„Madame Hemingway“ – Ein Fest fürs Lesen!

„Paris – Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway zählt zu meinen Lieblingsbüchern. Ich habe es vor vielen Jahren gelesen, der Inhalt ist leicht verblasst, aber das wunderbare Gefühl blieb. Bisher gab es für mich Ernest Hemingway, nur vage erinnere ich mich an seine erste Ehefrau Hadley Richardson. In den meisten Biographien trägt sie den Titel der „The Paris Wife“. Ansonsten weiß man wenig über die erste Frau von Ernest Hemingway, die gerade zu Beginn seiner Schriftstellerlaufbahn eine bedeutende Rolle einnahm. Wer verbirgt sich hinter dem Schatten dieses großen Schriftstellers? Das wollte ich wissen und schlug „Madame Hemingway“ von Paula McLain auf. In dem Roman hat die Autorin zusammen mit biographischen Elementen eine fiktionale Geschichte erzählt und damit Hadley eine Stimme gegeben.

Anfangs war ich skeptisch. Inwiefern vertragen sich Fiktion und Realität? Diese Frage setzte sich zunächst quer zwischen den Wunsch, das Buch zu lesen und mehr über die Frau an Hemingways Seite zu erfahren. Bereits nach den ersten Sätzen konnte ich mich daraus nicht mehr lösen und schob die Zweifel wie Gardinen einfach beiseite, ließ mich hineinziehen in eine faszinierende Liebesgeschichte, die in 1920 in Chicago beginnt.

Dort lernt die 28-jährige Hadley den sieben Jahre jüngeren Ernest kennen, zu einem Zeitpunkt, in dem Hadley allmählich aufblüht und aus einem „komaähnlichen Zustand“ erwacht. Wie eine Blume öffnen sich die Blütenknospen nach einem kalten Winter, zum ersten Mal spürt Hadley ein neues Lebensgefühl durch ihr Herz ziehen. Obwohl Hadley aus einer privilegierten, wohlhabenden Familie stammt, liegen schwere Jahre hinter ihr, in denen ihr die Leichtigkeit abhanden gekommen ist. Jetzt liebt sie es doppelt von Ernest umworben zu werden, doch die Freude wird durch ihre Freundin Kate getrübt, die behauptet, Ernest würde alle Frauen lieben. Das verwirrt Hadley, trägt sie ein ganz anderes Bild von dem jungen Mann in ihrem Herzen: „Er schien so aufrichtig und zugewandt.“ Fortan versucht sie in seiner Anwesenheit, einen klaren Kopf zu behalten, kein Drama heraufzubeschwören und genießt jeden Augenblick. Nach einer Woche kehrt Hadley zurück nach St. Louis und erhält schon am Tag nach der Rückkehr einen Brief von Ernest. Viele weitere folgen, es entfacht ein reger Briefwechsel zwischen den beiden bis zum entscheidenden Brief, in dem Ernest seiner Hadley einen Heiratsantrag macht.

„Madame Hemingway“ ist ein facettenreiches Buch, mit vielen Nuancen. Ist der Ton anfangs federleicht, überschwänglich, gewinnt er mehr und mehr an Tiefe, melancholische Klänge überwiegen zum Ende hin zu. Es ist eine Geschichte über zwei Menschen, die eine besondere Innigkeit spüren, jeder gibt den anderen, was er braucht. Die Beziehung hat etwas Erhabenes und lebt von einer wahren Aufrichtigkeit, die berührend ist.
Nach der Hochzeit ziehen sie nach Paris, dort ist es alles andere als glanzvoll. In ärmlichen Verhältnissen richtet sich das junge Liebespaar in einem schäbigen Apartment ein. Während Ernest tagsüber in Cafés schreibt, nach und nach als Schriftsteller aufblüht, an der Seine vor Liebe zur Stadt explodiert, ist Hadley zunächst nur beeindruckt, nimmt das in Kauf wie so vieles, weil ihr das Leben ihres Mannes als Autor sehr wichtig ist. An einer Stelle sagt sie später: „Wie wir uns in Paris durchschlagen wollten, stand noch in den Sternen, aber darum konnte ich mich jetzt nicht sorgen. Ich musste nun stark für Ernest und mich zugleich sein, und ich würde es schaffen.“ Solche Sätze verdeutlichen die wichtige Rolle, die Hadley an Hemingways Seite einnahm. Sie war sein Anker, den er brauchte. Gleichzeitig war Hadley eine Frau, die nicht nur als Ehefrau wahrgenommen werden wollte. Beim ersten Kennenlernen von Gertrude Stein etwa muss sie sich mit deren Lebensgefährtin Alice Toklas in die „Ehefrauenecke“ zurückziehen und empfindet großes Bedauern. Viel lieber würde sich Hadley mit Gertrude am Kamin unterhalten und geistreiche Gespräche führen.

