Kleine Geschichten im großen Format.

Erzählbände haben es nicht ganz so leicht wie Romane. Schade eigentlich, denn es gibt einige Autoren, die es exzellent verstehen, auf engem Raum Großes zu erzählen. So einer ist Gregor Sander. In seinem Buch „Winterfisch“ hat er sein Netz hinausgeworfen und mich mit neun Erzählungen eingefangen.

Gregor Sander ist – ebenso wie ich – ein Nordlicht. So verwundert es nicht, wie authentisch er maritime Winde in seine Geschichten pustet. Sie machen sofort Lust auf das Meer, man möchte dorthin aufbrechen und die frische Brise um sich haben. Die Möwen kreischen, die See kühlt die erhitzten Köpfe und das Salz liegt beim Lesen auf den Lippen. Wie das Wasser selbst bewegt sich Gregor Sander an unterschiedlichsten Orten, die alle am Meer liegen, ob am Nord-Ostsee-Kanal, auf Hiddensee oder Gotland. Der Autor schreibt über Menschen, denen die Vergangenheit wie ein prall gefüllter Rucksack auf der Schulter hängt, er berichtet von Suchenden, die sich nach Freiheit sehnen oder die Liebe aufspüren wollen. Sie strampeln mit ihren Gliedmaßen, erinnern mich dabei an zappelnde Fische, die nicht müde sind, sich zu bewegen und aus dem Netz in die Freiheit flüchten wollen.

Gleich zu Beginn finde ich mich auf einem kleinen Fischkutter wieder. Der Ich-Erzähler besucht einen alten Freund in Kiel, um zu fischen. Walter hatte ihn in seiner Kanzlei angerufen, ihn zu sich eingeladen und gesagt: „Mein bester Freund hier ist Fischer.“ Dieses Angebot nahm der Mann dankend an, weil ihm nach der Trennung von seiner Frau jede Abwechslung willkommen ist: „Ich war gierig auf alles, was mich aus dem Trott brachte, aus diesem Büroalltag und meinem Leben zu Hause. Seit Sarah ausgezogen war, konnte ich dort nicht gut sein.“ Jetzt befindet er sich mit Josef Neuer auf dem „Lütten“, beobachtet den Fischer, wie er das Netz ausspannt, aus seinem Leben erzählt und über die Quallen flucht, die der Ost-Wind in die Schleuse drückt. Der Ich-Erzähler verweilt nicht die ganze Zeit in der Gegenwart, er schweift mit seinen Gedanken auch immer wieder ab in sein Leben und die Vergangenheit, die ihn mit seinem älteren Freund verbindet.

Tragisch ist „Gegenlicht“. Die Geschichte fängt schon sehr melancholisch an: „Die Wahrheit ist, dass ich Angst vor meinem Bruder habe. Immer schon und unabhängig von dem, was geschehen wird. Ich meine keine Angst vor Gewalt, aber doch eine körperliche Angst, die daher rührt, dass er mir näher ist als mir lieb ist.“ Vincent sucht seinen Zwillingsbruder, nachdem ihm seine Schwester Pia gesagt hat, dass sie sich um Viktor kümmern müssen. Also macht er sich auf nach Lappland, um seinen Bruder zu finden, der sich lange schon selbst verloren hat. Ehe Vincent sich versieht, befindet er sich auf einer kalten, mühsamen und tragischen Reise, bei der mir jetzt noch ein Frösteln durchs T-Shirt kriecht.

In „Stüwes Tochter“ holt der Autor die Machenschaften der Stasi noch einmal ans Tageslicht. Andrea ist die Tochter eines ehemaligen Stasioffiziers, die im Gegensatz zu ihrem Vater gegen das DDR-Regime revoltierte und auf die Straße ging. Ihr passierte nichts, doch ihrem Freund, der wurde hinter Schloss und Riegel gebracht. Das ist die eine Seite der Geschichte. Die andere erzählt eine Liebesgeschichte mit offenem Ende.

Es passiert viel in den einzelnen Episoden, so viel, dass sie für mich kleine einzelne in sich geschlossene Romane bilden. Der gebürtige Schweriner Autor hat atmosphärische Geschichten geschrieben, die wie Sandkörner hängenbleiben. Dies ist ihm nicht zuletzt auch durch seine Sprachgewalt gelungen. Sein klarer Erzählstil mischt sich mit poetischen Klängen, und schafft damit eine unverwechselbare Stimmung. Gregor Sander strickt aus alltäglichen Begebenheiten ein dichtes Netz, pointenreich, nachdenklich und überraschend erzählt er einzelne Schicksale, die vom Meer umgeben sind. Für mich ist „Winterfisch“ eine besondere Sommerlektüre, eine Muschel, deren Klang ich immer wieder hören möchte und die zeigt, dass auch in schmalen Erzählbänden große Geschichten stecken können.

Gregor Sander.
Winterfisch: Erzählungen.
März 2011, 189 Seiten, 18,- €.
Wallstein Verlag.

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6 Gedanken zu “Kleine Geschichten im großen Format.

  1. Ich bin ganz begeistert von Kurzgeschichten-Bänden, lese gerade „Liebesperlen“ von Mariana Leky und na ja, toll halt 😉
    Dieses Buch hab ich mir direkt mal notiert. LG, Katarina 🙂

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  2. Liebe Klappentexterin,

    du kennst meine Liebe zu Erzählungen und zum Meer – ein bisschen ist es so, als hättest du diese Rezension für mich geschrieben. 😉
    Danke! 🙂

    Liebe Grüße
    Ailis

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    1. In diesem Fall habe ich nicht das Buch gefunden, liebe Mariki, sondern das Buch mich. : ) Der Wallstein-Verlag ist ein kleinerer Verlag, der neben wissenschaftlichen Werken, auch belletristische Titel publiziert. Gerade jetzt steht er besonders im Fokus der Aufmerksamkeit, da Maja Haderlap – eine Autorin des Verlags – den Ingeborg-Bachmann-Preis gewonnen hat.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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