Die langsame Reise des Alterns.

So ist es wohl, wenn sich das Alter zwischen die Zeilen setzt und mit der Langsamkeit eine warme Tasse Tee trinkt. Die Zeit verliert an Tempo und kriecht wie ein Wurm voran. Da kann das Schnelle noch so laut an die Tür klopfen, es passt einfach nicht in diese gesellige Runde. Ob sich das Gabriele Weingartner beim Schreiben ihres Romanes „Villa Klestiel“ gedacht hat? Selten habe ich ein Buch so langsam gelesen, nicht etwa, weil es mich nicht packen konnte. Nein, es war die besondere Eigenart, die der Geschichte innewohnt.

Die Rahmenhandlung spielt in einer Berliner Villa. Ihre Bewohner haben sie nach dem Eigentümer benannt, dem sie das Haus abgekauft haben. Samuel Klestiel hatte das Gebäude zwischen 1906 und 1908 erbauen lassen. Es ist kein besonderes Meisterwerk geworden, „aber immerhin nah am See gelegen und mit einem Türmchen versehen, in dem jetzt Mäuse und Spinnen hausten, weil zur Renovierung das Geld gefehlt hatte.“ Nun beherbergt die Villa Klestiel eine Handvoll Menschen, die nicht allein alt werden wollen. Bunt ist die Mischung: Lehrer, Juristen, Schauspieler, Kritikerinnen und Witwen. Vielfältig sind die Charaktere – und genau hier liegt der Spannungsbogen der Geschichte, eine pulsierende Ader. Die verschiedenen Lebensschicksale, denen die Autorin Raum bietet und mich als Leserin direkt daran teilhaben lässt. Ich stehe nicht draußen, sondern hocke in ihren Köpfen, sammle die Gedanken und Gefühle ein, bin bewegt und amüsiere mich bisweilen. Bei einigen runzle ich zunächst die Stirn, weil sie mir auf dem ersten Blick etwas unsympathisch sind. Bei anderen fällt mir ein Lächeln aus dem Mund. Ich denke an die eigensinnige Kritikerin Leonor Zierer, die ständig friert und sich aus einer Trotzhaltung keine warmen Hauspantoffeln bestellt hat, dafür aber zwei herumstreuende Jugendliche in ihre Wohnung hineinlässt, Tim und Struppi nennt sie die Hausgemeinschaft schon bald. Mit Hinblick auf den Lebenslauf der Autorin, Kulturjournalistin und Literaturkritikerin, macht sich gerade bei der Person eine besondere Nähe bemerkbar.

Schwer hingegen wiegt das Schicksal von dem Ehepaar Lichtblau, dem ich an der Stelle nicht vorgreifen möchte. Wie in jeder Gemeinschaft gibt es mindestens einen Außenseiter, einen Querdenker, der Unruhe stiftet. Xaver Brandis, ehemaliger Diplomingenieur, fühlt sich unter den Intellektuellen – wie er sie selbst nennt – unwohl, meidet sie und hält sie unbewusst mit seiner Leidenschaft für würzige Käsesorten auf Abstand. So suspekt ihn die Zeitung lesenden Mitbewohner auch sind, insgeheim gehört er mehr zu ihnen als er selbst glauben mag. Brandis entdeckt auf seine alten Tage selbst die Kunst des Fotografierens. Er verliert sich in seinen Motiven, jagt ihnen hinterher, sein Herz erwacht und atmet Gedanken aus, die für ihn früher undenkbar gewesen waren. Im weiten Feld der Natur begegnet er der Melancholie, schaut ihr in der einsamen Schneelandschaft ins Gesicht und spürt eine Tiefe wie er sie früher nie erlebt hat: „Ja doch, anfänglich freute es ihn, dass er traurig war und lange nicht wusste, warum.“ Solche Momente lassen mich für einige Sekunden stehen. Und in dem unruhigen Strudel der mitmenschlichen Begebenheiten ist die Schreibkraft Frederika eine Konstante, an der sich einige gern festhalten. Der gute Geist des Hauses kümmert sich um die Steuererklärungen ihrer Schützlinge oder gibt praktische Tipps. Doch auch Frederika ist nicht gefeit vor eigenen Träumen und Problemen.

„Villa Klestiel“ gehört mit 238 Seiten nicht zu den üppigsten Büchern, doch es hat das Gewicht von einem Wälzer. Was auch daran liegen mag, dass die Autorin einen eigenwilligen Schreibstil hat. Nicht so einer, den man eben schnell auf dem Weg zur Arbeit in der Bahn weg liest. Viel mehr erdet das Buch, verscheucht das Schnelle und ist angenehmes Futter für ein anspruchsvolles Leseerlebnis. Gabriele Weingartner fordert die Konzentration ihrer Leser, wer die nicht mitbringt, verliert den Faden, doch diesen sollte man hüten wie ein Geheimnis. Es wäre zu schade, die Puzzleteile zu übersehen, die sich zwischen den einzelnen Wörtern verstecken. Dem Buch wohnt eine versteckte Dynamik inne, nicht auch zuletzt durch die Wendungen und Bewegungen zwischen den Bewohnern, der ich gern langsamen Schrittes gefolgt bin.

Neben den Menschen schiebt sich das Alter immer wieder in den Vordergrund. Vorsichtig hupend fährt es an mir vorbei, zeigt Leiden und Sorgen genauso wie Erfahrungen und lang gehegte Sehnsüchte, denen noch nicht nach Schlafen zumute ist. Manche Dinge lassen sich eben nicht ganz ersticken. Die Einsamkeit gehört ebenfalls dazu. Selbst eine Gemeinschaft kann sie nicht vertreiben, das wird an den Protagonisten klar sichtbar. So strampeln die Bewohner der Villa Klestiel im Netz, jeder sucht für sich den eigenen Ausweg und das stille Glück des Alters, was darauf wartet, entdeckt zu werden. Das Buch ist ein kluger Wegweiser durch diese Phase, selbst für so junge Geister wie mich, die auch mal einen Schritt langsamer lesen können.

Gabriele Weingartner.
Villa Klestiel.
September 2011, 238 Seiten, 19,80 €.
Limbus Verlag.

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