Nabokov lässt grüßen!

Antonia Kerr spaltet die Leser. Die einen loben ihr Debüt „Blumen für Zoë“, die anderen finden den Roman langweilig. Ich kann nur eins sagen: Es handelt sich hier um eine beachtliche Leistung, die mich immer noch in großes Staunen versetzt. In keiner Minute hatte ich das Gefühl, dass hier eine junge Frau am Werke war, sondern ein erwachsener Mann.

Richard hat es satt und hängt seinen gut bezahlten Job an den Nagel. Er trauert immer noch seiner gescheiterten Beziehung mit Evelyn nach und hat nur einen Wunsch: Weg aus New York. Viele Kollegen vor ihm sind schon aus der Großstadt in den Mittleren Westen und Norden gezogen, um dort Ruhe zu finden. Selbst ein Jahr nach den Anschlägen vom 11. September hängt noch „Quecksilbergeruch und Staub in der Luft, und die Straßen waren von Männern und Frauen bevölkert, deren Blick eine große Müdigkeit verriet.“ Auch der 60-Jährige fühlt sich ausgelaugt und sehnt sich nach Ruhe in der Provinz. Nicht zuletzt deshalb, weil er mit dem Leben abgeschlossen hat: „Der Tod schien nicht mehr weit zu sein. Ich strebte nach einem fernen, friedlichen Ruhestand, um mich bestmöglich auf das Ende vorzubereiten, so wie ein Athlet sich vor dem Stabhochsprung aufwärmt.“

Erst widerwillig, dann entschlossen lässt der ehemalige Börsenmakler alles hinter sich und bricht zu einem Alterswohnsitz nach Key West auf. Er möchte jedoch nicht allein fahren und sucht in einer Zeitungsanzeige einen Mitreisenden. Der meldet sich und bald sitzt Richard mit John-John im Auto. Das Roadmovie beginnt und hält für Richard mehr Überraschungen bereit als er für möglich gehalten hätte. John-John ist es, der Richard zu der blutjungen Zoë führt. Sie ist John-Johns Nichte und fasziniert den älteren Mann vom ersten Augenblick an. Es ist das junge Wesen und der Ernst, die ihn gleichermaßen anziehen und wir ahnen jetzt, dies kann nur der Anfang einer ungewöhnlichen Beziehung sein.

Es dauert nicht lange, bis Zoë und Richard gemeinsam mit dem Auto nach Kanada aufbrechen. Wie ihr euch denken könnt, sitzen die beiden nicht nur brav nebeneinander und reden über das Wetter, denn die gute Zoë ist mit ihren 22 Jahren sehr hungrig nach allem – Sex inbegriffen – und treibt Richard fast zur Verzweiflung. Einzig mit Scrabble kann er sich aus der Affäre ziehen und seine Geliebte ablenken, doch das gelingt ihm nicht immer, Zoë ist ein freches, schlaues, unersättliches Ding, dem man nicht lange was vormachen kann.

„Blumen für Zoë“ ist ein unaufgeregtes Buch, dessen Ruhe ich genossen habe. Die Melancholie stößt die Verzweiflung an, bringt sie aber nicht ganz zum Erliegen, dafür ist das Freche drum herum zu groß. Eingeschlossen in einem Vakuum saugte ich alles auf und erfreute mich an einer Lebensweisheit, die ich von einer so jungen Autorin nicht erwartet hätte. Antonia Kerr versetzt sich in das Wesen des alten Mannes, bleibt die ganze Zeit authentisch und unwahrscheinlich imposant. Sicherlich ist das Thema nicht neu, andere vor ihr haben von solchen Liebesbeziehungen bereits erzählt. Vladimir Nabokov lässt grüßen und der würde – sollte er noch leben – laut in die Hände klatschen. Natürlich kommt Antonia Kerr nicht an die Reichweite einer „Lolita“ heran, doch sie ist auf dem besten Wege, eine Schriftstellerin zu werden, von der wir noch viel hören werden und an der Nabokov sicherlich seine Freude gehabt hätte.

Antonia Kerr.
Blumen für Zoë.
April 2011, 144 Seiten, 9,90 €.
Wagenbach Verlag.

Über die Autorin:

Antonia Kerr wurde 1989 geboren. Sie lebt in Paris und Avignon. „Blumen für Zoë“ ist ihr erster Roman.

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8 Gedanken zu “Nabokov lässt grüßen!

  1. „In keiner Minute hatte ich das Gefühl, dass hier eine junge Frau am Werke war, sondern ein erwachsener Mann.“

    der satz ist echt daneben. man beachte die abstufung von „junger frau“ die anscheinend gegen einen „erwachsenen mann“ nur verlieren kann

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