Weltliteratur großartig vorgelesen!

Lange schon wollte ich dieses Stück Weltliteratur lesen. Zu viele Menschen vor mir haben „Der große Gatsby“ bereits in den Himmel gelobt und mich neugierig gemacht. Warum ich so lange gewartet habe? Weiß ich nicht, es ergab sich nie wirklich. Zum Glück! sage ich heute, denn der Wink des Schicksals hatte für mich etwas Besonderes vorgesehen. „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald sollte mir vorgelesen werden und der Schauspieler Burghart Klaußner macht den Klassiker zu einem einzigartigen Hörgenuss.

Zum Inhalt: Der Ich-Erzähler Nick Carraway lebt in Long Island Tür an Tür mit Jay Gatsby, ein Mann, der es in jungen Jahren zu Geld gebracht hat und dies der Welt gern zeigt, indem er zu ausschweifenden, schillernden Partys in sein Anwesen einlädt. Zu so einer stößt Nick eines Abends, taucht in eine ihm bis dahin ungekannte Welt voll Glanz und Gloria, die ihn anfangs befremdet:

„Nur dort im Garten konnte man als einzelner Mann mit Anstand verweilen, ohne sich allzu dumm und verloren zu fühlen.“

Bevor er sich aus Verlegenheit betrinkt, entdeckt Nick eine Bekannte und saust wenig später mit ihr direkt ins glamouröse Treiben, bei dem er auf ungewöhnliche Weise die Bekanntschaft mit Gatsby macht.

Es sind die Roaring Twenties, die dem Werk etwas sehr Glanzvolles verleihen. Von Armut fehlt jegliche Spur, es sind Reichtum und Unbeschwertheit, die sich um die Protagonisten reihen. Auf Partys suchen sie im aufregenden New York ein wenig Zerstreuung oder halten sich an prickelnden Cocktails fest, während die Eiswürfel klingeln und für Momente die Gedanken in den Köpfen übertönen.

Auch wenn es zunächst so scheint, steht hier nicht ein unbeschwertes Partyleben im Mittelpunkt, viel mehr sind es die Beziehungen untereinander, manche brüchig, andere schwebend, die das Werk für mich zu einem besonderen Erlebnis gemacht haben. Ich denke vorrangig an Gatsby, die Lichtgestalt für die ihn viele oberflächlich sehen. Beim genauen Betrachten ist er eigentlich der Schatten seiner selbst und sucht verzweifelt nach der eigenen Vergangenheit. Gatsby will die große Liebe zurück, die er nicht vergessen kann und hält standhaft dran fest, obwohl ihm Nick – der mittlerweile mehr als nur ein Nachbar für ihn ist – klar zu verstehen gibt, dass man im Leben nichts zurückdrehen kann.

Überrascht hat mich Fitzgeralds Sprache, die eine wunderschöne poetische Note trägt. Seine Beschreibungen holen mir Bilder vor die Augen und begeistern mich durch ihre Sanftmut, die ich so nicht erwartet habe. Wie ein Don Juan der Sprache hat er mich an vielen Stellen verführt, dass ich an einigen Passagen auf die Stopptaste drücken musste, um den eben gehörten Abschnitt ganz genießen zu können. Stellt euch eine köstliche Schokolade vor, die auf der Zunge langsam zergeht. Genau so ist es mir mit Fitzgeralds weicher Sprache ergangen, die in wenigen Sätzen auch eine Atmosphäre schafft, bei der es knistert oder mich ein Frösteln streift. Ich denke da an Momente wie diesen:

„Noch einmal blickte ich zurück. Im Garten, der noch von der Hitze nachglühte, war das Lachen verklungen, und der Mond, der alles überdauert hatte, machte die Sommernacht wieder still und klar und stand jetzt wie eine große Oblate über Gatsbys Haus. Den geöffneten Fenstern und Türen schien eine plötzliche Leere zu entströmen, in der sich, nunmehr völlig isoliert, die Gestalt des Hausherrn abzeichnete, der auf der Veranda stand, die Hand zu einer förmlichen Abschiedsgeste.“

Burghart Klaußner spürt den Zauber solcher Augenblicke perfekt auf, verwandelt sie zu zarten Blumenblättern und schenkt dem Roman damit eine enorme Lebendigkeit, zu den Augen niemals im Stande sein können. Er setzt Pausen an den richtigen Stellen und räumt selbst Kommas einen Platz ein, die ich wahrscheinlich einfach überlesen hätte. Man könnte glatt meinen, F. Scott Fitzgerald und Burghart Klaußner hätten sich vorher abgestimmt, so harmonisch begegnen sich der Text und das Vorgelesene. Bei dieser Qualität wundert es auch nicht, dass Burghart Klaußner dieses Jahr den „Deutschen Hörbuchpreis“ in der Kategorie „Bester Interpret“ erhalten hat. Eine verdiente Auszeichnung für den Sprecher, der mit seiner Leistung aus diesem Klassiker ein außergewöhnliches Erlebnis gemacht hat, das noch lange nachwirkt.

F. Scott Fitzgerald.
Der große Gatsby.
Vorgelesen von Burghart Klaußner.
05 Std. 42 Min, 13,95 €.
audible.de

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16 Gedanken zu “Weltliteratur großartig vorgelesen!

  1. Das Buch habe ich mir auch schon lange vorgenommen. Allerdings würde ich wohl das Buch vorziehen. Ich weiß nicht, mit Hörbücher hab ichs nicht so. Wobei bei „Feuchtgebiete“ hat es super funktioniert. Wenn einen dann nicht die Stimme von Charlotte Roche einschläfert.

