„Die fabelhafte Welt der Amélie“ lässt grüßen!

Leichtfüßig kommt der Roman „Nathalie küsst“ von David Foenkinos daher und streicht mich wie eine Feder. Der Stil ist zunächst gewöhnungsbedürftig, zwischen den Buchstaben hängt ein schräges Lächeln, das mich ein bisschen durcheinander bringt und die Augenbrauen in Richtung Himmel heben lässt. Das Buch hat diesen typischen französischen Charme, den man liebt oder nicht.

Es ist eine sehr traurige Geschichte, die der Franzose niedergeschrieben hat. Nathalie verliert bei einem Unfall ihren geliebten Ehemann. François war nicht irgendein Mann, sondern der ideale Partner und ein Seelenverwandter zugleich. Wenn alles stimmt, nichts ziept oder sich störend dazwischen schiebt. Jede Windung passt, eine wohltuende Harmonie legt sich in die Herzen von zwei Menschen, die sich gesucht und gefunden haben. Ein wahres Glück, das bei „Nathalie küsst“ jedoch nicht beständig ist und gleich zu Beginn wie Staub zerfällt. Das Schicksal treibt einen spitzen Keil in das Glück der beiden Liebenden, teilt es in mehrere Stücke und zerstört alles. Der Schmerz nach dem Verlust ist groß, sitzt tief, doch Nathalie flieht aus der ohnmächtigen Trauer und vergräbt sich in ihrer Arbeit. Eines Tages küsst sie aus einem Reflex heraus ihren schwedischen Mitarbeiter Markus, der ganz verdattert zurückbleibt und danach vollkommen aus dem Gleichgewicht gerät. Für Nathalie war das nur ein Kuss, ohne große Bedeutung, ein kurzes Aufflackern erotischer Gefühle nicht mehr und nicht weniger: „Mit diesem Kuss hatten ihre Neuronen eine jähe anarchische Kundgebung abgehalten, dieser Kuss war ein grundloser, unmotivierter Akt.“ Für Markus hingegen steckt viel mehr darin. Bald schon bricht eine Welle aus und bringt das Leben der beiden Menschen mächtig durcheinander. Fast so als würden sie sich in einem Mixer wiederfinden.

Ich komme nicht herum, das Buch mit „Die fabelhafte Welt der Amélie“ zu vergleichen. Es sind vor allem die Einschübe des Autors, die mich sofort an den Film denken lassen. Diese Stimme von außen weist auf Nebensächlichkeiten, die danach jedoch nicht mehr nebensächlich sind, sondern etwas Zauberhaftes haben. Auf der ersten Seite stoße ich beispielsweise auf eine freche Fußnote, die ich liebend gern zitieren möchte: * Nathalies haben häufig einen Hang zur Nostalgie. Frech, nicht wahr? An dieser Stelle habe ich das Gefühl, als würde mir jemand zu zwinkern und mich auf Wolken tragen. Ich schwebe nicht nur einmal lächelnd in diesem Buch und erlebe solche Momente.

Zu den kommentierenden Fußnoten gesellen sich einzelne Abschnitte, die von draußen gegen das Fenster klopfen. David Foenkinos spielt Daten und Fakten aus dem wirklichen Leben mit ein wie „Beispiele von dummen Sprüchen, die Leute so gern hervorbringen“ oder den „Auszug aus einer Bildanalyse von „Der Kuss“ von Gustav Klimt“. Diese Stilelemente führen mich zum Film mit der verträumten jungen Dame und schenken mir ein leichtes Lächeln. Leicht deshalb, weil die Momente in leisen Schritten mein Herz berühren. Es geht nicht laut und gewaltig zu, sondern bleibt die ganze Zeit zurückhaltend und zart wie hauchdünne Schokolade.

Ich wäre eine Lügnerin, wenn ich behaupten würde, die Stimme aus dem Off und ich hätten uns von Anfang innig geliebt. So ist es keineswegs. Mit einem Kratzen am Kopf fragte ich mich zunächst, was die eingespielten Fakten in der Romanhandlung zu suchen hatten. Husch, husch, hinaus mit euch! rief die eine Stimme. Aber nein, wie kann ich sie nur vertreiben wollen? Sie gehören doch genauso in die Geschichte wie die Personen, entgegnete die andere Stimme. Letztere hatte Recht, denn diese Kombination verleiht dem Roman dieses gewisse Etwas, das aus großen Frauen kleine Mädchen und aus gestandenen Männern unsichere Jungs macht. Übermütig, frech und charmant.

David Foenkinos erzählt von dem traurigen Schicksal, das jedem von uns treffen kann, aber statt sich in Gefühlen zu verlieren, umgeht er den schwarzen Schleier mit einer Leichtigkeit. In einer klaren, poetischen Sprache erzählt er eine bewegende Geschichte. Niemals erdrückt er mich, viel mehr trägt mich der Autor durch das gesamte Buch, das ich erst durch eine Empfehlung gelesen habe, denn das Cover und der Titel allein hätten mich nicht verführt, weil es irgendwie kitschig aussieht und das gleiche verspricht wie der Titel. Aber wie heißt es so schön? Der Inhalt zählt. Und der überzeugt mich. Wer zauberhafte Liebesgeschichten aus Frankreich liebt, sollte an diesem Buch nicht vorbeigehen und so leichtfüßig wie ich durch das Buch schreiten.

David Foenkinos.
Nathalie küsst.
Juli 2011, 239 Seiten, 16,95 €.
C.H. Beck

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17 Gedanken zu “„Die fabelhafte Welt der Amélie“ lässt grüßen!

