Als ein großer Autor ein kleiner Junge war.

Als ich ein kleines Mädchen war, kannte ich Erich Kästner noch nicht. Als ich ein mittelgroßes Mädchen war, dachte ich, ich bin nicht mehr klein genug für seine Kinderbücher. Und nun, wo ich ein großes Mädchen bin, taucht er plötzlich wieder auf und ich weiß: Jetzt möchte ich die Bekanntschaft mit dem Schriftsteller machen. Also habe ich sein persönliches Werk „Als ich ein kleiner Junge war“ aufgeschlagen und wurde wieder zu einem kleinen Mädchen mit großen, neugierigen Augen. Wie im Flug habe ich in einem grauen Wintermonat die grimmigen Gesichter um mich herum in der S-Bahn vergessen, stattdessen lauthals gelacht und die miese Laune wettgemacht.

Erich Kästners Worte haben einen feinen Witz, wie kleine Spiralen, die mit dem Wind spielen. Nein, da kann ich nicht lange ernst bleiben. Obwohl Kästner viele ernste Themen anschneidet wie die Armut in seiner Kindheit oder das mühevolle Leben in einer Zeit, als die Schüler noch von den Lehrern geschlagen wurden. Dennoch wird es in dem schmalen Band niemals zu düster, seiner schmunzelnden Feder sei Dank! Wie der junge Erich mit seiner Mutter auf Wanderschaft ging, so stolzierte ich durch die ersten Lebensjahre dieses Autors und lerne durch kleine Geschichten auch seine Vorfahren kennen.
Erich Kästner ist mit dem Werk ein wunderbares Stück Kindheitserinnerungen gelungen, es hat mir den Autor sehr nah gebracht und nicht nur das: Ich habe den gebürtigen Dresdner ins Herz geschlossen und weiß nun: Für die Kinderbücher von Erich Kästner ist man nie zu alt.

Erich Kästner.
Als ich ein kleiner Junge war.
2003, 208 Seiten, 7,90 €.
Altersempfehlung: 10 – 12 Jahre.
dtv.

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12 Gedanken zu “Als ein großer Autor ein kleiner Junge war.

  1. Hallo Klappentexterin,
    dieses Phänomen kommt mir bekannt vor. Ich habe in meiner Kindheit Astrid Lindgren, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, weitgehend ignoriert. Als Teenie kam ich mir dann zu alt für ihre Bücher vor, also habe ich erst jenseits der 25 angefangen, so wunderbare Bücher wie „Die Brüder Löwenherz“ oder „Mio, mein Mio“ zu lesen. Was soll ich sagen, ich musste weinen, weil sie so fantastisch sind und über meine ganz kindliche Begeisterung für ihre Helden. Es tut ganz gut, sich dank solcher Spätentdeckungen ans Kindsein und die damit verbundene Sicht auf die Welt zu erinnern.
    Noch frohe Weihnachten,
    jenny

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    1. Ja, es ist wirklich schön, dass man die nicht gelesenen Kinderbücher noch später, jetzt als Erwachsene, für sich entdecken und lesen kann, liebe jenny. „Die Brüder Löwenherz“ fand ich als großes Mädchen genauso bewegend wie du. Astrid Lindgren habe ich in den ganz jungen Jahren nicht gelesen, weil wir andere Kinderbücher hatten, außerdem war es nicht ganz so einfach, an alle Bücher heranzukommen. Erst vor einigen Jahren habe ich die Autorin für mich entdecken können, so wie jetzt Erich Kästner…

      Liebe Grüße

      Klappentexterin

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  2. Mein Onkel hat das Buch auch schon hiergelassen, mit Leseempfehlung. Vielleicht ist es ja gerade etwas für Erwachsene, die zurückblicken möchten und weniger für die 10- bis 12-jährigen Kinder.

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    1. Dein Onkel weiß eben, was gut ist. : ) Die Kinder werden das Buch mit anderen Augen lesen als die Erwachsenen, das denke ich schon und vielleicht lesen es am Ende doch mehr große Kinder als kleine, auch wenn das Buch wirklich sehr kindgerecht geschrieben und leicht zu verstehen ist.

