Einmal Sehnsucht – immer Sehnsucht.

Unglaublich, aber wahr! Das Fernsehen hat mich zu diesem Buch geführt. Da lag ich eines Abends auf der Couch, schaute meine Lieblingsserie „Mad Men“ und spürte eine Sehnsucht in mir aufsteigen. So eine, die bleibt und sich nicht abwischen lässt. Der Abspann lief, ich rannte zum Bücherregal und nahm „BUtterfield 8“ von John O’Hara heraus. Die Geschichte spielt nicht wie die Serie in den 60er Jahren, aber dafür in den ebenso spannenden 30er Jahren. So sprang ich erneut in das pulsierende New York vergangener Jahre, das mich immer wieder fasziniert und von dem ich einfach nicht gut kriegen kann.

Bereits der Einstieg von „BUtterfield 8“ von John O’Hara macht mich neugierig:

„Das Mädchen, das später in New York für so großes Aufsehen sorgen sollte, erwachte an diesem Sonntag im Mai viel zu früh für die hinter ihr liegende Nacht. Hatte sie eben noch fest geschlafen, war sie nun plötzlich hellwach und geriet in Verzweiflung.“

Das große Drama nistet sich schon jetzt in den Kopf ein. Der Roman beruht auf einer wahren Begebenheit. John O’Hara hat sich von dem ungeklärten Mordfall an Starr Faithfull inspirieren lassen. Am 8. Juni 1931 wurde die junge, schöne Frau tot in Long Island ans Ufer gespült. Sie war vor allem für ihren leichten Lebenswandel bekannt und es hieß, sie sei als Kind missbraucht worden.

Das oben beschriebene Mädchen heißt Gloria Wandrous. Sie findet sich an jenem Morgen in einer großen, fremden Wohnung wieder. Der Mann, mit dem sie das Bett geteilt hat, ist nicht mehr da. Also unternimmt sie eine kleine Inspektionsrunde durch das fremde Gebiet, eine große Wohnung mit vielen Zimmern und einem Konzertflügel. Im Schlafzimmer verweilt Gloria länger und entdeckt im Kleiderschrank einen teuren Nerzmantel, den sie sehr hübsch und wenig später sehr nützlich findet, als sie feststellt, dass sie ihr Abendkleid zerrissen ist. Kurze Zeit später sitzt sie im Taxi und rauscht davon. Cut! Danach schwenkt die Schriftsteller-Kamera zu einer anderen jungen Dame. Miss Stannard sitzt an einem Esstisch, liest Zeitung und wartet auf Jimmy, der sie an dem Sonntag mit einem Auto ausführen will. Hier bleibe ich ebenfalls nur kurz, weil es dann zu Paul und Nancy Farley weitergeht, wieder zwei neue Personen.

Fast hätte ich aufgegeben, weil sich mir der Faden zu Gloria nur langsam erschloss. Wäre da nicht der Sog gewesen, der wie die Sehnsucht bei mir blieb und sich an mir festklammerte. Der Roman setzt sich aus zahlreichen Snapshots zusammen, zieht verschiedene Menschen einer Großstadt zusammen: Erfolgreiche Geschäftsmänner, die aus dem wohligen Heim der Ehe ausbrechen und die Erschütterungen der Depression noch in den Knochen spüren, Männer, die sich in Speakeasies freitrinken. Künstler, die sich mit Gelegenheitsjobs über Wasser halten und über alldem schwebt natürlich der große Traum, die große Sehnsucht nach der Erfüllung.
In diesem Film bewegt sich unsere graziöse Gloria, deren Bild mit dem Fortschreiten der Geschichte zu immer mehr Klarsicht gelangt. Erschien sie mir anfangs als leichtes Mädchen, verändert sie sich im Laufe der Geschichte in einen anderen Menschen mit einer prägenden Kindheit im Herzen.
Gloria schafft es sogar, ihren Geliebten, den starken Weston Liggett zu verwirren:

