Ein großer Geschichtenerzähler für die kleinen Leute.

Ich habe vom Wind zerzauste Haare, Sand an den Füßen, Möwengekreische in den Ohren und fühle mich der Zeit ein wenig entrückt. Auf meiner rechten Hand spüre ich noch den Abdruck der weißen Muschel, die dort kürzlich lag. Gefunden habe ich sie in eine der wunderschönen Vorlesegeschichten von Benno Pludra. In dem liebevoll gestalteten Buch „Bootsmann, Lütt Matten und all die anderen“ bin ich selbst zu einem kleinen Mädchen geworden und konnte ganz oft meine Liebe zum Meer ausleben.

In Lütt Matten habe ich mich schon verliebt, da kannten wir uns noch gar nicht. Ich sah den strohblonden Jungen auf dem Cover des Buches, war entzückt von seinem neugierigen Gesicht, das sich ganz einem Pinguin zuwandte. Was der wohl dort so aufgeplustert zu sagen hatte? Das wollte ich unbedingt wissen, schlug wissbegierig das Buch auf und stieß auf „Wie die Windmühle zu den Wolken flog“. Die kleine Geschichte ist wie ein Gedicht aufgebaut, reimt sich jedoch nicht. Sie schlängelt sich auf vier Seiten vorwärts, erzählt von einer einsamen Windmühle, die vor langer Zeit vom Müller und seinem Esel verlassen wurde. Immer noch wartet sie auf die Heimkehr der beiden, doch nichts regt sich. Eines Tages kommt ein kleiner, weißer Hund angelaufen und hinter ihm viele, viele Kinder. Was für eine Aufregung, das hat sie bis dahin noch nie erlebt und – schwupp – da fliegt die Windmühle zu den Wolken hinauf. Die Kinder wollten mit, rufen der Windmühle zu. Und was glaubt ihr, passiert? Ich verrate es natürlich nicht.

Als ich der Windmühle noch sehnsuchtsvolle Blicke zuwerfe, treffe ich bald darauf in der Geschichte „Lütt Matten und die weiße Muschel“ auf den strohblonden Buben. Der kleine Junge ist traurig, weil seine Reuse nicht fischt, doch das interessiert Mariken nicht die Bohne. Sie hält einen Blumenstrauß in der Hand, drückt ihre Nase in die Blüten und fragt Lütt Matten, ob er nicht auch einmal dran riechen will. Lütt Matten ignoriert sie und denkt sich seinen Teil: „Was soll er mit Blumen? Mariken ist ein Mädchen, da sieht man’s mal wieder. Bringt Blumen, wo er den Ärger hat mit seiner Reuse.“ Ein Kaule Bramming wäre Lütt Matten viel lieber, mit dem könnte er an der Reuse „baun“. Auch wenn ich selbst ein Mädchen bin, mich kurz verletzt fühle, muss ich an der Stelle grinsen, verzeihe Lütt Matten diesen unsensiblen Jungengedanken und lese weiter. Später träumt er einen besonderen Traum: Aus der großen Seemannskiste, die bei ihm in der Kammer steht, schlüpft plötzlich ein kleiner Pinguin heraus und stellt sich als Klabautermann vor. Der Pinguin kennt Lütt Mattens Kummer mit der Reuse und nimmt ihn mit auf eine Reise, die zu einer Muschel mit magischen Kräften führt.

Dies sind nur zwei von insgesamt 24 Geschichten, die der KinderbuchVerlag in dem Buch zusammengefasst hat. Mit dabei sind u.a. auch „Bootsmann auf der Scholle“, „Die Reise nach Sundevit“ und „Das Herz des Piraten“ – bekannte Geschichten, die ich mit dem Autor verbinde. Die Sammlung enthält auch mir bislang unbekannte Erzählungen, die mein Herz haben höher schlagen lassen. Ich denke da ebenso an „Heiner und seine Hähnchen“. Als sich Heiner eines Tages auf dem Weg macht, um frischen Sand für seine Hühner zu besorgen, trifft er unterwegs auf einige Tiere und ist total begeistert, was sie alles machen. Das will er auch! Sonnentropfen trinken wie der Regenpfeifer oder wie die Möwe vor sich hinschwimmen. Ehe er sich versieht, hat er seine Hähnchen vergessen. Oje! Wo das hinführt, bleibt mein kleines Geheimnis, aber so viel schon vorweg: Das Ende ist ganz anders als erwartet.

