Vertrauter Fremdkörper.

Fast jeder kennt den kleinen verträumten Kerl mit seinem Schal und dem goldblonden Haarschopf. Nachdem viele Menschen „Der Kleine Prinz“ von Antoine de Saint-Exupéry gelesen haben, klingen seine Gedanken und Fragen noch lange in den Köpfen nach. Bei mir ist es schon eine Weile her, aber noch heute lächle ich über diesen kleinen weisen Kerl. Ich konnte also nicht widerstehen, als mir der Postbote eines Tages ein Päckchen mit einem Buch überreichte, das mich wieder zum Kleinen Prinzen führen sollte.

„Vogelzug zu anderen Planeten – Der kleine Prinz und sein Fuchs treffen Pinocchio, Max und Moritz, Lolita und weitere“ heißt das Werk. Georg Stefan Troller macht darin die Bühne frei für den kleinen Prinzen. Dieses Mal ist er jedoch von einer Ungeduld getrieben, die an eine Rakete in Startaufstellung erinnert. Der Kleine Prinz möchte wissen, wo sein Platz ist.

Gleich zu Beginn stoße ich auf einen alten Freund, der mit seinem Raumschiff auf dem Asteroid notlanden musste und nun mit einem Schraubenschlüssel hantiert. Saint-Exupéry ist ein Bruchpilot geblieben. Sofort kommen beide ins Gespräch und es scheint, als würden nicht viele Jahre zwischen ihnen liegen. Der Pilot ermutigt seinen kleinen Freund, loszuziehen und herauszufinden, ob er für die Erde bereit ist. So bricht der Kleine Prinz mit seinem Fuchs auf, zusammen besteigen sie einen Vogelzug und sausen direkt hinein in die Welt bekannter Figuren der Phantasie.

Doch diese Reise wird nicht märchenhaft, eher ein bisschen bizarr. Hier wechselt der Erzählton und es fühlt sich für mich an als würde ich über eine holprige Straße fahren. Es wackelt mächtig und manchmal gerate ich in Schieflage, muss mich festhalten. Die Märchenfiguren sind meist alles andere als liebreizend, eher schroff in der Sprache und frech an Gedanken. Es ist schon befremdlich, wenn ich Rotkäppchen sagen höre: „Aber den Wolf hab ich mir dicke gezähmt. Soweit das eben nötig war. Oder wünschenswert.“ Ein Stirnrunzeln folgt einem unsicheren Lächeln. Komisch geht es weiter wie bei Romeo und Julia. Da fragt Romeo tatsächlich: „Und wovon soll man jetzt leben? Von Luft und Liebe?“ Sofort steigt ein tiefer Seufzer aus mir empor und mit ihm die Frage: Wo ist sie hin, die Romantik? Verblasst? Oder hat sie sich nur kurz aus dem Staub gemacht, um nachdenklich zu machen?

Relativ schnell begreife ich, hier ist kaum Platz zum Träumen. Hier ist keine grüne Wiese auf die ich mich legen kann, hier dominiert die direkte Wahrheit über das Leben mit all seinen Widersprüchen und Fragen. Im Vordergrund steht immer das Erwachsenwerden mit seinen vielen Rätseln und dazwischen huschen hungrige Träume und Sehnsüchte. Anfangs habe ich mich ein bisschen damit schwer getan, dem Theaterstück zu folgen. Ja, es ist ein mehr Theaterstück mit wechselnden Szenen und Akteuren als ein Roman. Manche Figuren sind grob, andere sind weich und schmiegen sich an zarte Gemüter, und in alldem erfreut mich der Autor auch an schönen Passagen, die ich nicht schnell überfliegen konnte. Selbst wenn mich der Grundton manchmal in den Augen piekste, habe ich den Kleinen Prinzen nicht verlassen und ihn weiterhin begleitet, zu spannend lasen sich die Dialoge, zu nah war mir der Kleine Prinz, den Georg Stefan Troller sehr authentisch dargestellt hat. Geradezu vielfältig ist die Reise in die Welt der Literatur, die mich sogar an einigen Stellen bereichert hat. Das Buch fühlt sich wie ein vertrauter Fremdkörper an, der nicht wärmt, aber auch große Träumerinnen wie mich auf eine ganz eigene Weise inspiriert. Loslassen lautet das große Zauberwort. Wer das beherzigt, wird mit der Lektüre unterhaltsame Lesestunden haben.

Georg Stefan Troller.
Vogelzug zu anderen Planeten: Der kleine Prinz und sein Fuchs treffen Pinocchio, Max und Moritz, Lolita und weitere.
März 2011, 183 Seiten, 14,90 €.
Rauch Verlag.

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