Drama à la française.

Die Franzosen gehören literarisch gesehen für mich zu den Größten. Das vorliegende Buch ist wieder einmal ein wunderbares Beispiel für meine These. Die französischen Werke dringen tief in mich ein, bohren sich Löcher in den Kopf und lassen mich beinah sprachlos zurück. Zwischendurch brodeln kleine Vulkane auf, sie schießen heiße Lava in die Luft und schüren das Entsetzen zu einer anhaltenden Flamme, die bis zum Schluss nicht ausgeht.

Am Anfang von „Kümmernisse“ hätte ich mit solch einer Hitze nicht gerechnet. Ziemlich nüchtern, beinah eiskalt wie ein klarer Gebirgssee, schildert Judith Perrignon den Niedergang vom Frauengefängnis vergangener Zeiten. „Dann waren die Arbeiter gekommen, sie waren hinter den Mauern verschwunden.“ Eines Tages machte es „Tak-tak-tak“, eine gewaltige Stahlkugel, die von einem der Kräne hing, zerstörte das Gebäude, arbeitete sich vor. Allmählich zerfiel jenes Stück Geschichte, mit dem auch das Leben Helenas verbunden war. Eine ehemalige Inhaftierte, die dort in den kalten Gemäuern im Jahre 1967 eine Tochter zur Welt gebracht hatte. Die Schreie hallen selbst Jahre später noch nach, erzählen von dem Schicksal einer jungen Frau, das sich durch das ganze Buch zieht.

Helena hat mit ihrem Freund ein Juweliergeschäft überfallen, er konnte fliehen, sie wurde auf der Flucht festgenommen. Aus großer Liebe verschweigt Helena dem Gericht bis zum Schluss den Mittäter. Sie kommt hinter Gittern. Was keiner ahnt, die junge Frau ist schwanger und bringt schon bald ein Mädchen zur Welt. An der Stelle schlägt der Stil des Buches um, wie es sonst nur ein Sommergewitter vermag. Nur ist hier vom Regen keine Spur, es wird zunehmend wärmer als würde die Sonne aus einem Tiefschlaf erwachen. Es kehrt Leben ein, was ich zu fassen bekomme und mich zusehends in eine Sprachlosigkeit schiebt. Das Ausmaß Helenas Verurteilung dringt immer mehr in den Vordergrund. Zunächst schreibt Helenas Mutter zahlreiche Briefe, erzählt von ihren Gedanken und von Angèle, Helenas Tochter, die bei ihr aufwächst. Helena hingegen hält weiterhin an ihrem Schweigen fest und treibt damit Mila in eine Verzweiflung. Selbst Jahre nach ihrer Inhaftierung bleibt Helena in der eigens geschafften Festung, öffnet keine Fenster. Das Leben der Mutter bleibt der Tochter auch nach deren Tod ein großes Rätsel. Durch Zufall stößt sie in der Wohnung auf einen Artikel und nimmt Kontakt mit dem Gerichtsreporter auf, der damals von dem Gerichtsprozess berichtet hatte. Allmählich kommt der Ball ins Rollen, Licht huscht durch das dunkle Leben, erste Spuren werden sichtbar.

„Kümmernisse“ vereinigt in getrennten Kapiteln die Briefe und Monologe aller Beteiligten, einzig Helena verharrt in ihrer Sprachlosigkeit und bleibt am Rande stehen. Sie erinnert an ein Labyrinth, aus dem kein klarer Weg hinaus führt. Judith Perrignon spart Anführungszeichen aus, damit schwimmt das Mündliche direkt ins Schriftliche. Unterschiedliche Lebensschicksale verbinden sich zu einer langen Schnur, die letztlich zu der großen Wahrheit führen. Mit schmerzhaft schönen Wörtern zeichnet die Französin Bilder, in denen das Ausmaß jener Tragödie sichtbar wird wie das Verlorensein der Tochter und die Kümmernisse, die auf den Schultern der Menschen so schwer sitzen, dass man Stahlarme braucht, um sie zu halten. Das Buch haucht eine Vielzahl an Themen aus: Liebe, Vergebung, Verzweiflung, Mutter-Tochter-Beziehung und die all umfassende Liebe. In dem Ganzen steht die Geschichte am Ende für sich allein. Anders ausgedrückt: Man muss das Buch gelesen haben, um sich vollkommen in der Geschichte aufzulösen. Fast jeder Satz bewegt und setzt in mir etwas in Bewegung, eine Flut an Gefühlen und Gedankenspiralen, bei denen ich berührt bin. „Kümmernisse“ ist ein dichtes Buch, in vielerlei Hinsicht, das mir wieder einmal vor Augen führt, wie sehr ich die französische Literatur schätze, für all das, was sie beim Lesen freisetzt.

