8 Gedanken zu “Kleines Liebesdrama, großartig erzählt.

  1. Liebe Klappentexterin,
    schon wieder habe ich eine Gemeinsamkeit entdeckt. Auch dieses Buch habe ich verschlungen und bin genauso begeistert wie Du. Allerdings könnte ich nie so eine tolle Rezension schreiben wie Du es getan hast, aber Du gibst genau auch meine Eindrücke wieder. Ich bewundere Deine Ausdrucksweise.
    Das Familentreffen habe ich auch gelesen, war damals allerdings nicht so begeistert. Vielleicht war es einfach nicht die richtige Zeit für diese Lektüre, denn ich denke, Anne Enright ist eine wahrhaft beeindruckende Erzählerin. Vielleicht nehme ich mir den Roman nochmals vor.

    Liebe Grüße
    lesesilly

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    1. Liebe Lesesilly,
      heute regnet es in Strömen, aber bei mir scheint die Sonne – dank deines wertschätzenden und schönen Kommentars. Hab lieben Dank dafür!
      Interessant finde ich, dass wir an der Stelle wieder deckungsgleich sind. Das beschert mir ein Lächeln. Was hat dir denn an dem ersten Roman von Anne Enright nicht so gefallen? Kannst du dich noch erinnern? Bei mir ist es leider zu lange her, was blieb ist die Begeisterung für den Erzählstil der Autorin. Ich stimme dir dennoch zu, es kommt oft darauf an, wann man Bücher liest.

      Sonnige Grüße
      Klappentexterin

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  2. Ich stimme dir ganz und gar zu. Dass das Buch eine Wucht ist. Ein wenig anders als ich hast du das Leseerlebnis tatsächlich interpretiert. Ich habe diese Liebe als ein wenig verhärmter, abstumpfender empfunden. Und der letzte Satz war einfach genial!

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    1. Liebe Mariki,
      ich denke gerade bei diesem Roman gibt es unterschiedliche Sichtweisen und Interpretationen, aber genau das ist ja das Spannende in der Literatur, nicht wahr? Trotz der Abweichungen treffen wir uns wieder in der Mitte, was das Werk allgemein betrifft. Das ist genauso schön! Ich danke dir für deine Wortmeldung!

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  3. Ich habe schon auf mehreren Blogs über dieses Buch gelesen. Ist er gerade neu erschienen? Ich muss gestehen, dass mich Cover und Titel abgeschreckt hätten aber nach deiner Vorstellung schlaf ich noch einmal ein Nacht drüber und setz es vielleicht mit auf meine Liste.
    Liebe Grüße

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    1. Liebe Bücherliebhaberin,
      das Buch ist im November erschienen, also recht neu. Interessant, dass dich das Cover und der Titel gar nicht angesprochen haben, bei mir war das genau das Gegenteil. Schlaf noch mal drüber. : ) Ansonsten gibt es ja noch „Das Familientreffen“.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  4. Liebe Klappentexterin,
    ich weiß nicht mehr genau, was mir an „Familientreffen“ nicht gefallen hat, denn es ist schon lange her. Tatsache ist, dass es in meinem Bücherregal im Gästezimmer steht, wohin die Bücher wandern, die ich nicht so toll finde. Die Bücher, von denen ich begeistert bin, bekommen einen Platz in meinem Wohnzimmer (dort steht jetzt auch „Anatomie einer Affäre“).

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