Das Leben ist ein Roulettespiel.

Es ist ein Wagnis, wenn man einen Autor für sich entdeckt hat. Jedes neue Buch ist wie ein Überraschungsei, denn die Erwartungen sind hoch, die Neugier ist groß und die Angst vor einer Enttäuschung schwingt in alldem mit. Das Ganze erinnert ein bisschen ans Roulettespielen, ein Risiko schiebt sich in den Kopf, sucht sich seinen Platz und bleibt dort liegen. Trifft die Spielkugel den erhofften Platz? Dementsprechend gespannt war ich auf Benedict Wells neuen Roman „Fast genial“. Mit „Spinner“ und „Becks letzter Sommer“ hat er die Messlatte hoch gelegt. Wird er sie dieses Mal wieder halten können?

Das Cover des Buches schwimmt, als hätte sich der Himmel abgeregnet. Es handelt sich um ein Bild von David Hockney und zeigt eine verregnete Promenade. Die Lampen zittern ihr Licht in das Dunkel und hauchen eine Melancholie aus. Vorm Aufschlagen weiß ich, dies wird keine Komödie.

Francis Dean hat seine Mutter ins Krankenhaus gebracht, sie leidet an einer manischen Depression. Manchmal ist es so schlimm, dass Francis sie in die Obhut der Ärzte geben muss. Während seine Mutter und ein Pfleger die Sachen auspacken, streift Francis auf der Station umher und bleibt vor einer leicht geöffneten Tür stehen. Dort guckt er hinein und beobachtet ein Mädchen, das sich gerade ein T-Shirt überzieht. Als sie in seine Richtung schaut, passiert es: „In diesem Moment gab es einen gewaltigen Ruck. Francis erschrak, er wusste nicht, was geschehen war.“

In wenigen Sekunden ist es um ihn geschehen, Francis verlässt Raum und Zeit und wacht erst wieder auf, als sie ihm zuruft: „Verpiss dich, du Spanner!“ Erschrocken stammelt Francis ungeschickt ein paar Worte und macht dann kehrt. Vorher sieht er noch aufs Türschild und liest den Namen Anne-May. Dies ist ein entscheidender Augenblick in Francis Leben. Natürlich kann er diese peinliche Begebenheit nicht auf sich sitzen lassen und entschuldigt sich bei einem seiner nächsten Besuche. Fortan besucht er Anne-May öfter und erlebt kleine Lichtpunkte in seinem traurigen Dasein, das geprägt ist von Armut und Hoffnungslosigkeit. Durch die Krankheit der Mutter hat sich das Leben drastisch verschlechtet: Seine Mutter hat den Job als Sekretärin in einer Immobilienfirma verloren. Nachdem sich der Stiefvater auch noch an der Börse verspekuliert hatte, reichte das Geld, das er den beiden regelmäßig gab, nicht mehr für die Wohnung in der City. So mussten sie in den Trailerpark draußen am Stadtrand von New Jersey ziehen und leben seitdem dort.

Freunde hat Francis so gut wie keine, außer Grover, ein Nerd und ebenfalls Außenseiter wie Francis. Einzige Rettung, dem Dilemma zu entkommen, ist sein leiblicher Vater, den er bislang noch nicht kennt. Dennoch leuchtet er wie ein heller Stern in Francis Kopf. Eines Tages erfährt Francis von seiner Mutter, wer sein Vater wirklich ist, ein erfolgreicher Wissenschaftler. Francis ist nicht auf natürlichem Wege entstanden, sondern im Reagenzglas. Er ist ein Retortenkind. Seine Mutter hat an einem Experiment teilgenommen, bei dem intelligente und erfolgreiche Männer ihre Samen gespendet haben. Nun sieht Francis seine Chance gekommen, ein besseres Leben zu leben, indem er seinen Vater ausfindig macht. Zusammen mit Grover und Anne-May bricht er zu einer abenteuerlichen Reise auf.

