Eine hundertjährige Verführung.

Selten habe ich eine so malerische Sommergeschichte gelesen wie diese. Eduard von Keyserling hat mit „Wellen“ einen sehr impressionistischen Roman geschaffen, der nicht nur eine Sehnsucht nach dem Meer weckt, sondern mich inspiriert, dort zu malen – und das obwohl ich keine Malerin bin.

Auf den ersten Seiten treffe ich auf die Generalin von Palikow, die mit ihrer Großfamilie an der Ostsee eine Sommerfrische nimmt. Es wäre alles so herrlich und entspannt, wenn nicht in unmittelbarer Nachbarschaft die schöne Gräfin Doralice mit ihrem Mann leben würde. Mit dem Maler Hans Grill wohnt sie in einem kleinen Haus und rückt von Anfang an in das Blickfeld der Großfamilie. In deren Augen hat sie etwas Furchtbares getan: Die Gräfin hat sich aus ihrer unglücklichen Ehe befreit und ihren Mann verlassen, weil sie sich in den Künstler Hans verliebt hat.

Das Fleckchen Küste ist nicht groß und so bleibt es nicht aus, dass sich die fremden Feriengäste begegnen. Die Erzählperspektiven wechseln kapitelweise und öffnen interessante Türen zu den verschiedenen Menschen. Träume und Sehnsüchte flattern auf, die Verführung naht und ein Drama schleicht von hinten an. Nein, langweilig wird es mit dem Roman nie, selbst wenn ihn eine sinnliche Hülle umgibt.

Das Buch feiert dieses Jahr seinen 100. Geburtstag, ein Grund mehr, es wieder nach draußen zu tragen. „Wellen“ ist eine anspruchsvolle Sommerlektüre, die vom Leser seine Aufmerksamkeit fordert. Wer sich dafür begeistern kann, wird auch belohnt, sei es durch weise und nachdenkliche Dialoge wie die zwischen Doralice und Hans oder durch die schönen malerischen Landschaftsbeschreibungen. Hier habe ich eine Verführung für euch:

„Überall lag dieses heiße, grelle Licht, es schwamm und zitterte auf dem Wasser, es sprühte auf dem Sande, erweckte Funken auf den Kieseln und auf den harten Stengeln des Strandhafers und der Seggen.“

Sofort habe ich alles ganz klar vor Augen und lese mich von der Großstadt an die Küste. Die Möwen kreischen, das Wasser rauscht, eine unendliche Weite taucht auf, in die ich mich fallen lasse und die Zeit vergesse. Ist es nicht das, was wir so sehr am Urlaub lieben?

Eduard von Keyserling.
Wellen.
Mai 1998, 176 Seiten, 6,90 €.
dtv.

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10 Gedanken zu “Eine hundertjährige Verführung.

    1. Das stimmt. Deshalb finde ich es wichtig, den Autor immer wieder ins Gedächtnis zu rufen. Vielen lieben Dank für den Link zur Rezension von „Schwüle Tage“. Das ist eine wunderbare Einstimmung auf das Hörbuch, was bereits neben mir liegt.

      Liebe Grüße zum Sonntagabend,
      Klappentexterin

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  1. Hallo Klappentexterin,

    wieder ein Buch für meine Endlosliste! Hört sich gut an. Ich liebe es, in Stimmungen zu versinken. Und bei diesem „Sommerwetter“ kann man kleine Ausfluchten gebrauchen.

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    1. Liebe Annegret,

      das ist eine wunderbare Nachricht und deine Endlosliste wird sich über diesen Neuzugang sehr freuen. Mit dieser Lektüre vergisst man tatsächlich das komische Sommerwetter dort draußen ganz schnell.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Der Impressionismus – in Deutschland, speziell hinsichtlich renommierter Autoren leicht unterrepräsentiert, – ist jene Stilrichtung, welche die Moderne einläutete: Wer vernahm nie den Glanz, der sich den Augen bei der Betrachtung eines Monet eröffnet? – Wer liebt nicht die leisen Gesänge eines Rilke, dessen Frühwerk die Eindrücke wahrhafter Natur widerspiegelt?…

    So sei dir gedankt, liebe Klappentexterin, dass du die Kunst des Eindrucks mit diesem knappen Interlude für einen Augenblick revitalisierst!
    In den Sinnen werden diese stillen Kompositionen von Harmonie gewiss nachklingen…

    Es grüßt herzlich
    Dicht_ng

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  3. Ein Autor, den ich bisher sträflich vernachlässigt habe. Immer wieder geisterte er im literarerischen Hinterkopf herum und wurde doch nie hervorgezogen. Danke, dass du auf dieses Buch – das Licht, Atmosphäre und das Meer so einzigartig zu verbinden scheint – hingewiesen hast. Es kommt sogleich auf meine Leseliste.
    Beste Grüße
    syn-ästhetisch

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  4. manchmal denke, man braucht eigentlich keine aktuellen bücher, es gibt soviele ältere werke, ältere, schon verstorbende autoren, die man erst einmal lesen sollte… keyserling, nur dem namen nach kenn ich ihn…. leider. ich merke, es ist ein verlust.

    danke für deine buchvorstellung!

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