Getrübtes Waisenjungenglück.

Es hätten die schönsten Ferien ihres Lebens werden können, wäre da nicht dieses Geheimnis gewesen, das sich wie eine dunkle Wolke vor die Sonne geschoben hat. „The December Boys“ von Michael Noonan erzählt eine aufregende Sommergeschichte in Australien, die nicht nur leuchtet, sondern auch finstere Ecken hat.

Die fünf Waisenjungen Spark, Fido, Maps, Misty und Choker haben das Glück, neun Wochen am Meer zu verbringen. Was für ein Geschenk! Fristen sie doch sonst ein tristes Dasein in den kalten Gemäuern von St. Roderick, ein Waisenhaus im australischen Hinterland, das unter der strengen Aufsicht von Nonnen geleitet wird. Dort ist kein Raum für Freiheit, in Captain’s Folly hingegen schon, wo das Meer seine Arme ausbreitet und die Jungs mit einem lauten Rauschen empfängt. Das raubt den Jungs fast die Sprache, so kannten sie das Meer bisher nur von Bildern, und die entsprachen gar nicht der Wirklichkeit, wie sie jetzt feststellen: „Kein Gemälde hatte uns darauf vorbereitet. Ganz bestimmt nicht der blaue Teich hinter Unsere Herrin, Stern der Meere auf dem großen Bilderdruck in der Kapelle von St. Roderick. Das war nicht mehr als ein müder Abklatsch. Ebenso wenig waren die Reiseplakate an der Bahnstation vergleichbar mit dem, was wir jetzt vor uns hatten, so verführerisch ihre Landspitzen und Brandungswellen uns auch zugewinkt hatten jenseits der Hitzewellen, die von den Ziegelsteinen abstrahlten.“

Es dauert nicht lange, bis sich die Fünf in ihrem Feriendomizil eingelebt haben und erste Kontakte knüpfen. Zunächst sind da ihre Gasteltern, die McAnshes, die gern mal ein Glas Wein trinken. Zur Freude der Jungen hat das Ehepaar ihr gesamtes Haus und die Schlafbaracke, in der die Jungen leben, mit Signal- und Staatsflaggen ausgestattet. „Sie tauchten auf als Gardinen, Tischtücher, Abwaschtücher und verliehen dem Haus etwas unbekümmert Verrücktes, das gut zu den beiden Eigentümern passte.“

Bald schon treffen die Jungen auf weitere liebenswerte Gestalten. Da wären beispielsweise Alter Seebär O’Leary, Teresa und ihr Motorrad rasender Ehemann Furchtloser Foley, Doppelter Martin und Hundertfinger. Jeder hat seine Eigenart, die ich an der Stelle für mich behalten möchte, ebenso das Geheimnis, das Choker eines Tages aufschnappt und die Köpfe der Jungs so zerreibt wie Sand, der zwischen den Zehen liegt. Es knirscht gewaltig, die Unbeschwertheit fällt ins Meer und fließt davon.

Ich habe mich anfangs mit dem Buch ein bisschen schwer getan. Die Sprache hat ihr Eigenleben, sie ist wie ein alter Motor, der langsam erwacht, erst stotternd, bald flüssiger. Im Nachhinein bin ich glücklich darüber, dass ich weiter gelesen habe und dem Zauber der Geschichte, die in den 30er Jahren spielt, gefolgt bin. Sie blieb selbst dann bei mir, als das Buch zugeschlagen neben dem Bett lag. Sie glühte vor sich hin, der australische Sommer strahlte heraus, spülte die Meeresgeräusche direkt in die Ohren und in alldem sah ich die Jungen, die sich aus der Kindheit in das nahende Erwachsenenleben bewegten. Ich genoss die Wärme der Menschen, die sich liebevoll um die einsamen Jungs kümmerten. Allein sind sie lange schon, denn im Gegensatz zu anderen Waisenkindern haben sie bisher kein neues Zuhause bekommen und sehnen sich insgeheim nach Geborgenheit. Und natürlich schwappte das große Aneinanderreiben der Jungen, das wie eine hungrige Welle auf mich zuraste, irgendwann über, riss die Leichtigkeit der Kindheit fort und hielt mich bis zum Schluss in Atem, mit einem Lächeln und einem Erschaudern gleichermaßen.

Michael Noonan.
The December Boys.
Altersempfehlung: 12 bis 13 Jahre.
Mai 2011, 256 Seiten, 7,99 €.
Baumhaus Taschenbuch.

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2 Gedanken zu “Getrübtes Waisenjungenglück.

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