Sehnsucht Afrika.

Wie fange ich nur eine Rezension über ein Buch an, das einfach perfekt ist? Von Stolpersteinen oder windigen Zügen fehlte jede Spur, ans Hadern und Zögern war erst gar nicht zu denken. Stattdessen hatte ich nur einen Wunsch: Lesen! Die Lektüre hat mich von der ersten Seite bis zum Ende begeistert und zog sich geradlinig durch meinen hungrigen Lesefluss. Wie eine Schiffsschraube drehe ich selbst jetzt noch unendliche Runden in der Geschichte, rudere mit den Armen und weiß gar nicht so recht, wie beginnen soll.

Am besten mache ich es wie die Protagonistin gleich zu Beginn des Buches und erzähle ebenfalls „hübsch ordentlich der Reihe nach“. Gina Mayer entführt mich in ihrem neuen Buch „Die Wildnis in mir“ nach Namibia um 1900, als das Land noch von Kolonialmächten aufgeteilt worden war. Im Mittelpunkt steht die junge Henrietta, die ich zunächst in Deutschland kennenlerne, in der Wuppertaler Kohlstraße. Dort fristet sie mit ihrer Mutter ein armes Dasein. Der Vater ist verstorben und das vererbte Geld an die Tochter hat die Mutter längst aufgebraucht. Als eines Tages ein zweiter Brief aus Afrika ins Haus flattert, schiebt sich eine kleine Aufregung in Henriettas freudloses Leben. Was dort wohl drinnen steht? Neugierig schleicht sie um ihre Mutter und fragt sie aus, doch die entgegnet ihr, das sei nichts von Belang. Mit dieser einfachen Antwort kann sich die aufgeweckte Henrietta nicht zufriedengeben. „Nichts von Belang. Als ob einer einen Brief durch die halbe Welt schicken würde, wenn er nichts wirklich Wichtiges mitzuteilen hätte.“ Die Mutter verscheucht weitere Fragen der Tochter und beendet abrupt das Gespräch, selbst später beim Abendbrot geht sie nicht mehr auf den Brief ein. Stattdessen eröffnet sie ihrer Tochter, dass Henrietta als Dienstmagd anfangen wird. Das erzürnt Henrietta innerlich so sehr, hat sie doch ganz andere Zukunftspläne: Im nächsten Sommer soll ihre Ausbildung am Lehrerinnenseminar beginnen! Mit einer Lüge gelingt es dem 15-jährigen Mädchen relativ schnell, sich dem Job zu entziehen. Die daraus schwindende Geldeinnahme treibt die Mutter in Verzweiflung, bis sie nur noch eine Chance sieht, der Armut zu entfliehen: Sie nimmt das Angebot an, das sich im weitgereisten Brief befindet. Der Missionar Freudenreich hat um die Hand der Mutter angehalten. Also brechen die beiden ihre Zelte in Deutschland ab und nehmen Kurs auf Afrika.

Eine atemberaubende Reise erstreckt sich über die vielen Seiten, mit der ich nicht gerechnet habe. Ein Hindernis schiebt sich über das nächste, an ein entspanntes Ankommen ist in keiner Sekunde zu denken. Dem Klappentext zufolge dachte ich, es geht auf nach Afrika und dort endet die Reise. Weit gefehlt! Gina Mayer schiebt mich zusammen mit Henrietta durch das heiße, unbekannte Land, treibt mir Schweißperlen auf die Stirn, weckt meinen Entdeckergeist und entlockt das Abenteuer in mir. Der Hals ist trocken, das Herz pumpt und versetzt mir einen Adrenalinschub nach dem anderen.

Henrietta ist eine bemerkenswerte Person, die ich sofort ins Herz geschlossen habe. Ich liebe ihre Zielstrebigkeit, Träume, Sensibilität und Kraft, von der sie sicherlich damals in der Kohlstraße nicht ansatzweise geahnt hat. Gina Mayer stellt nicht nur das Leben der jungen Frau in den Vordergrund, sie hat noch eine zarte Liebesgeschichte hinzugefügt, die bewegt und nicht einen Moment in den Kitsch abknickt. In einer sehr schnörkellosen, feinfühligen Sprache erzeugt die Autorin viel Gefühl, eine knisternde Spannung und legt der Ich-Erzählerin kluge, selbstbewusste Gedanken in den Kopf. Um Henriettas Geschichte herum hat Gina Mayer das Namibia vergangener Jahre authentisch beschrieben, mir die unendliche, verdorrte Landschaft nach Berlin geschafft und darüber hinaus ein sehr wichtiges Thema, den Rassenkonflikt, angesprochen. So ist ein wunderbares Jugendbuch entstanden, das einfach perfekt ist und all das bietet, was junge Menschen begeistert. „Die Wildnis in mir“ ist mehr als nur ein Abenteuer, es ist… hach, lest es selbst!

Gina Mayer.
Die Wildnis in mir.
August 2011, 336 Seiten, 16,95 €.
Altersempfehlung: 13 bis 16 Jahre.
Thienemann Verlag.

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6 Gedanken zu “Sehnsucht Afrika.

  1. Liebe Klappentexterin

    Du hast von Petra bereits den „The versatile Blogger“-Award verliehen bekommen. Du kriegst von mir noch einen dazu. Du weisst, ja, bei Meryl Streep reiht sich auch „Oscar“ an „Oscar“ 😉
    Grund dafür ist, weil ich deinen Blog einfach nur grossartig finde und ich schon wunderbare Entdeckungen bei dir gemacht habe.

    Literarische Grüsse
    buechermaniac

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  2. liebe klappentexterin, so will ich mich nach langer zeit mal wieder mit einem kommentar bei dir bemerkbar machen und dir für die begeisterung danken, mit der du dieses buch vorgestellt und mich zur bestellung desselben animiert hast ….

    ich entsende dir erwartungsvolle grüße
    flattersatz

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  3. Vielen lieben Dank, buechermaniac! Für den Award und deine schönen Worte dazu! Sie beglücken mein Herz und Kopf gleichermaßen.

    Und dem verehrten Herrn flattersatz danke ich ebenfalls für seinen Besuch und den lieben Gruß. Erst kürzlich war ich auch bei dir, jedoch stumm, dafür entzückt über ein Buch, das du wie immer wunderbar beschrieben hast. „Die Wildnis in mir“ wird dir viel Freude bereiten, das weiß ich schon jetzt und wünsche dir aufregende Lesestunden mit der Lektüre!

    In diesem Sinne, die besten Grüße an euch,

    eure Klappentexterin

    PS: Leider geht aktuell die Antworten-Funktion unter den jeweiligen Kommentaren nicht mehr. Deshalb gibt es eine gemeinsame Antwort.

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