„Gott, ich stecke wirklich in einer üblen Klemme. Ich weiß nicht einmal, ob ich unglücklich verheiratet bin. Ich weiß nichts über mich selbst.“

Der Ingenieur knickt ein, schwankt, sucht die Stärke, die ihm abhanden gekommen ist. Relativ schnell entfacht zwischen den beiden ein Katz- und Mausspiel, in das ich oft einschreiten wollte. Doch am Ende bleibe ich nur eine Zuschauerin der Ereignisse, die ich mit meine Augen auflese.

Der Roman ist 1935 in Amerika erschienen. Ein Jahr zuvor war O’Haras Debüt „Begegnung in Samarra“ veröffentlicht worden. Für den jungen John O’Hara war der Weg zum Schriftsteller kein Zuckerschlecken, weil er mit finanziellen Engpässen kämpfen musste. Statt eines gewünschten Studiums in Yale, musste er sich mit diversen Jobs herumschlagen, bevor er sich in New York als Reporter einen Namen machte. Als 1928 seine ersten Kurzgeschichten im New Yorker publiziert wurden, feierten ihn die Kritiker als „amerikanischen Balzac“.

In „BUtterfield 8“ rückt er die menschliche Schwäche in den Vordergrund, manchmal ein bisschen zynisch, aber im Großen hält er sich bedeckt und überlässt seinen zahlreichen Protagonisten das Feld. O’Hara schafft zwischen allen Beteiligten eine Verbindung und webt wie eine Spinne ein dichtes Netz, in das ich mich ebenfalls verfangen habe. Obwohl ich zu Beginn leicht verwirrt, fragend eine Seite nach der nächsten gelesen habe, konnte ich das Buch nicht zur Seite legen. Wer John O’Hara verfällt, bleibt wohl drin hängen wie in der nicht enden wollenden Sehnsucht.

John O’Hara.
BUtterfield 8.
Juni 2010, 336 Seiten, 9,90 €.
dtv.

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9 Gedanken zu “Einmal Sehnsucht – immer Sehnsucht.

  1. Die Verfilmung mit Elizabeth Taylor in der Hauptrolle habe ich vor langer Zeit mal gesehen, die Erinnerung daran ist allerdings schon verblasst. Ich habe deswegen mal in der IMDB nachgeschaut und dort zufällig auch die Lösung für das rätselhafte großbuchstabige „U“ gefunden, nach dem ich Dich fragen wollte. Das BU-8 entspricht einer Vorwahl (=288), in diesem Fall der der Upper East Side von Manhattan.

    „Mad Men“ mag ich übrigens auch sehr gerne. Die fünfte Staffel wurde leider ins nächste Jahr verschoben.

    Viele Grüße

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    1. Du hast den Film gesehen und ich das Buch gelesen. Nun würde mich sehr interessieren, wie gut die Geschichte in Szene gesetzt wurde. Schade, dass deine Erinnerung verblasst ist. Na, vielleicht hat meine Videothek den Film vorrätig.

      Genau den Punkt wollte ich ebenfalls wissen und war glücklich, als ich im Anhang des Buches die Antwort fand.

      Verschoben? Oje, wie soll ich das so lange ohne „Mad Men“ aushalten?

      Viele Grüße,
      Klappentexterin

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      1. Angefangen mit „Lassie“ bis zu „Die Stunde der Komödianten“ habe ich etliche Filme mit Elizabeth Taylor gesehen. Nicht jeder hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen, was aber nichts über die Qualität aussagen muss, denn die Sichtungen liegen schon länger als 10 Jahre zurück. Von den Klassikern habe ich als Jugendlicher sehr viel gesehen, damals noch auf dem Videorekorder (meist im Nachtprogramm) aufgenommen. „Giganten“ ist mir da noch eher im Gedächtnis.

