Außerirdisch.


Normalerweise finden Geschichten in Romanen statt, doch diese hier hat ihren Platz im Internet gefunden. Vanessa X heißt das Projekt, das von Michael Meisheit geschaffen wurde. Im realen Leben ist der Blogger als Drehbuchautor für die „Lindenstraße“ tätig, im Netz gibt er Vanessa X eine Stimme. Auf dem Blog dreht sich alles um die unglückliche, schwangere Vanessa X, die eines Tages ihren Traummann trifft. Sie würde sofort alles für ihn tun, denkt sogar an eine Affäre, doch Malo – so heißt der Mann – möchte, dass Vanessa ihm die Welt erklärt, da er von einem anderen Planeten kommt. Beinah täglich schreibt die junge Frau in ihrem Blog. Eine ungewöhnliche Geschichte, die ich neugierig verfolge. Da mir sofort einige Fragen durch den Kopf schwirrten, habe ich den Autor Michael Meisheit dazu interviewt.

Michael Meisheit wurde 1972 in Köln geboren. Seit 1997 ist er Drehbuchautor für die „Lindenstraße“. Vorher hat Michael Meisheit Sonderpädagogik auf Lehramt sowie Film und Medien studiert. Michael Meisheit lebt seit 1999 in Berlin.

Klappentexterin: Wie ist die Idee zu Vanessa X entstanden?
Michael Meisheit: Schon seit langem besteht bei mir der Wunsch, mich als Autor mehr im Internet zu tummeln, neue Möglichkeiten auszuloten, dazulernen. In diesem Sommer hatte ich endlich einmal die notwendige Zeit. Allerdings musste ich feststellen, dass Twitter und Facebook Grenzen hat bei dem, was ich dort (kreativ) schreiben kann. Ich mein: 140 Zeichen!? Also musste ein eigener Blog her und dazu passte eine alte Idee: Was wäre wenn „sie“ längst unter uns sind und unseren Planeten erforschen? Gepaart mit dem Umstand, dass sich eine von uns in einen von ihnen verliebt …

KT: Welche Bedeutung hat das X?
MM: Das X hat mehrere Bedeutungen. Zunächst einmal steht es für das Anonyme. Vanessa schreibt ihren Blog, ohne dass ihr Umfeld und die Personen, über die sie schreibt, es wissen. Deswegen musste sie ihren Namen verfremden. Deswegen gibt es keine Bilder von ihr. Vielleicht heißt sie nicht einmal Vanessa!
Allerdings ist das X auch eine Anspielung auf „Akte X“, denn schließlich haben wir es mit Außerirdischen zu tun. Und zu guter Letzt: Ich selbst hab schon vor zehn Jahren gebloggt, als dies in Deutschland noch gar nicht so hieß. Auf jetzt.de schrieb man schlicht „Tagebuch“. Dort habe ich den Nicknamen Michax. Also ist Vanessa X sozusagen auch eine „Weiterentwicklung“ der früheren Texte.

KT: Wie ist das so als Mann aus der Sicht einer Frau zu schreiben?
MM: Zunächst einmal war es mir wichtig, dass bei Vanessa X von Anfang an klar ist, dass es sich um Fiktion handelt und nicht um einen „Fake-Blog“, von denen ja einige unterwegs waren und sind. Daher war es naheliegend in die Rolle einer Frau zu schlüpfen. Als Fernsehautor bin ich diesen Rollentausch schon seit vielen Jahren gewohnt und er ist für mich auch nicht komplizierter, als aus der Sicht eines 65-jährigen Taxifahrers zu schreiben, mit dem ich wahrscheinlich weniger gemeinsam habe als mit Vanessa …

KT: Bei Vanessa X taucht Malo auf. Angeblich ist er ein Außerirdischer. Glaubst du an Lebewesen auf anderen Planeten?
MM: Ehrlich gesagt: Nein. Es würde mich jetzt zwar nicht total überraschen, wenn irgendwann mal Lebewesen auf anderen Planeten gefunden werden, aber ich bin nicht einer von denen, die daran glauben, dass die Amis in Area 51 längst Konferenzen mit Außerirdischen abhalten.

KT: Du schreibst fast täglich. Kommen dir die Einfälle zu den Episoden spontan oder hast du bereits ein Gerüst vorliegen, das du abarbeitest?

MM: Es gibt in meinem Kopf ein sehr grobes Gerüst und auch einen vorgesehenen Endpunkt(!). Außerdem nehme ich mir zwischendurch immer wieder mal die Zeit, um die nächsten Woche(n) etwas genauer zu strukturieren. Da ich aber gerne auch auf Leserkommentare oder aktuelle Ereignisse reagieren möchte, schreibe ich die konkreten Beiträge meist spontan kurz vor dem Posten.

KT: Wie viel Zeit investierst du täglich in den Blog?

MM: Unterschiedlich. Wenn an dem Tag ein Eintrag zu posten ist, sicher ein bis zwei Stunden. Völlig unterschätzt habe ich am Anfang allerdings, dass es mindestens genauso zeitaufwendig ist, den Blog zu bewerben wie ihn zu schreiben. Ich mache ja keine bezahlte Werbung und hatte am Anfang zur Verbreitung nur meine spärlichen Twitter- und Facebook-Kontakte. Und auch wenn es jetzt einen festen Leserstamm gibt, tue ich mich nach wie vor schwer, neue Leser zu finden – besonders wenn die “echte“ Arbeit mich zusätzlich fordert.

KT: Muss man Vanessa X von Anfang lesen oder kann man auch quer einsteigen?

