Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann.

Ich hatte eine große Sehnsucht nach Wien, also brach ich dorthin auf. Nicht etwa mit der Bahn oder dem Auto, nein, mit einem Buch. Christina Maria Landerl zeichnet mit ihrem Roman „Verlass die Stadt“ ein so klares Bild von Wien, dass ich durch die Florianigasse gelaufen bin und das riesige einnehmende AKH – Das Allgemeine Krankenhaus – direkt vor mir sah. Wer jetzt denkt, es handelt sich nur um einen Reiseführer, der irrt. Der Roman ist neben der Entdeckungstour durch Wien auch mit einer Suche verbunden.

Margot ist die Initialzündung in der Geschichte. Die junge Frau ist wie vom Erdboden verschluckt. Das ist seltsam, denn Wien ist für Margot nicht irgendeine Stadt, sondern eine besondere Verbindung zu Ingeborg Bachmann. Nachdem sie „Malina“ gelesen hatte, wollte Margot unbedingt nach Wien und Ingeborg Bachmanns Spur folgen. Der ist sie nachgegangen, nur blieb die Entdeckungstour für sie ernüchternd: „Alles war anders, als ich es mir vorgestellt habe. Ich habe die Stadt nach Malinas abgesucht. Ich habe nicht viele gefunden.“

Trotzdem bleibt Margot, sucht sich selbst in der Stadt, findet sich nicht und bleibt gerade deshalb viele Jahre dort. Später nimmt sie die Suche nach Ingeborg Bachmann sogar wieder auf, sie wird einfach nicht müde davon. Und jetzt ist sie selbst eine Gesuchte. Wo ist sie hin?
Zunächst staunen ihre Freunde Gudrun, Max und Peter nicht allzu besonders, dass Margot schweigt und nichts von sich hören lässt. Ihnen fallen sofort Gründe ein. Wahrscheinlich schreibt sie an ihrer Diplomarbeit und außerdem meldet sie sich sowieso eher selten, aber komisch finden sie es am Ende schon und rufen die gemeinsame Freundin an. Margot geht nicht ans Telefon. Als die Mailbox anspringt, wundert sich Peter darüber, dass Margot das Lied dort verändert hat, „Vienna Calling“, ihr gemeinsames Lied, das sie verbunden hat, wurde gegen ein anderes ausgetauscht. Irgendwas ist anders und jetzt macht sich bei den Freunden eine Unruhe breit, verdrängt die anfängliche Gelassenheit. Eine Suche beginnt mitten im heißen Sommer.

Die Geschichte führt auch hinein in eine Clique, die sich vertraut ist und dennoch an einigen Stellen in verschiedene Stücke spaltet. Gudrun war mal mit Max zusammen, jetzt erwartet er mit seiner Freundin Laura ein Kind. Peter betreibt ein Lokal, am liebsten hängt er der guten alten Zeit nach und verliert sich gern in Erinnerungen, er ist sentimental, sagen die anderen und er weiß es selbst. Gudrun und Max können damit nichts anfangen, Margot hingegen schon, sie hat das verstanden. Margot blitzt immer wieder auf, sie scheint ein fester Ankerpunkt gewesen zu sein, egal wie verrückt und anstrengend sie gewesen sein mag.

Christina Maria Landerl bewegt sich wie eine laufende Kamera durch den Roman, der aus zwei Stimmen besteht. Die eine gehört der Ich-Erzählerin, die als eine Art Reiseführerin durch Wien fungiert, Orte, Straßen und Gebäude näher erklärt, zwischendurch eigene Gedanken mit hineinstreut. Die andere ist das Dreiergespann mit einer anderen Perspektive. In winzigen Augenblicken zoomt sich die Autorin in deren Köpfe und holt die Gedanken an die Oberfläche. Sie ist dabei direkt, klar und manchmal erfrischend frech wie eines Morgens bei Gudrun: „Es ist acht Uhr und schon dreißig Grad heiß. Aber das größere Problem ist die Sonne, die sich durch die schmutzigen Fenster zwängt und Gudrun zuruft: Steh auf, mach was aus deinem Tag! Und Gudrun dreht sich noch einmal um und denkt: Ach Sonne, geh scheißen…“

Die Autorin spielt in ihrem Werk mit der Sprache, indem sie die Sätze wie Perlen auf eine Schnur zieht, manche haben einen langen Weg, andere fallen sofort an die richtige Stelle. Das Lesen dieser kurzweiligen Lektüre hat etwas vom Wellenreiten, ein reines Wechselbad der Abstände zwischen den Zeilen. Ich habe lange mit mir gehadert, wie ich dieses Werk einstufen soll, so habe ich mir noch mehr Nähe zum Innenleben der Protagonisten gewünscht, ein bisschen mehr Gefühl. Aber vielleicht gehört der schwebende Zustand dazu, wie der Geist Ingeborg Bachmanns, der über allem schwebte. Alle Wien-Fans werden mit dem Buch übrigens eine schöne Zeit haben, denn „Verlass die Stadt“ ist wie ein interessanter Reiseführer mit besonderem Tiefgang.

