Die Leichtigkeit der Tiefe.

Habt ihr schon mal Schmetterlingsschläge auf dem Arm gespürt? Ich noch nicht. Sie müssen sich wie dieses feine Buch von Antonio Skármeta anfühlen. Zart und erhaben. Es bleibt etwas zurück, über das man still lächelt und sich freut.

Der Autor entführt uns in seinem Roman „Mein Vater aus Paris“ in ein kleines, verlassenes chilenisches Dorf. Dort unterrichtet der Ich-Erzähler Jacques, seinen Vater hat er nur kurz nach seiner Rückkehr gesehen. „Ich stieg aus dem Zug, und er stieg ein.“ Was hat den Vater zu der plötzlichen Flucht veranlasst? Ihn hat die Sehnsucht gepackt und so kehrt er nach Paris zurück. Der Verlust reißt eine große Lücke in die Familie: „Als mein Vater wegging, erlosch meine Mutter wie eine Flamme, über die ein eisiger Wind hinweggefegt ist.“

Jacques hat sich noch gar nicht von dem Schock erholt, schon schleicht sich das nächste aufwühlende Ereignis an: Sein Schüler Augusto Gutiérrez möchte von ihm wissen, ob er schon mal in Angol im Bordell gewesen ist. Er weist seinen Schüler ab und sagt, dass dies kein Thema ist über das sie sich unterhalten sollten. Dennoch wurmt es Jacques gewaltig, er hat bisher nur das Krankenhaus in Angol gesehen und weiß gar nicht, was die Mädchen im Bordell kosten. Von einer Neugier angestachelt, macht sich Jacques eines Abends mit dem Müller auf den Weg in die Stadt. Genau dort trifft er auf einen Mann mit einem Kinderwagen, dessen Gesicht ihm sehr bekannt vorkommt. Es ist sein Vater, der ein dunkles Geheimnis im Herzen trägt.

Das Buch ist dünn – gerade mal 96 Seiten hat es – und doch nimmt es viel Raum ein. Dies gelingt dem Autor durch seine poetische Sprache, die zarten Schmetterlingsschlägen sehr ähnelt. Unaufdringlich und fein zerrieseln die Worte in der Luft, sie setzen sich überall hin und verführen durch einen extravaganten literarischen Duft. Mit wenigen Worten entfacht der Chilene einen magischen Zauber, von dem sich die Augen nicht lösen wollen. Skármeta schafft mit einem Hauch von Nichts, beinah spartanisch, eine einnehmende Atmosphäre, die Welten und Bilder im Kopf schafft. Leichtigkeit und Tiefe – das sind zwei Dinge, die der Autor auf eine wunderschöne Form vereint. Für mich zählt dieses kleine Buch zu einem großen Meisterwerk 2011.

Antonio Skármeta.
Mein Vater aus Paris.
März 2011, 96 Seiten, 14,99 €.
Graf Verlag.

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9 Gedanken zu “Die Leichtigkeit der Tiefe.

  1. Frau Feuerfalter ist entzückt. Gerade suche ich eine kleine, aber feine, poetische Sommerlektüre für einen Lesenachmittag auf meinem Blumengartenbalkon – und habe sie bei dir gefunden, liebe Klappentexterin! Und erst das Cover, wiesenblumenschön bemalt, mit Schmetterlingen und Paradiesvögeln auf himmelmeerblauem Untergrund. Hoffentlich bringt es mir der Postbote noch vor dem Wochenende… *büchersehnsuchtsseufzeln*

    Sonnenblumige Grüße von mir

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    1. Liebe Frau Feuerfalter,
      da war er also wieder einmal: der glückliche Zufall vom Wünschen und Schenken. Ich freue mich sehr, dass du eine feine Sommerlektüre für den Nachmittag gefunden hast und wünsche dir schon jetzt, schöne Stunden damit. Ja, das Cover ist wirklich zauberhaft, ich habe mich fast darin träumend verloren.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  2. Ja, dieses Buch hatte ich auch schon beim Durchleser entdeckt und schnell auf eine Liste geschrieben und da steht es nun – nicht gekauft & nicht gelesen 😦 Das wird jetzt nachgeholt!
    Antonio Skármeta hab ich in Frankfurt bei einer Lesung kennen gelernt und er zog mich sofort in seinen Bann. Mit ihm hätte ich gern den ganzen Abend bei einer Glas Rotwein über Chile geschwatzt. Aber nicht alle seine Bücher sind empfehlenswert. So empfand ich „Hochzeit des Dichters“ eher verwirrend – hab ich ihm auch gleich gesagt. Er hat nur verständnisvoll gelächelt … 🙂

    Liebe Grüsse
    Vera

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    1. Du hast den Autor persönlich kennengelernt, Gratulation! Ich finde es klasse, dass du ihm deine ehrliche Meinung gesagt hast. Andere Werke habe ich von Antonio Skármeta bislang nicht gelesen. Welches kannst du denn noch empfehlen?
      Ja, ich denke, du solltest nun wirklich ernsthaft darüber nachdenken, „Mein Vater aus Paris“ in dein Lesereich zu holen. : ) So viele gute Zeichen sprechen dafür… Die Chancen fürs Gefallen stehen also bestens.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  3. Soeben bestellt – morgen da!
    Empfehlen kann ich natürlich DEN Klassiker, mit dem er auch international bekannt wurde: „Mit brennender Geduld“. Er meinte aber, es ist schon ein Kreuz mit so einem Buch, da jedes neue Buch mit diesem verglichen wird. Daher bin ich sooo gespannt auf „Mein Vater aus Paris“! Dann hab ich noch „Das Mädchen mit der Posaune“ gelesen: nett aber kein Muss. Anosnsten steht noch ungelesen „Der Auftsand von Leon“ im Bücherregal. Aber beginnen würde ich mit „Mit brennender Geduld“.
    Viel Spass 🙂

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    1. Das lese ich gern, liebe Bücherliebhaberin! Dann wünsche ich dir wunderschöne Lesestunden mit dem kleinen feinen Werk! Vielen lieben Dank für deinen Skármeta-Tipp. Ha, und wie der Zufall es will, habe ich „Mit brennender Geduld“ in meinem Regal zu stehen! Du hast es nicht dort hingeweht, oder? ; )

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