Judith Perrignon.
Kümmernisse.
August 2011, 192 Seiten, 18,90 €.
Verlag Klaus Wagenbach.

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17 Gedanken zu “Drama à la française.

      1. Ab und zu kann das schon vorkommen, dass ich ein Original lese. Es liegt auch noch eines zu Hause bereit. Aber am liebsten spreche ich die französische Sprache. Du machst mich jetzt neugierig. Welchen Film hast du denn gesehen? Ich hab vor einigen Tagen „Un coeur simple“ auf ArteTV gesehen. Ich war hin und weg. Ich mag französische Spielfilme sehr.

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      2. „Unbekannter Anrufer“ hieß der Film. Er lief vergangenen Freitag auf Arte. Ganz wunderbar und sehr französisch, leicht und ein bisschen tragisch. Wie schön, das würde ich auch gern, die Bücher auf Französisch lesen, aber leider reichen meine Kenntnisse dafür nicht aus. Ich mochte die Sprache schon immer sehr, aber sie ist auch verdammt schwer.

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  1. Das hört sich wirklich super an. Nachdem ich von deinen anderen Rezessionen so begeistert bin und festgestellt habe, dass wir die gleichen literarischen Interessen haben, habe ich mir heute das Buch bestellt und bin gespannt, ob es mir auch so gut gefällt. Danke für den Tipp!

    Liebe Grüße
    lesesilly

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  2. Ich schließe mich meinen Vor-„Postern“ an, das Buch hört sich wirklich super an. Im letzten Lesejahr habe ich sehr viel positive Erfahrung mit französischer Literatur gemacht – vor allem „Die Brandungswelle“ und „Der Club der unverbesserlichen Optimisten“ haben mich umgehauen.

    „Kümmernisse“ werde ich mir so schnell wie möglich bestellen! 🙂

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    1. O wie schön, was lese ich denn da, liebe Mara? „Die Brandungswelle“. Das Buch habe ich mir vor einigen Wochen gekauft, weil es mir sehr ans Herz gelegt wurde, somit hätten wir wieder einmal schöne Schnittstellen.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  3. Auch ich liebe die Französinnen, wenn ich sie auch leider nicht im Original lesen kann. Um so wichtiger ist eine gute Übersetzung. Deine Rezension macht richtig Lust auf das Buch. Besonders gespannt bin ich auf den Übergang von dem Gesprochenen zum Erzählen ohne Anführungszeichen. Und da die Großmutter auch noch heißt wie ich, wird der Roman zum klaren MUSS. Danke für den Tipp. LG Mila

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  4. Habe das Buch gerade beendet und bin sprachlos. Es lässt mich mit reichlich Gefühlen zurück. Auf der einen Seite die große Liebe zwischen Helena und Tom und auf der anderen Seite Angele, die von ihrer Mutter nicht beachtet wird. Was für eine traurige, aber nicht auf die Tränendrüsen drückende Geschichte. Bitte mehr von diesen Büchern!

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    1. Merci beaucoup für deine Leseeindrücke! Ich bin sehr glücklich darüber, dass dich das Buch genauso begeistern konnte wie mich. Besonders unfassbar oder gar schon sehr beklemmend empfand ich Helenas Schweigen, dieser Rückzug. Wie sehr muss ein Mensch verletzt worden sein, dass er niemanden mehr an sich heranlässt? Wie hast du die Schreibform empfunden, also der Verzicht auf Anführungszeichen, die Monologe…?

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  5. Ich fand die Schreibform sehr schön. Es hat mich an Zsuzsa Bank „Die hellen Tage“ erinnert. Auch in diesem Roman kommt keine wörtliche Rede vor und trotzdem ist es sehr lebendig. Solche Erzählungen leben von den Gedanken und Eindrücken der einzelnen Personen, was mich immer sehr fasziniert.

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