Wieder einmal beweist Benedict Wells sein großes Talent, Geschichten zu schreiben und sie einfach zu erzählen. Es tauchen keine Kanten auf, die mich stocken lassen, es fließt und ist die ganze Zeit über spannend. Der Ton bleibt dabei regenverhangen und tragisch. Gelacht habe ich selten, viel mehr war ich erschüttert über die Wahrheit, die Benedict Wells verarbeitet hat. Wie schwierig es sein kann, aus benachteiligten Verhältnissen auszubrechen. Dabei erhebt er nicht belehrend den Zeigefinger oder stellt Forderungen, er erzählt einfach und überlässt den Rest seinen Lesern. Ebenso interessant ist das Dreiergespann Francis-Anne-May-Grover, das sich im Laufe der Reise zu einem Beziehungsgeflecht entwickelt. Wieder einmal bekommen die Außenseiter bei Benedict Wells einen besonderen Platz. Feinfühlig rückt der junge Autor sie in den Mittelpunkt und überlässt ihnen die Bühne. Es gibt keine Schranken, die nach oben gehoben werden müssen, sie sind einfach da und auf ihre eigene Art liebenswert. Junge Menschen mit Träumen und Ängsten, mit Leichtsinn und Starrsinn, gefühlvoll, aufbrausend und suchend.

Benedict Wells hat einen aufwühlenden Roman geschrieben, der nicht nur an der Oberfläche kratzt, sondern zum Nachdenken anregt. Er hat einige Themen verarbeitet, die eine Spannung erzeugen und nicht loslassen, den Geist anregen und lebendig machen. Es ist wie bei „Becks letzter Sommer“ erneut ein Roadmovie geworden, das ein bisschen Unruhe in den Beinen stiftet. Am Ende bleibe ich sitzen und kämpfe mit meinem rasenden Herzen, denn die letzten Seiten haben es wirklich in sich. An einer Stelle macht er uns eins klar und legt den Gedanken Francis in den Kopf: „Andererseits wusste er, dass er hier richtig war, denn das Leben war ohnehin nichts anderes als Roulettespielen. Mal hatte man Glück, lebte in einem reichen Land oder war mit Gesundheit und Intelligenz gesegnet, mal hatte man Pech und war leider dumm, bekam Krebs oder kam in einem Slum von Afrika auf die Welt und starb, ehe man das Wort »sterben« überhaupt buchstabieren lernte.“ Ich hatte Glück und freue mich über die Roulettekugel, die bei mir den richtigen Platz gefunden hat.

Benedict Wells.
Fast genial.
August 2011, 336 Seiten, 19,90 €.
Diogenes Verlag.

Über den Autor:

Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin, wo er sich gegen das Studium und ganz fürs Schreiben entschieden hatte. 2008 erschien sein Debüt „Becks letzter Sommer“, ein Jahr später folgte „Spinner“. Mehr über den Autor erfahrt ihr hier in einem Interview, das ich im vergangenen Jahr bei mir veröffentlicht habe.

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19 Gedanken zu “Das Leben ist ein Roulettespiel.

  1. Hallo Klappentexterin

    Aufgrund der guten Kritiken habe ich mir Becks letzter Sommer bestellt und lese aktuell auch Fast Genial.

    Und ich bin sehr begeistert. Eine schöne deutsche Sprache. Ein junger Bursche (gerade mal 3 Jahre älter als ich) der sich wirklich was traut und sich gut ausdrücken kann. Und was ich besonders schön finde, auch nicht mal vor einem schmutzigen Wort zurückschreckt. Der manchmal raue Ton passt einfach zur Thematik.

    Ich bin schon gespannt wie es weitergeht. Hat hat etwas von „On the Road“ von Kerouac.

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  2. Oh, oh, ich habe ja gar nicht mitbekommen, dass ein neuer Wells erschienen ist! *schäm* „Spinner“ und „Becks letzter Sommer“ haben mich total begeistert. Da muss ich nun natürlich auch unbedingt „Fast genial“ lesen. Und jetzt noch mehr, weil ich deine hinreißende Rezension gelesen habe, liebe Klappentexterin, die einfach Lust auf noch mehr Wells macht. Vielen Dank dafür!

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      1. So, inzwischen habe ich „Fast genial“ gelesen und hatte wirklich sehr viel Spaß damit, liebe Klappentexterin. Obwohl Spaß nicht ganz das richtige Wort ist, denn gelacht habe ich nicht. Viel eher habe ich einen ziehenden Schmerz in Herz und Bauch empfunden, weil das Leben so verdammt unfair sein kann.
        Und die letzten paar Seiten sind nicht fast, sondern total genial! Wie man ein paar Lebenssekunden derart gewichtig ausbreiten kann – wunderbar! Und wie ich als Leserin schließlich komplett in der Luft hänge und selbst entscheiden muss… genial fies, genial emotional.
        Noch einmal vielen Dank, dass du mich auf diesen Roman aufmerksam gemacht hast. Das waren ein paar schöne Lesestunden!