Der Autor überrascht seine Leser sehr gerne, sei es durch besondere Momente, die ein glückliches Lächeln auf die Lippen malen oder zauberhafte Wendungen. Es bleibt die ganze Zeit aufregend. Einige Geschichten sind sehr kurz, andere erstrecken sich über mehrere Seiten. Das dominierende Element ist und bleibt das Meer. Benno Pludra beschreibt das maritime Wetter und das Leben auf der See sehr authentisch. Man spürt den Wind in den Haaren und das Schaukeln im Bauch. Kein Wunder, der Autor ist ein Fachmann auf diesem Gebiet, er hat in jungen Jahren als Schiffsjunge eine Matrosenausbildung absolviert.

Benno Pludra holt uns jedoch nicht nur das Meer auf die Couch, sondern schreibt über die großen Sehnsüchte und Träume. Der Autor ist ein großer Erzähler für die kleinen Leute, unsere Kinder und jene, die es geblieben sind. In poetischen Erzählungen verwandelt er sich in einen Märchenerzähler, lässt Tiere sprechen und Steine Wundersames vollbringen. Wunder ist ein gutes Stichwort für die entzückenden Begleiter, die die Geschichten umgeben. Ich spreche von den vielen tollen Illustrationen.

Das Buch lockt für mich auf reichhaltige, besondere Weise die Leser und lässt sie glücklich und verzaubert zurück. Weil ich mich bekanntlich gerne verzaubern lasse, ist dies eins meiner liebsten Urlaubsbücher aus diesem Jahr, mit dem ich nun meine literarische Sommerreise beenden möchte. Ich werfe mit einem lauten „Ahoi!“ meinen Anker und wünsche allen weiterhin eine feine Sommerzeit, selbst wenn das Wetter uns manchmal einen Strich durch die Rechnung macht. Wie toll ist es, dass es wunderschöne Bücher gibt, die uns das ganz schnell vergessen lassen.

Benno Pludra.
Bootsmann, Lütt Matten und all die anderen – Die schönsten Vorlesegeschichten.
Altersempfehlung: Ab 6 Jahre.
Juni 2011, 240 Seiten, 14,95 €.
Der KinderbuchVerlag.

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10 Gedanken zu “Ein großer Geschichtenerzähler für die kleinen Leute.

  1. Hach, da ist sie ja wieder, die Klappentexterin! *freu* Und was hat sie uns mitgebracht? Ist doch klar: wunderschöne Leseeindrücke. Ich muss ja zugeben, dass ich mich mit Kinderbüchern normalerweise nicht so beschäftige, aber den Lütt Matten, den möchte jetzt sogar ich gerne einmal kennenlernen. Nicht wegen seines Wuschelkopfs, sondern weil du so schön darüber geschrieben hast, liebe Klappentexterin. Ich bin dann mal am Meer und besuche ihn. 🙂

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    1. Liebe nantik,
      soll ich dir was verraten? Lütt Matten läuft schon ganz aufgeregt hin und her, weil er sich sehr auf dich freut. Die Klappentexterin funkt kurz dazwischen, sagt auf diesem Wege herzlichen Dank und lässt dir liebe Grüße zum Freitag hier.

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      1. Und ich habe Lütt Matten gerade abgeknuddelt, als ich ihm gerade inklusive weißer Muschel begegnet bin, weil er seit Tagen auf einen Fisch wartet. Hach, war das schön! Obwohl es anfangs schon ein wenig traurig war, den Lütt Matten da so niedergeschlagen zu sehen. Aber am Ende konnte er dann wieder lachen. Wie schön! Vielen Dank, dass du dieses vergnügliche Treffen arrangiert hast, liebe Klappentexterin!

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      2. Liebe nantik,
        da schmunzel ich mich in den Sonntagabend. Ganz verzaubert bin ich von deiner Begegnung mit Lütt Matten und freue mich sehr, wenn du am Ende auch so ein Lächeln im Gesicht trägst wie ich.

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  2. Der Lütte liegt auch schon lange auf dem Stapel meiner haben-wollen-Bücher. Heiner kenne ich schon, auf die unbekannten Geschichten freue ich mich sehr. Und gefreut hab‘ ich mich auch, Dich mal wiederzusehen. Liebe Grüße zum Wochenende!

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    1. Dir sind sicherlich auch andere Geschichten aus dem Buch bekannt, aus einer uns sehr bekannten Kinderwelt. Das sind immer solche Momente, in denen man tief seufzt und lächelt.

      Die tanzende Freude über unser Wiedersehen möchte ich an dieser Stelle zurückgeben und lege ganz liebe Grüße dazu.

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  3. Lütt Matten? Lange her und doch gleich wiedererkannt – und weitere Geschichten sind auch dabei! Da freuen sich gleich vier Leute: mein Buchhändler, weil ich das heute bestelle – und meine Kinder und ich, weil ich das morgen vorlese. Danke für die Erinnerung und den Tipp!

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