Die Autorin entführt ihre Leser auch in das faszinierende Paris der zwanziger Jahre, das Paris der Künstler und Schriftsteller. Gertrude Stein, Ezra Pound, Zelda und F. Scott Fitzgerald kreuzen auf und sind bald fester Bestandteil im Leben der Hemingways. So finde ich mich im bunten Leben der Bohemiens wieder. Obwohl die anderen eher oberflächlich umrissen werden, schmälert das den Wert für mich keineswegs, sind es die beiden Liebenden um die es hier vorrangig geht, neben Hadley selbst natürlich. An ihr bin ich nah dran, erlebe jeden Gedanken und jede Gefühlsregung, tanze und leide mit ihr. Und in alldem lerne ich Ernest Hemingway von einer anderen Seite kennen, sensibel und von dem Traum getrieben, ein guter Schriftsteller zu werden. Paula McLain hat dafür in einzelnen Passagen die Sichtweise von Ernest mit eingeflochten, um den Blickwinkel zu erweitern, ihn den Leser näher zu bringen. Das Buch zeigt darüber hinaus das schriftstellerische Schaffen von Ernest Hemingway. Ich schaue dem Autor beim Entstehen von „Fiesta“ zu und stecke ich mittendrin in den Höhen und Tiefen eines typischen Autoren.

„Madame Hemingway“ ist ein bemerkenswertes Porträt über eine starke Frau und eine hinreißende Liebesgeschichte. Im Nachwort schreibt Paula McLain: „Ich hoffe, dass mein Roman nicht nur die Fakten über die Pariser Jahre von Ernest und Hadley wiedergibt, sondern auch das Wesen dieser Zeit und ihrer tiefen Verbindung beleuchtet, indem er das Erfundene mit dem unbestreitbar Realen verbindet.“ Das ist ihr bestens gelungen. Sie konnte ein rundes Bild zeichnen mit den eigenen Dialogen und dem Wissen, das sie aus den Biographien und den Briefwechseln zwischen Hadley und Ernest gezogen hat. Wie gut Fiktion und Realität Hand in Hand gehen und begeistern können, zeigt dieser eindrucksvolle Roman, der nicht nur einen informativen Charakter hat, sondern ebenso auf besondere Weise bewegt. „Madame Hemingway“ ist wahrlich ein Fest fürs Lesen!

Paula McLain.
Madame Hemingway.
Juli 2011, 456 Seiten, 19,99 €.
Aufbau Verlag.

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25 Gedanken zu “„Madame Hemingway“ – Ein Fest fürs Lesen!

  1. Jetzt habe ich das Buch immer noch nicht, liebe Klappentexterin, und schon so viele gute Rezensionen dazu gelesen. „Ein Fest fürs Lesen“ ist ja auch ein großartiger Titel : ) Und so ein Fest sollte ich mir auf keinen Fall entgehen lassen. Derzeit lese ich Peter Kurzeck, ganz, ganz anders, aber sehr interessant und mit hoher Sogwirkung. Beim nächsten Buchkauf muss jedenfalls die Madame mit : ) Liebe Grüße, Petra

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    1. Weißt du, liebe Petra, ich sage mir immer: Jedes Buch zu seiner Zeit. Bisher hat es sie für dich einfach noch nicht gegeben, aber sie wird kommen. : ) Über Peter Kurzeck habe ich schon einiges gehört. Sein Buch ist ein opulentes Werk, nicht wahr?