Christina Maria Landerl.
Verlass die Stadt.
August 2011, 136 Seiten, 16,95 €.
Schöffling & Co.

Über die Autorin:

Christina Maria Landerl wurde 1979 in Steyr/Oberösterreich geboren. Für ihre Prosa erhielt die Autorin Preise und Stipendien. „Verlass die Stadt“ ist ihr Debüt.

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11 Gedanken zu “Auf den Spuren von Ingeborg Bachmann.

  1. Das macht mich jetzt schon neugierig. Und ich danke dir für diese kleine Entdeckung, denn es gibt zu viele Bücher, als dass man alle Entdeckungen alleine machen könnte. Da braucht man eine Klappentexterin, die immer wieder kleine Perlen schenkt…

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    1. Da hast du recht, liebe Ailis! Der Büchermarkt ist einfach riesig. Mich erinnert er an ein unendlich-weites Universum mit so vielen Buch-Planeten. So freut es mich natürlich sehr, wenn ich mit meinem Raumschiff etwas Schönes finden konnte, das dich interessiert. Hab vielen Dank für deine lieben Worte!

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  2. Ingeborg Bachmann – da bin ich leider traumatisiert. In der Schule war das die einzige Lektüre, die mir nicht lag und in der Germanistik Zwischenprüfung wurde ich nach ihr gefagt, ohne etwas von ihr (eben aus oben genannten Grund) gelesen zu haben. Daher warte ich mit Freude auf deine nächste Buchvorstellung…

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    1. Was hast du denn gelesen, liebe Bücherliebhaberin? „Malina“ hat mich auch nicht überzeugen können, die Erzählungen dafür um so mehr. Ich eile, eile und arbeite aber schon an der nächsten Buchvorstellung…

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  3. es ist fast ein bisschen wie johnsons reise nach klagenfurt, da ist auch nur wenig angedeutet ueber die personen selbst, sondern es gibt viel mehr eien beschreibung der oertlichkeiten mit dem geist der personen darueber… dies buch klingt interessant, glaube, ich werde es lesen…

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  4. Liebe Klappentexterin,
    ganz lieben Dank für diese Buchbesprechung. Vor etlichen Jahren hat mich „Malina“ ein wenig um den Verstand gebracht. Ich habe es zwei Mal gelesen, dann einem guten Freund geschenkt, und wir haben immer mal wieder darüber gesprochen und gerätselt, auch bei einem Briefwechsel daraus zitiert. Jetzt stehen zwei sehr unterschiedliche Ausgaben davon in meinem Bücherregal, und wenn mein Blick sie streift, habe ich immer noch das Gefühl, etwas nicht verstanden zu haben. Zu rätselhaft, eigensinnig, bisweilen pathologisch ist mir die Geschichte und einige ihrer Figuren in Erinnerung geblieben. Erstaunlicherweise habe ich dennoch bis heute nie versucht, mir eine Art der Erklärung oder Deutung gefallen zu lassen. Inzwischen hätte ich ja längst mal im Kindler, der hier immer noch steht, oder vor allem im Internet, einmal nachlesen können. Das habe ich nie gemacht. Stattdessen freue ich mich jetzt umso mehr auf die Lektüre von Christina Maria Landerl. Ich bin sehr gespannt.
    Vielen Dank für Deinen Text!
    mb

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    1. Wenn es dich tröstet, „Malina“ hat das Gleiche mit mir angestellt. Die Geschichte bleibt bis heute für mich ein rätselhaftes Mysterium, das ich wohl niemals durchbrechen werde. Und obendrein war ich enttäuscht, hatten doch zu viele vor mir von diesem Werk geschwärmt. Vielleicht sollte man nicht zu viel verstehen wollen? Das dachte ich zwischenzeitlich. Ich habe trotzdem nicht aufgegeben und hatte mit Ingeborg Bachmann eindrucksvolle Lesestunden, ihren Erzählungen sei Dank! Schön, dass du trotzdem den Spuren mit „Verlass die Stadt“ folgen möchtest.

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  5. Danke für diesen Lesetipp, aber insbesondere auch für die Rubrik „Junge Literatur“! Ich lese sehr gern Kinder- und Jugendliteratur, finde aber, dass es dazu in den meisten Medien keinen guten Rezensionen gibt (häufig wird immer wieder ähnliches besprochen). Deshalb bin ich dankbar für Anregungen, vor allem auch aus kleineren Verlagen. Kennst du schon http://www.jungesbuch.de? Die Autorin der Seite hat auch eine spannende und vielseitige Auswahl.

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    1. Ich danke dir für dein Feedback, liebe Jessica! Das lese ich gern, ebenso freue ich mich über dein Mitbringsel. Da werde ich die Tage in Ruhe vorbeischauen. Wenn du kleine Verlage schätzt, kennst du bestimmt auch Tubuk, eine Online-Buchhandlung für unabhängige Verlage.

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