Übermut tut mit Kurt Tucholsky gut!

Was für eine zauberhafte Sommergeschichte ist das! Ich habe „Schloß Gripsholm“ genossen, wurde betrunken vor Entzücken und habe dabei kleine Pirouetten gedreht. Mit anderen Worten: Kurt Tucholsky macht übermütig und weckt den schlafenden Schelm.

Wieder einmal freue ich mich darüber, dass ich einen Roman gehört habe. Das ist auch Heike Makatsch zu verdanken, die beim Lesen in die Rolle des Ich-Erzählers Peter geschlüpft ist. Moment mal! Eine Frau, die als Mann vorliest? Oh ja, das funktioniert. Das tiefe Timbre der Stimme passt geradezu perfekt! Makatsch geht in ihrer Rolle auf und verwandelt sich ganz in Peter oder „Daddy“ wie ihn seine Liebste zärtlich nennt. Er wiederum spricht von seiner „Prinzessin“, wenn er von Lydia redet. Die „Prinzessin“ stammt aus Rostock und beherrscht das Missingsch. „Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.“ Platt lesen und Platt hören sind zwei große Unterschiede. Das wird mir dann bewusst, sobald Heike Makatsch ins Platt wechselt und ich laut lache. Breite Buchstaben, die sich in die Länge dehnen und dem Witz Einlass gewähren, muss man einfach hören.

Lydia und Peter reisen für fünf Wochen nach Schweden. Dort mieten sie sich im Schloss „Gripsholm“ ein Zimmer. Zwischendurch bekommen sie der Reihe nach Besuch von Freunden. Karlchen und Billie sind genauso wie die beiden: Übermütig und gut gelaunt. Das Pärchen erlebt – ob mit den Gästen oder in trauter Zweisamkeit – die Sommerfrische so wie man es sich vorstellt: Unbeschwert und glücklich. Die Stimmung fasst der Autor wunderbar in Worte:

„Der Wald rauscht, der Wind zieht oben durch die Wipfel und ein ganz feiner Geruch steigt vom Boden auf, ein wenig säuerlich und frisch moosig und etwas Harz ist dabei.“

Das ist der eine Tucholsky, der genaue Beobachter und Nachdenkliche. Der andere ist der Schelm, der ein großes Vergnügen daran hat, unterhaltsamen Witz über seine Sätze zu streuen. Besonders erfreut habe ich mich an den Dialogen. Sie sind herrlich erfrischend, gepaart mit frechen Neckereien und süßer Liebe. Meine Augen hätten sicherlich nicht so oft zurückgespult wie meine Ohren, bzw. meine Hände im Auftrag der Ohren. Heike Makatsch spricht meisterhaft, passt sich an die jeweilige Situation an, wechselt von Peters Gedanken zum Gespräch mit seiner Liebsten, spricht hochdeutsch oder platt und macht auch mal einen – Hicks – Schluckauf.

Kurt Tucholsky belässt es aber nicht nur bei der Liebesgeschichte und setzt noch ein dunkles Element, bei dem die Erzählperspektive wechselt. Die Sonne zieht sich zurück, ein Gewitter kommt auf und ich sitze neben einem weinenden Mädchen. Ada lebt in einem naheliegenden Mädcheninternat, das mehr an ein Horrorkabinett erinnert. Die Leiterin ist eine garstige Hexe, die ihre Schützlinge in Angst und Schrecken versetzt. Für kurze Zeit vergesse ich die Leichtigkeit und folge mit Entsetzen den gruseligen Begebenheiten. Gott sei Dank bin ich nicht die Einzige, denn Lydia und Peter… nein, hier sollte ich nun besser aufhören und euch das Stück in die Ohren legen. Mit einem Schmunzeln dazu, das euch zum Tanz der Übermut einlädt.

Kurt Tucholsky.
Schloß Gripsholm.
Vorgelesen von Heike Makatsch.
04 Std. 18 Min., 17,95 €.
audible.de

Advertisements

11 Gedanken zu “Übermut tut mit Kurt Tucholsky gut!

    1. Hab vielen Dank für deinen schönen und wertschätzenden Kommentar, liebe Bibliophilin! Da geht hier in Berlin-Mitte gleich die Sonne auf und kämpft sich sogar durch die dicken Regenwolken!