  1. Liebe Klappentexterin,
    vielen Dank für Deine feine Besprechung! Ob wir uns für das Lesen dieses Buches entscheiden werden, wissen wir nicht.
    Aber es ist jedes Mal ein Genuss für uns, ein Buch von Dir vorgestellt zu bekommen. Es gefällt uns unglaublich gut, wie Du schreibst und beschreibst. Immer wieder neu.
    dm und mb

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    1. Verehrte Besucher,
      ich danke euch herzlich für eure wertschätzenden und lieben Worte, da bekomme ich gleich ein rotes Köpfchen und sehe aus wie Rotbäckchen. ; )
      Wenn euch mal nach einer leichten, entzückenden französischen Liebesgeschichte sein sollte, habt ihr hier eine Inspiration und vielleicht verwandelt sich dann die Unentschlossenheit in eine Entschlossenheit. Ich bleibe wie immer gespannt.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Oh, das hast du so, so schön geschrieben … ich finde, das ist (von all den wunderschönen, die du immer schreibst) die allerschönste Rezension heuer. Wenn man das mal so festlegen kann. Du hast die Stimmung einfach perfekt eingefangen … deine Worte sind selbst so zauberhaft wie das Buch.

    Ich fand die Einschübe übrigens von Anfang an grandios – gleich bei den ersten zwei, drei hab ich mir gedacht: Ja, das ist ein Buch für mich, ich seh schon, wir mögen uns!

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    1. Liebe Mariki,
      merci beaucoup! Das kann ich nur zurückgeben, ich war von deiner Rezension sehr angetan, habe die Leichtigkeit zwischen den Zeilen aufgesogen und hätte das Buch spätestens jetzt lesen wollen. Ja, wir mögen uns!

      Zauberhafte Grüße
      Klappentexterin

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  3. Eine wirklich ungewöhnlich erzählte, aber dafür umso französischer wirkende Liebesgeschichte. Schade ist allerdings, dass man bei der Übersetzung der Titel aus dem Französischen oft nicht die richtigen Worte findet. Das Original lautet „La Délicatesse“ und übrigens nicht immer – wie man vielleicht glauben möchte – sollte man dieses elegante Wort mit „feinen Speisen“ verwechseln und es – meinem Empfinden nach – keinesfalls mit „Nathalie küsst“ ersetzen.

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    1. Salut!
      Ich kann dem nur zustimmen und finde man hätte aus dem Buch noch mehr machen können. Angefangen vom Titel bis hin zum Cover. Das vordere Erscheinungsbild eines Buches ist wichtig, es ist der Eyecatcher, der den Leser neben dem Klappentext verführen soll. Man fragt sich ja schon, wie aus „La Délicatesse“ ein „Nathalie küsst“ entstehen konnte. Da ist das Zauberhafte mit der Übersetzung verlorengegangen. Schade!

      Tous mes voeux,
      Klappentexterin

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  4. Boah, ist das fies! Eben hat mich doch schon Ada Mitsou angefixt, diesen Roman zu lesen. Und jetzt lese ich auch bei dir so eine wunderbare und feinfühlige Rezension, liebe Klappentexterin. Eigentlich war ich ja schon auf dem Weg in die Buchhandlung, um mir „Nathalie küsst“ zu besorgen. Jetzt gehe ich nicht, sondern eile dahin. Vielen Dank für diesen großartigen Moment der Vorfreude! (Und natürlich auch für die Leseempfehlung!)

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    1. Liebe nantik,
      ich musste schon schmunzeln, als ich das Buch zeitgleich auf zwei anderen Blogs entdeckt habe, die mit zu meinen Lieblingen gehören. Neben Ada hat auch Mariki eine schöne Rezension geschrieben. Drei Menschen also, die allesamt verzaubert sind und das stille Buch in den Vordergrund ziehen. Ist es doch eher unscheinbar, was ich sehr schade finde.

      Mich freut es sehr, dass du auch bald das charmante Lächeln mit uns teilen wirst. Viel Freude wünsche ich schon jetzt!

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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      1. Weil ich vergangene Nacht mal wieder nicht schlafen konnte, habe ich Nathalie und ihren Küssen einen Besuch abgestattet. Leichtfüßig und charmant wurde ich von ihr durch die Nacht getragen. Ich habe gelitten, geschmunzelt, mich gewundert, war betroffen und doch voller Hoffnung. Und ich komme noch jetzt ins Schwärmen, wenn ich an David Foenkinos‘ Sprache und Stil denke. Leicht war er, dieser Roman, aber nicht seicht. Eben einfach wunderschön! Ohne dich, liebe Klappentexterin, wäre das so nicht möglich gewesen, denn dann hätte ich das Buch übersehen. Vielen Dank, dass ich das nicht habe!

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      2. Hach, liebe nantik, ich freue mich!! Und danke dem Mond, dass er dir eine schlaflose Nacht beschert und dich so zum Buch geführt hat. Wie schön, wir teilen nun das gleiche charmante Lächeln. Lieben Dank für deine geteilte Freude und deine Gedanken zu „Nathalie küsst“.

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    1. Liebe Bücherliebhaberin,
      merci, merci! Da frage ich mich (und das nicht zum ersten Mal): Wie machen die Franzosen das nur? Wie kann es sein, dass sie stets so wunderbar leicht und charmant über die Liebe schreiben?
      Ich freue mich jedenfalls sehr, dass ich bei dir eine weitere Liebesgeschichte von unserem Nachbarn finde. Merci, merci!

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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