Wie ich zu Frau Klappenquietsch wurde.

Puschimuschi gibt es nicht, zumindest nicht bei Tomi Ungerer. Das sagte er kürzlich in einem Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung. Puschimuschi heißt im Ungerer-Jargon: Heile-Welt-Mist. Man solle den Kindern zeigen, was los ist. Wie so eine Ungerer-Welt aussieht, wollte ich genau wissen und habe mir das Tomi Ungerer Kinderbuch Schatzkästlein nach Hause geholt. Anlässlich seines 80. Geburtstages hat der Diogenes Verlag einen Schuber mit vier Ungerer Kinderbuch-Klassikern herausgebracht.

Was für eine liebevoll gestaltete Buchkassette! Ich habe noch nicht mal ein Buch herausgeholt und rieche den herrlichen Duft von glücklichen Papier. Die Sammlung enthält „Die drei Räuber“, „Der Mondmann“, „Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten“ und „Crictor, die gute Schlange“. Gute Feen gibt es keine, dafür bemerkenswerte Wesen, die komische Sachen veranstalten. Nehmen wir zum Beispiel die drei grimmigen Räuber. Sie versetzen die Menschen in Angst und Schrecken, weil sie sich nachts auf die Lauer legen und Kutschen überfallen. Nicht auf die sanfte Tour, sondern auf sehr gemeine Art und Weise. Den Pferden blasen sie Pfeffer in die Nüstern, dann zertrümmern sie die Wagenräder, schnappen sich die Beute und eilen zurück in ihr Versteck. Auf einem ihrer Beutezüge treffen sie auf ein trauriges Waisenmädchen, das zu seiner wunderlichen, alten Tante soll, was dem Mädchen gar nicht gefällt. Deshalb ist die Freude groß, als Tiffany den Räubern begegnet. Weil in der Kutsche nichts weiter zu holen ist, nehmen die Räuber Tiffany mit, bereiten dem Mädchen ein warmes Bett. Am nächsten Tag entdeckt Tiffany all die Schätze und fragt die Räuber: „Was macht ihr denn damit?“ Verblüfft stellen die drei fest, dass sie sich darum bislang keine Gedanken gemacht hatten. Vollkommen begeistert von Tiffany machen sich die drei Räuber auf die Suche nach weiteren unglücklichen Waisenkindern.

Was mag man angesichts dieser Geschichte denken? In jedem Menschen steckt auch eine gute Seite? Das Böse ist nur so lange böse, bis es auf das Gute trifft? Es klappen einige Fragen auf und so unheimlich die Räubergeschichte auf der einen Seite auch ist, so menschlich und liebenswert ist sie auf der anderen.
Besonders skurril ist „Crictor, die gute Schlange“. Hier nimmt mir Tomi Ungerer die Angst vor Schlangen. Madame Louise Bodot erhält von ihrem Sohn, ein Reptilienforscher in Brasilien, eines Tages ein seltsames Geschenk. Als sie das runde Päckchen auspackt, erschreckt sie, kreischt, da sie plötzlich ins Gesicht einer Schlange schaut. Nach dem ersten Schock macht sich die Madame auf den Weg in den Zoo, um sich zu erkundigen, was für ein Exemplar dieses Tier ist. Nicht, dass sie am Ende noch giftig ist. Als Madame Louise Bodot erfährt, dass es sich hierbei um eine ungefährliche Boa Constrictor handelt, ist sie erleichtert und verpasst der Schlange den Namen Crictor. Liebevoll gibt sie ihr die Flasche, richtet es ihr schön ein, kauft sogar extra eine Palme und zieht sie groß. Auf jeder einzelnen Seite erwartet mich eine neue Überraschung, über die ich herzlich lache und staune. Ehe ich mich versehe, schrumpft mein Unbehagen diesem unheimlichen, exotischen Tier gegenüber.