      Herzlichst,
      Klappentexterin

      Gefällt mir

    1. Dankeschön für den Filmhinweis! Ich bin dem Link gleich gefolgt. Es gibt auch noch eine Verfilmung aus dem Jahre 1963. Gleich zweimal konnte das Buch als Filmstoff inspirieren. Mal schauen, ich bin immer ein bisschen zurückhaltend, was Roman-Verfilmungen betrifft.

      Herzliche Grüße,
      Klappentexterin

      Gefällt mir

  1. Deine Zeilen wirken auf mich ebenfalls sehr erfrischend und zaubern mir ein Lächeln ins Gesicht. Selten lege ich mir die Kopfhörer an, nur in Ausnahmefällen. „Die Intelligenz des Igels“ mit Katharina Thalbach als Sprecherin gehört zum Beispiel dazu. Heike Makatsch hat wie ich finde eine sehr angenehme Stimme, aber ich kann mir gerade nicht vorstellen, wie es ist, wenn sie vom Hochdeutsch ins Platt wechselt. Mann oh mann, jetzt hast du mich neugierig gemacht.

    Liebe Grüße,
    Tanja

    Gefällt mir

    1. Das ist fein, so soll es sein, liebe Tanja! Freut mich sehr, dass ich dich neugierig machen konnte. Nein, den Wechsel vom Hochdeutsch ins Platt kann man sich nicht vorstellen, man muss ihn hören.
      Katharina Thalbach ist eine wunderbare Vorleserin! Ich hatte ebenfalls schöne Hörstunden mit ihr wie beispielsweise mit „Das Leben kleben“.

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

      Gefällt mir

  2. Tucholsky! Schloss Gripsholm! Ja, das ist wirklich Sommer! Und zwar ein Sommer, der selbst mir gefällt, weil er so locker und so leicht und doch ein wenig abgründig ist. Hach, an dieses Buch habe ich lange nicht mehr gedacht – dabei mag ich den Tucholsky doch so gerne. Herzlichen Dank für diese wundervolle Erinnerung, liebe Klappentexterin. Und die Heike Makatsch kann ich mir als Vorleserin wirklich gut vorstellen, denn schließlich hat sie mir auch in der Verfilmung (die ich übrigens auch empfehlen kann, was vielleicht aber auch daran liegt, dass ich den Ulrich Noethen so mag) sehr gut gefallen.

    Gefällt mir

    1. Du sagst es, liebe nantik! Vielen lieben Dank! Über die Verfilmung denke ich nun ernsthaft nach! Durchleser hat die Verfilmung bereits angesprochen, doch ich stehe Romanverfilmungen immer skeptisch gegenüber. Viele entsprechen nicht meinen Erwartungen, nur wenige schaffen das. Aber da ihr zwei in den besten Tönen darüber berichtet, muss ich demnächst meine Videothek des Vertrauens aufsuchen und herausfinden, ob sie den Film anbietet.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

      Gefällt mir

      1. Deine Skepsis in Sachen Literaturverfilmungen kann ich sehr gut verstehen, liebe Klappentexterin. Mir geht es meistens schließlich auch so. Aber diese Version von „Schloss Gripsholm“ ist wirklich gut. Es gibt sie nämlich, die guten Literaturverfilmungen, die nicht zu viel Murks mit einem Roman machen. Sie sind selten, ja, aber es gibt sie. 🙂

        Gefällt mir

  3. Im ersten Semester des Studiums sollten wir ein Referat über einen Autor unserer Wahl halten. Man muss dazu sagen, wir waren an die 60 Leute im Seminar und die meisten Vorstellungen waren ziemlich öde. Ich hatte Tucholsky und habe natürlich etliche Textbeispiele intoniert. Und an diesem dunklen Novemberabend haben dann doch noch alle gelacht; nicht meinetwegen, sondern dank Kurt Tucholsky. Danke dafür, dass du diese Erinnerung wieder wachgerufen hast 😀

    Gefällt mir

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s