Haltet eure Köpfe fest!

Wenn ihr nicht aufpasst, weht euch dieses Buch weg! Von der ersten Seite bis zum Schluss hatte ich große Probleme, ruhig sitzen zu bleiben, weil ein stürmischer Orkan über die Buchstaben hinwegfegte. Ihr verharrt jetzt noch still, grinst in euch hinein, aber wartet es nur ab, bis ihr den Erzählband „Schlafanstalt für Traumgestörte“ von Karen Russell selbst gelesen habt.

Schon die erste Erzählung verspricht: Hier geht es skurril und fantasievoll zu. Avas Familie hat einen Vergnügungspark, in dem es vor Alligatoren nur so wimmelt. Damit nicht genug, denn ihre Schwester Osceola – genannt Ossie – ist besessen: Sie liebt Geister, verbringt mit ihnen leidenschaftliche Nächte und Ava bekommt das alles live mit: „Der Geist ist da. Ich weiß es, weil ich sehe, wie meine Schwester verschwindet, weil ich fühle, wie der Körper neben mir sich meiner Ossie entleert und mich allein im Raum zurücklässt. Luscious ist ihr bisher lüsterner Freund. Der Geist geht durch sie hindurch, wirft sich in ihre Hüften, lässt Ossie einen zuckenden Marionettentanz unter den Decken vollführen.“

In „Schlafanstalt für Traumgestörte“ ist es nicht weniger skurril, dort treffe ich auf Kinder in einem Camp, die den gesunden Schlaf wiederfinden sollen, mit ungewöhnlichen Hilfsmitteln wie dem Edisonschen Schlaflosigkeitsballon, der aussieht wie eine große Glühlampe. In der Ansprache von der Frau des Campleiters erfahre ich mehr: „Wir bieten euch nur einen sicheren Ort, an dem ihr zusammen wachliegen könnt. Und vielleicht sogar“, – sie strahlt in die Runde – „träumen.“ Die Jungen und Mädchen leiden an unterschiedlichsten Störungen. Da wären die Schlafwandler, Schlaflosen und die Alpträumer oder die Knirscher, um nur einige zu nennen. Eines Abends gerät der Leiter, Zorba Zoulekevis, in Aufruhr: Heimdall ist verschwunden, das Schaf. Damit wäre die Nachtruhe passé.

Genauso entzückend finde ich „Die Wolfsmädchen vom St.-Lucia-Heim“. Die Werwolfmädchen sollen so umerzogen werden, dass sie sich in der normalen Gesellschaft bewegen können. Nichts mehr mit Heulen und Knurren, dafür wird es verdammt eng in ihrer Brust, da die Nonnen die Mädchen in Korsetts schnüren, die nicht alle vertragen und man weiß sehr schnell, dass die Natur sich nicht immer so zähmen lässt, wie es sich die Menschen wünschen.

Das Debüt von der jungen Amerikanerin enthält erstaunliche Erzählungen, die in Phantasiewelten eintauchen und sich mit dem uns vertrauten Alltäglichen vermischen. Sie gehen eine verrückte, seltsam-harmonische Symbiose ein. Verrückt deshalb, weil ich manchmal nicht glauben wollte, was ich dort las und ein bisschen an Haruki Murakami denken musste. Es tauchen keine sprechenden Katzen auf, aber es passieren andere verrückte Dinge, die meine Welt verdrehen und mich auf den Kopf stellen. Die Natur ist bei Karen Russell ein dominierendes und immer wieder kehrendes Element. Die Geschichten finden überwiegend draußen statt, mal watte ich durch den Sumpf, dann bekomme ich eine Gänsehaut vom Schnee im winterlichen Gebirge und ein anderes Mal rauschen die Wellen des Meeres in meine Ohren, ich schmecke Salz auf den Lippen und spüre den knirschenden Sand zwischen den Zehen. Neben all dem Exotischen und Abgedrehten greift Karen Russell auch lebensnahe Themen wie Freundschaft, Liebe und Familie auf. Die Autorin ist ein feinfühliges, kluges Sprachgenie und hat eine große Phantasie. Das beides zusammen führt zu dem großartigen Endergebnis. Wer ungewöhnliche Bücher liebt, sollte an diesem nicht vorbeigehen und sich besser einen festen Punkt zum Festhalten suchen, sonst fliegt ihr eher weg als ihr gucken könnt.

Karen Russell.
Schlafanstalt für Traumgestörte. Erzählungen.
2008, 298 Seiten, 18,90 €.
Kein & Aber.

Über die Autorin:

Karen Russell wurde 1981 in Miami geboren. Ihre Erzählungen sind u.a. im New Yorker in Granta und Best American Short Stories 2007 erschienen. „Schlafanstalt für Traumgestörte“ war für den Guardian First Book Award 2007 nominiert. 2011 hat Kein & Aber ihren ersten Roman „Swamplandia“ auf Deutsch veröffentlicht.

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9 Gedanken zu “Haltet eure Köpfe fest!

  1. Wowh! Deine Rezension hat mich sehr neugierig auf das Buch gemacht (ist schon bestellt…). Das klingt nach einer sinnlichen, witzigen Lektüre. Danke für die Info… Auf die Autorin und das Buch wäre ich von alleine nie gestoßen.

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    1. Das freut mich sehr, liebe Mila! Die Erzählungen sind wirklich einzigartig, ach, was sag ich: Das ganze Buch ist einfach nur großartig! Vom Titel übers Cover bis hin zu den Geschichten selbst. Ich wünsche dir viel Spaß damit!

      Herzlich-verdrehte Grüße,
      Klappentexterin

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      1. Ich hab’s jetzt gelesen und bin ganz angetan von diesen verdrehten Geschichten. Danke noch mal für den Tipp… LG Mila

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      2. Wie schön, liebe Mila! Da hüpft mein Herz und schlägt Purzelbäume! Das freut mich sehr! Ich werde demnächst „Swamplandia“ in Angriff nehmen und bin gespannt, denn die Meinungen gehen teilweise auseinander. Manche fanden ihr Debüt besser als den Roman. Na, ich werde sehen.

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  2. Danke für diese tolle Rezension, liebe Klappentexterin! Deine Begeisterung ist bei mir beim Lesen der Rezension spürbar angekommen …

    Über „Swamplandia“ habe ich schon zuvor sehr viele gute Besprechungen und Rezensionen gelesen, ist dir das auch schon bekannt? Als Hardcover war es mir bis jetzt aber leider einfach noch zu teuer! Jetzt werde ich wohl aber nicht mehr an der Autorin vorbei können und mir eines der beiden Bücher demnächst auf jeden Fall besorgen!

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    1. Liebe Mara, ich danke dir! Ich habe „Swamplandia“ bereits in meinem Regal und freue mich sehr darauf! Es muss sich aber noch ein bisschen gedulden, bis ich es aufschlage. Reingelesen habe ich schon und hatte dann wieder so ein Zwinkern im Auge.

      Mit besten zwinkernden Grüßen,
      Klappentexterin

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      1. Ach toll, dass hört sich ja so an, als würde es sich lohnen, auch „Swamplandia“ zu lesen … meine Geldbörse wird sich bedanken, aber ich glaube, ich kann einfach nicht „nein“ zu diesem Buch sagen. 🙂

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    1. O ja, liebe Petra, denn es ist so herrlich schräg und – wie oben in einem anderen Kommentar bereits erwähnt – einfach großartig, mit jedem Detail, das zum Buch gehört, vom Titel über das Cover bis hin zu den Geschichten selbst.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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