      Viele Grüße

      Klappentexterin

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  3. Oh, Erich Kästner ist famos! Und ich muss hier mal eine Lanze für ihn brechen, denn er hat ja weit mehr als Kinderbücher geschrieben (die ich alle heiß und innig seit meiner Kindheit liebe, gar keine Frage). Da wären zum Beispiel seine Gedichte, die alle auf den ersten Blick ziemlich humoristisch sind. Schaut man aber genauer hin, dann bleibt einem das Lachen im Halse stecken, weil Kästner mit seinem Humor aufzudecken vermag, was der Mensch an sich lieber versteckt gehalten hätte. Und dann erst seine Theaterstücke! „Die Schule der Diktatoren“ zum Beispiel, ist schreiend aktuell, wenn man sich anschaut, was da gerade in Nordkorea vor sich geht. Nicht zu vergessen, dass Kästner seine allgemeingültige Kritik an Diktatoren als Komödie tarnt. Gut, das hat er sich sicherlich von Carl Sternheim abgeguckt, beherrscht diese Methode aber perfekt. Klar, „Pünktchen und Anton“ oder „Das fliegende Klassenzimmer“ und, und, und lohnen sich immer wieder und wieder. Alle anderen Werke von Kästner aber auch. *loblied ende* 😉

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  4. Liebe Klappentexterin,
    danke für das Vorstellen dieses Buches. Der Titel hüpft sofort auf meine Endloswunschliste.
    Als Kind habe ich mehrere Geschichten von Erich Kästner erfahren. Ich habe sie zwar nicht gelesen, weil wir zu der Zeit nicht viele Kinderbücher hatten und uns mit den wenigen begnügten, wie wir die unserigen nennen konnten, aber das damalige Kinderfernsehn war für mich sehr anregend. Es war damals auch so, daß wir Kinder Zuhause nicht einfach den Fernseher anstellen durften. Wir mußten erst die Eltern fragen und dabei genau angeben, was wir schauen wollten. Und Klaus Havelstein mit der Sendung „Wünsch Dir was“ war eine ungeahnte Quelle des Wissens.
    Auch als Erwachsener kann man die Kinderbücher immer wieder lesen. Und biographische Erinnerungen, dafür bin ich immer zu haben.

    Viele Grüße
    Annegret

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    1. Das Buch hat mir eben gesagt, dass es sich auf deiner Endloswunschliste sehr wohlfühlt, liebe Annegret. ; ) Hab lieben Dank für deine Gedanken, die du mit mir auf diesem Wege geteilt hast. Ist doch immer wieder schön, wenn wir Erwachsenen durch die Welt der Bücher in die Kindheit zurückkehren können…

      Viele Grüße

      Klappentexterin

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  5. Ich liebe Erich Kästner! Ich habe ihn zwar auch in der Kindheit gelesen bzw. wurde er mir vorgelesen, aber ich stolpere auch heute immer mal wieder über ihn – vor allem, weil ich mich viel mit den 20er Jahren in Berlin beschäftige und er zu vielem seinen Senf dazu gegeben hat. 😉 Deine Beschreibung: „Erich Kästners Worte haben einen feinen Witz, wie kleine Spiralen, die mit dem Wind spielen.“ finde ich auch dahingehend sehr passend….

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    1. Danke für deinen Kommentar, liebe Sarah! Zu Berlin und Erich Kästner fällt mir spontan „Fabian – Die Geschichte eines Moralisten“ ein. Die Geschichte spielt in den 30er Jahren in Berlin. Ich denke, früher oder später, werde ich es – wie andere Werke von ihm – lesen wollen. Kennst du es schon?

      Liebe Grüße

      Klappentexterin

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    1. Ja, verehrter flattersatz, bei der Altersempfehlung scheiden sich wahrscheinlich die Geister. Ich könnte mir durchaus vorstellen, dass Kinder daran Gefallen finden, aber letztlich – sagt mir eine innere Stimme – begeistern sich wohl mehr die Erwachsenen für das Büchlein als Kinder. Hast du es schon mal vorgelesen? Ansonsten habe ich nichts weiter hinzuzufügen und nicke mit meinem Kopf in deine Richtung.

      Liebe Grüße

      Klappentexterin

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