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      2. Hach, da freue ich mich sehr, liebe nantik! Du hast das alles so wunderbar zusammengefasst und ich erkenne meine eigenen Gedanken bei dir wieder. Hab lieben Dank für deine Rückmeldung!

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  3. AHA, da ist er also nun der neue Becks 🙂 Ich muss gestehen, dass ich Deinen Beitrag nur schnell quer gelesen habe (sorry) aber ich wollte nicht zuuu viel wissen. Dass Du begeistert bist – da reicht mir Dein letzter Satz – reicht mir schon! Es ist schon bemerkenswert, was dieser junge Mann so alles veröffentlicht.

    Die besten Grüße
    Vera

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    1. Ja, da ist er, liebe Vera! Wie bereits bei dir erwähnt, wird dich das Buch ebenso begeistern wie „Becks letzter Sommer“, auch wenn der Ton hier anders ist. Schon jetzt wünsche ich dir viel Vergnügen mit „Fast genial“!

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  4. geschätzte klappentexterin,
    gestern noch hatte ich das büchlein in der hand und hab´s dann doch nicht mitgenommen, weil der häusliche sub doch eh schon so arg hoch ist… aber nach deiner besprechung komm ich ja kaum um das buch herum, oder? 😉

    es stimmt, schon der letzte sommer zeigte, daß wells dieses talent hat (so wie ich es jetzt auch aktuell bei de winter liebe) einfach eine geschichte anzufangen, den leser einzuladen (sprich neugierig zu machen), sich im fluss der erzählung mittreiben, mitnehmen zu lassen (auch wenn und gerade weil es viele mäander gibt, die von der direkten linie abweichen). und darüber sollte man froh sein als leser. dieses talent, eine geschichte, auch über kompliziertere sachverhalte, einfach zu erzählen, ist ja sonst mehr eine domäne der angelsächsichen literatur…. bei uns wird das oft so grüblerisch und schwer…

    ich danke dir für deinen schönen, appetitanregenden kommentar!

    lg
    fs

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    1. Verehrter Flattersatz,
      ja, ich denke, du kommst um das Buch nicht herum. ; ) Erfreut lese ich deinen Eindruck über den jungen Autor, du hast das Talent von Benedict Wells bestens beschrieben, was ich an dieser Stelle am liebsten unterschreiben möchte. Ich freue mich schon jetzt auf deine Besprechung!

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  5. Hallo Klappentexterin!
    Deine philosophische Rezension hat mir wirklich sehr gefallen. Über „Fast genial“ bin ich erst auf den Autor „B. Wells“ aufmerksam geworden. Mich hat dieser Roman an eine Aussage meiner Schwester erinnert – als sie in Las Vegas war. Als ich die letzte Seite ausgelesen hatte, war ich völlig ausser Atem. „Becks letzter Sommer“ steht jetzt auch in meinem Regal.
    Ich wünsche dir ein schönes Wochenende!

    Liebe Grüße,
    Tanja

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    1. Liebe Tanja,
      ich danke dir für deinen schönen Kommentar und freue mich, dass Benedict Wells eine neue Leserin dazu gewinnen konnte. Dich hat’s am Ende also auch erwischt. Ein toller Showdown, nicht wahr?

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  6. Absolut! 🙂
    Ich war überrascht, positiv entsetzt, sprachlos und atmete zeitgleich aufgestautes aus. Der pure Wahnsinn! Mann oh mann, der Wells, der traut sich was.

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  7. Eine schöne Rezension. Ich hatte das Buch in den Ferien dabei, kam aber nicht dazu, es zu lesen. Für mich sind die Ferien rückblickend auch ein Roadmovie. Aber jetzt freue ich mich dann auf den Roman 🙂

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    1. Lieben Dank für deinen Kommentar! Jetzt, wo die Ferien vorbei sind, kannst du ja mit dem Roman dein Roadmovie zurückholen, wenngleich dieses nicht ganz so unbeschwert ist wie die Ferien. Ich wünsche dir schöne Lesestunden und eine gute Fahrt! : )

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