Ungewöhnlich geht es auch im nächsten Buch zu. „Papa Schnapp und seine noch-nie-dagewesenen Geschichten“ enthält wundersame Geschichten, die unerhört gut, ironisch, witzig und schräg sind. Gleich am Anfang stoße ich auf Karl Kasimir Karnickel, der verbotenerweise angelt. „Wen kümmert’s? Im See sind keine Fische.“ Was? Wie? Möchte ich laut rufen. Ist das denn möglich? Bei Tomi Ungerer schon. Dort gibt es auch Frau und Herrn Kabuddel, die sich ein neues Nest kaufen und leider enttäuscht werden, weil ihr neues Heim schon nach einer Woche auseinanderfällt. „Das hat man nun davon, wenn man anfängt, Geld auszugeben“, überlegte Herr Kabuddel. Ziemlich verrückt sind die kleinen Geschichten, sehr unterhaltsam, frech und ein bisschen verdreht wie die Namen der vielen Helden: Sir Schicky Schenkelson, die Gebrüder Ohrentaub, Fester, Fister, Faster und Foster, Balduin Brösel und und und. Dabei kräuselt sich die Nase und ein Quietschen kriecht aus meinem Hals nach draußen. Frau Klappenquietsch wäre an dieser Stelle ein passender Name für mich.
Ein bisschen Wehmut steigt aus dem vierten Band „Der Mondmann“. Ihm ist es in seiner silbernen Wohnung am Himmel langweilig. Von dort oben sieht er auf der Erde all die tanzenden Menschen und möchte auch dorthin. Also springt er eines Nachts auf einen Komet und landet auf der Erde. Leider ist es dort unten nicht so herzlich, wie er vermutet hat und wird er erst einmal ins Gefängnis gesteckt. Traurig sitzt er in der Zelle und denkt darüber nach, warum die Menschen ihn so grausam behandelten. Doch plötzlich geschieht ein Wunder, denn der Mondmann durchlebt – wie wir alle wissen – Mondphasen. Und siehe da, erst verschwindet die eine Hälfte, bald die andere und der Mondmann kann seinen großen Traum weiterleben…

Die Reise durch die Kinderbuch-Welt von Tomi Ungerer ist eine einzigartige. Die Geschichten strecken gern die Zunge raus und schrecken nicht vor dem Frechen zurück. Warum soll man das auch verstecken? Die Linien meiden das Geradlinige und entführen mich in schräge Gefilde. Der Autor erzählt mit wenigen Sätzen und nutzt dafür seine Illustrationen, die genial und unterschiedlich sind wie Tag und Nacht. An einigen Stellen bedient er sich sparsam mit Farben und lässt dafür die Figuren ganz allein für sich sprechen. „Crictor“ beispielsweise lebt von Bildern, die sehr zart, fein sind und auf wenigen Millimetern etliche Details enthalten, die man nicht mit einem Blick erhascht. Kräftiger und einnehmender sind im Gegensatz dazu sind die Illustrationen in „Die drei Räuber“. Sogar aus den Bildern stampfen die Furcht und das Unheimliche an den Leser heran. Da beschleunigt sich die Pulsfrequenz ganz automatisch, doch keine Angst, das legt sich relativ schnell, spätestens dann, wenn die reizende Tiffany auftaucht. Ja, es gibt in der Kinderbuch-Welt von Tomi Ungerer jede Menge zu entdecken, sodass ein einmaliges Lesen nicht ausreicht, um in die Geschichten einzutauchen. Und ganz ehrlich: Nur einmal lesen möchte ich die Geschichten nicht, dafür entzücken sie mich viel zu sehr. Ein pures Bad in Lebensfreude! Puschimuschi ist hier wahrlich fehl am Platze, dafür gesellen sich großes Staunen und lautes Lachen dazu. Tomi Ungerer begeistert nicht nur die kleinen Leser, auch große werden mit seinen fantastischen Kinderbüchern unvergessliche Lesestunden erleben.

Tomi Ungerer.
Das Tomi Ungerer Kinderbuch Schätzkästlein: Die drei Räuber. Der Mondmann. Papa Schnapp. Crictor.
Oktober 2011, 152 Seiten, 19,90 €.
Altersempfehlung: 4 – 7 Jahre.
Diogenes Verlag.

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8 Gedanken zu “Wie ich zu Frau Klappenquietsch wurde.

  1. „Und ganz ehrlich: Nur einmal lesen möchte ich die Geschichten nicht, dafür entzücken sie mich viel zu sehr.“
    So geht es uns auch! Einfach, diesmal darf man es wohl schreiben, genial.
    Du hast außerdem einen wunderschönen, lustmachenden Text dazu geschrieben, sodass wir ihn auch beinah riechen, „den herrlichen Duft von glücklichen Papier.“.

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  2. So viel steht fest: Es ist zurzeit gefährlich, hier mitzulesen. Ich brauch mein Geld ja noch für andere Dinge. 😉 (Tomi Ungerer also auch noch auf die Endlos-Bücherwunschliste …)

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  3. Liebe Frau „Klappenquietsch“, herzlichen Dank für diesen tollen Tipp. Ich suche schon lange nach einem Einstieg in die Welt von Tommi Ungerer und bin ganz begeistert, dass du ihn gezeigt hast.

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