MM: Der Blog ist extra so konzipiert, dass man auch „unterwegs“ einsteigen kann. Es gibt zwar Leute, die sich auch jetzt noch hinsetzen und alles von vorne lesen – wie bei einem Buch. Das freut mich natürlich besonders und es ist wahrscheinlich auch der größte Lesespaß. Kann man aber bei fast 50 Einträgen nicht erwarten.

Um quer einzusteigen, muss man einfach nur wissen, dass Vanessa (30, Mutter eines Zweijährigen, schwanger, unglücklich verheiratet) sich unsterblich in einen Typ (Malo) verliebt hat, der behauptet, von einem anderen Planeten zu stammen und von ihr unsere Welt erklärt haben möchte.

Außerdem gibt es immer wieder Kapitel, die in sich mehr oder weniger geschlossen sind. Hier kann man über ein Stichwort die letzten relevanten Beiträge lesen und ist dann bestens drin im Thema. Bei eventuell offenen Fragen wird dem Leser durch Links im aktuellen Text geholfen. Das ist ja das Tolle an der Blog-Form: Man muss nicht linear lesen!

KT: Du bist auch Drehbuchautor für die „Lindenstraße“. Wie kann ich mir dein Aufgabenfeld vorstellen?
MM: Ich bin dort einer von drei Autoren, die von der ersten Idee bis zum letzten Dialogsatz alles gestalten. Als Dienstältester Autor (14 Jahre!) schreibe ich auch die meisten Folgen pro Jahr und habe noch ein paar übergeordnete Aufgaben. Zum Beispiel mache ich zur Zeit die Schlussredaktion der Storylines, die wir vor kurzem gemeinsam für das nächste Jahr erarbeitet haben.

KT: Die Geschichten in der „Lindenstraße“ sind sehr realitätsnah. Vanessa X hingegen ist schon sehr fiktional. Ist der Blog sozusagen ein Gegenpol zu deiner Arbeit als Drehbuchautor?
MM: Ja und Nein. Ich hab ein paar Anteile „mitgenommen“, die mir an der „Lindenstraße“ besonders gefallen. Auch Vanessa X findet in Echtzeit statt, wird also immer aktuell mit Bezügen zum Weltgeschehen geschrieben. Und natürlich gibt es auch im Blog Cliffhanger, wie man sie von TV-Serien kennt. Andererseits ist es in der Tat befreiend, sich einmal mit unbegrenzten erzählerischen Möglichkeiten auf wenige Figuren zu stürzen, was bei einer Fernsehproduktion niemals möglich wäre.

KT: Warum füllst du einen Blog mit deiner Geschichte und nicht ein Buch?
MM: Weil ich ein großer Fan des Internets bin und glaube, dass die erzählerischen Möglichkeiten dieses immer noch relativ neuen Mediums noch lange nicht ausgereizt sind. Bisher werden hauptsächlich bekannte Formate ins Internet übertragen: Kleine Filme oder gestückelte Romane. Vanessa X ist ein erster Versuch, durch Links und auch die Interaktion mit Social-Media-Plattformen eine fiktive Welt zu schaffen, die über einen bloßen Text hinausgeht. Vanessa hat dementsprechend auch einen Twitter- und einen Facebook-Account, die in Zukunft auch noch mehr genutzt werden sollen. Ich lerne täglich dazu, so dass ein solcher Blog irgendwann vielleicht zu einer eigenständigen Erzählform werden kann. Das zumindest ist mein Traum!

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Michael Meisheit weiterhin viel Erfolg!

Hier kommt ihr direkt zum Blog Vanessa X. Viel Spaß beim Lesen!

Advertisements

10 Gedanken zu “Außerirdisch.

  1. Hui, was du so alles entdeckst! Die Handlung liest sich auf den ersten Blick nicht soo interessant für mich, doch deine Empfehlung in Kombination mit dem Interview hat mich nun doch neugierig gemacht. Bald habe ich ein paar Tage Urlaub und dann werde ich mal ganz gemütlich dort vorbeischauen…

    Gefällt mir

    1. Ein Besuch lohnt sich, sind es vor allem die Sprache und die Links in den Beiträgen, die große Freude bereiten. Du wirst in jedem Fall deinen Spaß haben, denn ich habe schon viel gelacht, als ich bei Vanessa zu Besuch war…

      Gefällt mir

  2. Eigentlich wollte ich gerade ausführlich schreiben, wie interessant doch das Interview ist und dass sich die Vanessa-X-Idee wirklich gut anhört, aber ich habe gerade keine Zeit. Ich bin nämlich viel zu neugierig und werde mich mal bei Vanessa tummeln gehen. 😉
    Vielen, vielen Dank für den Link, liebe Klappentexterin. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Vanessa jetzt viele neue Leser bekommen wird.

    Gefällt mir

  3. Klappentexterin: Vielen Dank für das schöne Interview! Und vor allem dafür, dass meine kleine Blogfiction mehr Aufmerksamkeit bekommen hat. Ich hab schon gesehen, dass gleich mehrere Leute tief in das Leben von Vanessa X. gereist sind und auch alle alten Beiträge gelesen haben. Das freut und motiviert!

    Gefällt mir

    1. Draußen scheint die Sonne und strahlt wie ich jetzt vor lauter Freude. Das sind wunderbare Neuigkeiten, die du mir zum Wochenende bringst! Hab vielen Dank dafür! Euch beiden – so darf ich doch sagen? – wünsche ich alles Gute und weiterhin viele Leser!

      Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s