Hotel Mensch.

Das Hotel ist ein spannender Ort, den ein geheimnisvoller Hauch umweht. Er ist wie ein Koffer, prall gefüllt mit vielen Geschichten. Vicki Baum hat dies wie folgt beschrieben: „Was im großen Hotel erlebt wird, das sind keine runden, vollen, abgeschlossenen Schicksale. Es sind nur Bruchstücke, Fetzen, Teile; hinter den Türen wohnen Menschen, gleichgültige oder merkwürdige, Menschen im Aufstieg, Menschen im Niedergang; Glückseligkeiten und Katastrophen wohnen Wand an Wand. Die Drehtür dreht sich, und was zwischen Ankunft und Abreise erlebt wird, das ist nichts Ganzes.“ Wie so etwas aussehen kann, hat die Autorin in ihrem Roman „Menschen im Hotel“ wunderbar erzählt. Mit feinfühliger Hand hat sie verschiedenste Menschen und deren Schicksale zu einem großen Bild zusammengesetzt.

Ich betrete das Buch durch das Foyer und mache dort die Bekanntschaft mit Herrn Senf, der aufgelöst aus der Telefonzelle 7 heraustritt. Seine schwangere Frau wurde plötzlich und viel zu früh in die Klinik gebracht, genau das versetzt den Portier in Unruhe. Unweigerlich treffe ich auf das erste Schicksal im Berliner Grand Hotel. Noch nicht ganz angekommen, fliegen mir weitere Menschen um die Ohren, manche direkt, andere durch Hören und Sagen. Von einer Tänzerin, namens Grusinskaja ist beispielsweise die Rede, die es vorm Auftreten stets mit den Nerven bekommt. Seit 18 Jahren kennt man die Primaballerina schon. Weiter geht’s zum langen Herrn im Klubstuhl, „dessen Beine wie ohne Gelenke waren“. Doktor Otternschlag steht auf, bewegt sich zur Rezeption und fragt: „Post für mich gekommen?“ Der Portier schaut im Fach Nr. 218 nach und verneint die Frage, wie immer. Selbst von draußen nehme ich eine leichte Gereiztheit der Angestellten wahr, denn das Frage-Antwort-Spiel wiederholt sich Jahr für Jahr, wenn der Herr für ein paar Monate im Grand Hotel wohnt. Eine Endlosschleife. Bald schon wird wieder an den Nerven der Portiers gesägt, als der schlecht angezogene Otto Kringelein nach einem Zimmer verlangt, doch der wird abschätzig behandelt und auf morgen vertröstet. Dies will der Buchhalter nicht auf sich sitzen lassen, eine hitzige Diskussion entfacht, bei der Doktor Otternschlag einspringt und ihm sein Zimmer anbietet. Das wiederum will der Portier nicht und schon sitzt auch mir der Schweiß auf der Nase. Amüsiert verfolge ich das Spektakel und treffe auf weitere Menschen.

Nach und nach packe ich Geschichten aus dem Koffer aus und bin aufgekratzt, zu aufregend lesen sich die Momentaufnahmen aus den Lebensschicksalen. Hier bin ich gerne Mäuschen und blicke in die verschiedensten Köpfe der Menschen. Vicki Baum gibt ihren Figuren die entsprechende Stimme, den Herrschsüchtigen die Machtgier, den Gescheiterten das Leid und Gebeugte, den Einsamen die große Sehnsucht nach Liebe und Anerkennung. Das ist die eine Seite. Die andere erzählt von den Beziehungen, in die sich die Hotelgäste begeben, gute und schlechte, selbstlose und selbstverliebte, Abscheu trifft auf Anbetung. Das Glück ist zum Greifen nahe während das Unglück in einer Ecke lauert und seine Zähne fletscht. Es passieren Dinge, von denen selbst die Beteiligten nicht gedacht hätten, dass sie jemals passieren würden. Eigentlich knistert es die ganze Zeit.

Mit einem Blick fürs Detail beschreibt Vicki Baum das Treiben im Grand Hotel im Berlin der 20er Jahre und holt das Schauspiel direkt ins Wohnzimmer. Ironische Töne mischen sich in sentimentale und schaffen eine prickelnde Abwechslung. Der Roman erzählt nicht nur das Hotelleben, er ist gleichzeitig eine Feldstudie über die unterschiedlichen Menschentypen, die aufeinandertreffen. Spannender kann ein Hotelbesuch nicht sein.

Vicki Baum.
Menschen im Hotel.
Februar 2007, 318 Seiten, 7,99 €.
Kiepenheuer & Witsch.

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4 Gedanken zu “Hotel Mensch.

  1. Ein sehr schöner Roman ist das, liebe Klappentexterin, und eine schöne Empfehlung. Das Spannende an Hotelromanen ist für mich, dass das Hotel dem Leser ein breites Spektrum an Personen, Schicksalen und Klassen und damit auch an Ansichten, Eigenschaften und Erfahrungen bietet. Einen Mikrokosmos, in dem sich für gewisse Zeit die Welt da draußen spiegelt. Das Hotel als Aufenthaltsort und Durchgangsstation ist eine wunderbare Metapher für Phasen, die der Mensch in seinem Leben durchläuft und die ihn immer weiter formen. Denn gerade in diesem Dazwischen liegt die Spannung der Entwicklung.
    Obwohl der Roman schon relativ „alt“ ist, wirkt er frischer als mancher zeitgenössische Roman. Das hat mich damals beim Lesen sehr überrascht. Besonders gut gefiel mir das Bild von der Drehtür, die immer weiter schwingt und schwingt, Gäste hereinführt und hinaus, die Welt, die sich weiter dreht, die Show, die weiter gehen muss.

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    1. Dankeschön, liebe Petra, für deinen wunderbaren Kommentar, der sich um das Buch schmiegt! Mir gefallen deinen Umschreibungen und persönlichen Eindrücke wirklich sehr, vor allem der Mikrokosmos…
      Ja, die Drehtür mochte ich auch sehr gern, diese Bewegung, die darin zu sehen und zu spüren ist. Hach, welch wunderbarer Roman!

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