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      1. Das derzeitige, „Vorabend“, ja – sehr! Ich habe mit „Übers Eis“ angefangen, das ist weniger umfänglich, bietet aber einen prima Einstieg in sein Gesamtwerk. Ich wollte erst einmal sehen, ob mir sein Stil gefällt. Wenn du seine Bücher mal irgendwo siehst, kannst ja mal reinschauen, liebe Klappentexterin. Der Stil ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber die Gewöhnugsphase geht sehr rasch vorbei und schon ist man „drin“.

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      2. Ehrlich gesagt, war mir der Autor bislang nicht bekannt. Irgendwann schwirrte er in den Medien herum und erweckte meine Aufmerksamkeit. War er nicht für den Buchpreis nominiert? Sollte mir das Buch demnächst über den Weg laufen, werde ich meine Augen hineinlegen. Obwohl ich aber auch gestehen muss, dass ich mich eigentlich vor so dicken Wälzern scheue…

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      3. auch ich habe hr. kurzeck erst vor kurzem kennen
        und schätzen gelernt, seine hörbücher
        „da fährt mein zug“ und „mein wildes herz“ haben mich begeistert.

        es scheint, als ob er ohne manuskript erzählt, ihm zuzuhören
        ist wie den reiseberichten eines guten freundes bei einer flasche
        wein zu lauschen.

        er versteht es seinen blick auf den kleinen, unscheinbaren mikrokosmos zu richten und durch seine genauen und liebevollen beschreibungen
        seiner umwelt und sich selbst aus „unspektakulären“ begebenheiten
        , ein großes ganzes zu erschaffen.

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  2. Mir ergeht es wie der lieben Petra „über mir“! Deine lebendige und ansprechende Empfehlung ist das i-Tüpfelchen von einer Reihe guter Rezensionen, die ich über dieses Buch gelesen habe. Ich hebe es jetzt mit beiden Händen auf und lege ein Exemplar in meinen Bücherwunschzettel – Weihnachten kommt bestimmt… 🙂
    Liebe Grüße von Frau Feuerfalter

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    1. O ja, liebe Frau Feuerfalter, leg es in deinen Bücherwunschzettel und dann drücke ich die Daumen, dass dir der Weihnachtsmann dieses wunderbare Buch unter den Christbaum legt. Du wirst mit „Madame Hemingway“ schöne, unvergessliche Stunden erleben!

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  3. Lass es mich so ausdrücken: Prinzipiell bin ich keine Partymaus, aber dieses Fest möchte ich mir nun doch nicht entgehen lassen. Du hast mich mal wieder verführt, liebe Klappentexterin. Vielen Dank dafür!

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      1. Früher habe ich auch immer gedacht, mehrere Bücher gleichzeitig zu lesen, das geht nicht, aber die Neugier ist manchmal größer, dass ich nicht anders kann. Probier’s doch einfach mal aus. Falls es dir nicht gefällt, kannst du „Vorabend“ immer noch in Ruhe beenden und dich insgeheim auf „Madame Hemingway“ freuen.

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  4. Ja, liebe Mariki, „den Gesamteindruck des Buches abrunden“. Das trifft es perfekt! Außerdem sei noch angemerkt, dass Lesen ein subjektives Empfinden bleibt. Je mehr Rezensionen man liest, um so mehr fängt man ein. Besonders schön ist es dann natürlich, wenn ich auf so feine Besprechungen treffe. : )

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  5. „Wie eine Blume öffnen sich die Blütenknospen nach einem kalten Winter..“ – einfach nur bezaubernd, diese Beschreibung. Das Buch muss ich unbedingt auch noch lesen. Jetzt noch mehr als vorher. ;-P

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