Wie Sauerkraut und Katzenpfötchen.

Schon ein Wimpernschlag kann die Welt verändern. Vielleicht, weil sich nach einer Sekunde ein Bild vor die Augen schiebt, das bis ins Innerste berührt oder weil wenige kraftvolle Worte eine Gedanken-Lawine im Kopf auslösen, etwas Großes passiert, mit dem man nicht gerechnet hat. So ist es mir mit „Alles über Lulu“ ergangen. Von außen betrachtet, ist das Buch eher unscheinbar und verrät lediglich, dass hinter dem Deckel eine Geschichte voller Leidenschaft steckt, aber Achtung, der Schein trügt. Hier ist viel mehr im Spiel als ihr denkt und schon ein Wimpernschlag genügt, um den Blick zu verschieben.

Jonathan Evison hat mich mit seinem Roman begeistert und gleichermaßen positiv überrascht. Er hat eine Geschichte geschrieben, die mich an ein schiefes Haus erinnert. Überall gibt es kleine Ritzen durch die der Wind hineinzieht, die Bilder an den Wänden hängen ein wenig quer und der Boden ist uneben, eine kleine Stolperfalle schiebt sich in die nächste. Trotz allem fühle ich mich gut aufgehoben, es ist die Sprache, die mich wie eine gerade Linie durch das Chaos der ungewöhnlichen Familie in „Alles über Lulu“ führt. Niemals bewege ich mich auf verlorenen Wegen, sondern lausche Will, dem Ich-Erzähler. Bereits mit sieben Jahren muss der Junge den Tod seiner Mutter verkraften. Seitdem fristet er Zuhause ein Außenseiter-Dasein, auch dadurch, dass er überzeugter Vegetarier ist, was so keiner nachvollziehen kann. Für den Vater, der sich Big Bill nennt, ist das eine Tragödie. Obwohl Big Bill dies irgendwann akzeptiert, kann er es dennoch nicht lassen, seinen Sohn ständig damit aufzuziehen. Nicht nur der väterliche Knuff schubst ihn aus der Mitte weg, auch seine beiden jüngeren Brüder – Doug und Ross – drücken ihn nach draußen. Sie machen nicht viel, die Tatsache, dass sie so ganz anders sind als er, reicht schon aus. Das beginnt beim Fleisch und erstreckt sich über weitere Teile des Lebens. All das passiert ohne Absicht und doch verschiebt sich beim kleinen Will einiges im Herzen.

Big Bill schleppt als ehrgeiziger Bodybuilder seine Jungs täglich mit ins Fitnessstudio. Anders als Will mögen seine Zwillingsbrüder diesen Sport. Während die beiden wie ausgelassene Welpen toben, empfindet Will sich selbst als Stehlampe. So wird es zunehmend dunkel in Wills Leben, seine Stimme verändert sich, wird kratzig und klingt wie eine brüllende Maus. Also schweigt der Junge lieber und vergräbt sich immer mehr in seinem eigenen Loch, bis eines Tages ein heller Stern aufgeht. Sein Name ist Lulu, die Tochter von Big Bills neuer Freundin. Will beschreibt ihr Erscheinen mit den schönen Worten: „Ohne Lulu hätte ich vielleicht nie mehr richtig existiert, vielleicht nie den Geruch eines Mullverbands gerochen oder das zarte Zwinkern einer Augenwimper auf meiner Wange gespürt.“ Zwischen den beiden herrscht sofort eine tiefe Innigkeit, die sich mit Worten schlecht beschreiben lässt. Will fühlt sich in Lulus Anwesenheit geborgen, ein vertrautes Kissen, auf das er seinen Kopf legen kann. In nur kurzer Zeit verändert sich nicht nur Wills Stimme, auch das triste Dasein verliert an Dunkelheit.

So schön die Liebe auch ist, manchmal hat sie etwas Hexenhaftes. Das muss Will bald am eigenen Leib erfahren. Es zieht sich eine schmerzliche Odyssee durch das Buch, die nicht immer schmerzt. Dies ist Evisons glänzender Sprache zu verdanken, die an den richtigen Stellen auslotet und finstere Momente mit einem Besen wegfegt. In einem tragisch-komischen Ton fängt er mich auf, schiebt tiefe Seufzer weg und entlockt mir ein Schmunzeln. Jonathan Evison ist ein Meister der Worte, er begeistert mich mit schönen Bildern, dem poetischen Singsang zwischen den Zeilen und Metaphern. Die klammern sich wie Schneeflocken an meine Wimpern und umschmeicheln mich, verwandeln die Unruhe in eine Stille, die ich mir um den Hals binden will.

„Alles über Lulu“ ist viel mehr als eine Liebesgeschichte, es ist auch die Geschichte darüber, sich selbst in dem warmen Schoß der Familie fremd zu fühlen, mit einer Kälte zwischen dem Herzen. Will ist ein kleiner Zyniker, der trotz Melancholie eine erfrischende Überheblichkeit in sich trägt. Da rutschen ihm auch mal Gedanken wie dieser heraus: „Manchmal fällt der Apfel eben weit vom Stamm, und gelegentlich rollt er dann den Berg runter und in den Bach, und bisweilen wird er sogar stromabwärts gespült oder gerät in einen Strudel.“ Ein schiefes Kräuseln umspielt an solchen Stellen die Lippen. Die Familie Miller ist sehr ungewöhnlich, eine Variation aus Sauerkraut und Lakritz-Katzenpfötchen. Bis zur letzten Seite flatterten meine Wimpern auf und ab, die Augen hatten dabei so ein Strahlen, manchmal waren sie feucht vor Rührung oder manchmal vor Lachen.

Jonathan Evison.
Alles über Lulu.
August 2011, 379 Seiten, 19,99 €.
Kiepenheuer & Witsch.

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5 Gedanken zu “Wie Sauerkraut und Katzenpfötchen.

  1. Schon seit einer Weile umtänzeln wir einander, dieses Buch und ich, und können uns nicht so recht entscheiden, ob wir es miteinander versuchen sollen … aber jetzt haben wir mit deiner Rezension einen weiteren Schritt aufeinander zu gemacht 😉

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