    Der große Gatsby soll ja teilweise eine sehr melancholische Atmosphäre einfangen dieser damaligen Zeit. Ich sehe gerade, eine neu übersetzte Taschenbuchauflage ist endlich erhältlich. Ich glaube diese werde ich mir im nächsten Monat mal zu Leibe ziehen.

    Und 2012 kommt dann die Verfilmung, die neue. Ich hoffe das die Besetzungen DiCaprio (Gatsby) und Maguire (Carraway) bleiben wird. Finde ich ausgezeichnet.

    Dir aber Danke für die schön Rezension Klappentexterin. Ohne dich hätte ich das Buch wieder ganz vergessen. Leider muss ich Blogs (darunter auch meinen eigenen) momentan aus gesundheitlichen Gründen etwas verlassen. Ich hoffe jedoch das ich bald meinen Spirit wieder erlangen werde =)

    Liebe Grüße noch, und eine schöne Woche.

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    1. Zunächst einmal gute Besserung, lieber Marcel!
      Wie ich deinem Kommentar entnehme, scheint „Der große Gatsby“ ein Werk zu sein, das sich auch bei anderen als Vormerker in den Kopf gesetzt hat. ; ) Freut mich, wenn ich dich daran erinnern konnte. Dir danke ich herzlich für den Film-Hinweis.

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  2. Ein wirklich wunderschönes Buch, liebe Klappentexterin! Ich habe es vor vielen Jahren zum ersten Mal gelesen und alle paar Jahre lese ich es wieder. Neulich haben wir uns mal wieder den Film dazu (mit Robert Redford, Mia Farrow, Karen Black et al.) angesehen, der mir auch sehr gefallen hat. Erstaunlich, dass sie ihn noch mal verfilmen? Eigentlich fand ich den Film sehr „zeitlos“, also durchaus auch einem heute jungen Publikum „zumutbar“. Kennst du ihn zufällig auch?
    Liebe Grüße
    Petra

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    1. Das kann ich mir vorstellen, liebe Petra. Auch ich werde entweder meine Ohren oder meine Augen dort nochmal hineinlegen, denn dies bleibt bei mir ebenfalls keine einmalige Begegnung. Von der Verfilmung habe ich schon gehört, gesehen habe ich den Film allerdings noch nicht. Beim nächsten Besuch meiner Videothek werde ich schauen, ob sie ihn vorrätig hat.

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  3. Vielen Dank Klappentexterin für deine Gute Besserung Wünsche =)

    @Petra

    Den Originalfilm muss ich mir noch anschauen. Wird nach dem Buch nachgeholt. Das erinnert mich alles so an Citizen Kane. Spielt ja glaube ich auch in einer ähnlichen Zeit.

    Seit The Departed bin ich extrem von Leonardo DiCaprio begeistert. Ich sehe den Mann furchtbar gerne. Also es ist ungefähr so wie du es schon sagtest, man will den Stoff einem moderneren Publikum zugänglich machen. Schätze aber eher das man bei den Oscars 2012 oder 2013 abräumen will (narren, 2013 ist die Welt ja schon untergegangen). Und vielleicht bekommt ja auch endlich DiCaprio mal seinen verdienten Oscar.

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  4. Stimmt, DiCaprio hat sich sehr gemacht. Als Jay Gatsby könnte ich ihn mir auch vorstellen, obwohl ich Robert Redford mehr mag (nicht nur als Gatsby). An Citizen Kane erinnert der Film möglicherweise wegen des Prunks und Glamours, aber ansonsten sind es doch zwei sehr unterschiedliche Geschichten. Aber beide toll : )

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  5. Es gibt übrigens auch eine ausgezeichnete Buchversion von F.S. Fitzgeralds „Der große Gatsby“:
    Das Buch ist in der „Büchergilde“ erschienen und mit ganz fantastischen Illustrationen von Tom Burns versehen, der es mit seinen Bildern versteht, diese Zeit ganz modern einzufangen.

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  6. Wenn man den „Große[n] Gatsby“ liest, sollte man unbedingt auch John Irvings „Hotel New Hampshire“ lesen. John Irving ist ein großer Verfechter der großen (Entwicklungs-)Romane. Seinetwegen habe ich dereinst ein Studium der Literatur mir angetan. Das „Hotel New Hampshire“ funktioniert nicht ohne Gatsby.
    Nebenbei bemerkt: es war John Irving, der sagte: „Günter Grass sollte unbedingt den Nobelpreis bekommen. Wenn nicht, wäre das ein großer Fehler!“
    Inzwischen hat Günter Grass den Nobelpreis bekommen.
    „Owen Meany“ zum Bespiel zitiert regelmässig „Katz und Maus“, seine Initialen sind „O.M.“ wie bei… na, in welchen Büchern spielt „O.M.“ eine Rolle? (Nennen wir sie mal „Danziger Trilogie“, der Einfachheit halber.
    Aber ich schweife ab…
    Hört den Großen Gatsby, hört, und findet den Weg in das Netzwerk, das nicht das Weltweite Web ist, sondern die Verbindung der Kunst in allem und in uns!

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    1. Herzlichen Dank, verehrter Dr. Ka., für deinen Kommentar und die besondere Literatur-Empfehlung. Damit erinnerst du mich an das Vorhaben, jenes Werk endlich mal aufzuschlagen, denn ich habe bislang viele lobende Worte über das „Das Hotel New Hampshire“ eingefangen. Jetzt wird es aber wirklich mal an der Zeit, das Buch aufzuschlagen.

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