        Ich musste bei dem Artikel über Brillen auch an eine Szene aus einem Klassiker, „Manche mögen’s heiß“, denken, bei der ich immer schmunzeln muss. Sugar (Marilyn Monroe) spricht über ihre Präferenzen Männer betreffend:
        „ I want mine to wear glasses…Men who wear glasses are so much more gentle, and sweet, and helpless. Haven’t you ever noticed it?..They get those weak eyes from reading – you know, those long tiny little columns in the Wall Street Journal.”

        Es liegt anscheinend am Sender AMC, dass es bei „Mad Men“ eine Pause gibt. Die neue Staffel von „Breaking Bad“ startet im Sommer und es wird gemutmaßt, dass das eine Rolle spielt. Dafür sollen noch drei Staffeln folgen, ob das gut oder schlecht ist, werden wir ja hoffentlich irgendwann erfahren.

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  2. Hallo Klappentexterin,

    Deine Vorstellung von O’Hara, dem „amerikanischen Balzac“ fand ich sehr verführerish und das Buch steht erstmal auf meinem Wunschzettel bei Amazon. Ich kann deine Neigung zur amerikanischen Literatur sehr gut verstehen… gerade wenn es um Schriftsteller der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geht: die filmische Ästhetik der gegenwärtigen Literatur ist vor allem faszinierend.
    Vielen Dank für den Tipp und Glückwunsch für die Nominierung als Online-Autorin 2011! 🙂

    P.S. Ich habe seit Monate mein(en/e) Literaturblog angefangen… vielleicht hast du mal Lust da rein zu schnuppern, würde mich sehr freuen!

    hier mal den Link: http://poeticsofnarrative.blogspot.com/

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    1. Hallo Vania Morais,
      danke für deinen Kommentar, deinen Glückwunsch und deine Einladung zu deinem Blog, auf den ich mich freue! Ich habe eben schon mal kurz vorbeigeschaut und gleich was Feines entdeckt.

      Dieses Jahr habe ich einen großen Appetit auf amerikanische Autoren, wenngleich ich durch Jonathan Franzen („Korrekturen“) bereits erste Kontakte hatte. Welche Autoren sind denn deine Favoriten?

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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  3. Ich hoffe mein(en/e) Blog gefällt dir… ist noch sehr jung aber ich hoffe ich kann was schönes daraus machen! Ich bin eine sehr grosse Fan von amerikanischer Literatur… insbesondere Carson McCullers, ich kann ihre Bücher immer mal wieder lesen und jedes Mal ist eine neue Entdeckung: ihre Sprache ist einfach magisch und ihre Naivität ansteckend. Im Gegensatz dazu lese ich auch sehr gerne von den Autoren der Beat Generation (Kerouac, Borroughs…) und auch Miller finde ich wunderbar. Ich glaube, dass amerikanische Schrifsteller auf eine ganz besondere Art und Weise die Nabelschnur zu dem Alten Kontinent geschnitten haben und somit eine sehr interessante Leichtigkeit in ihren Worten geschafft haben…

    freue mich auf deine nächsten Posts!

    Liebe Grüße,

    Vânia

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  4. Oh! BUtterfield 8! Ich bin auch über Mad Men auf das Buch gekommen, allerdings anders als du… Am Ende der ersten Staffel liest Don ja ein Gedicht von Frank O’Hara und als ich bei amazon nach O’Hara gesucht habe, bin ich auf Frank und John gestoßen, habe beide irgendwie spannend gefunden und gekauft.
    Und es hat sich gelohnt. Ich konnte BUtterfield 8 auch kaum zur Seite legen, ohne genau sagen zu können, warum. Aber es hat Eindruck hinterlassen, definitiv!

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  5. Meditations In An Emergency heißt der Gedichtband, den ich habe. Das allerletzte Gedicht darin liest Don am Ende vor 🙂

    Now I am quietly waiting for
    the catastrophe of my personality
    to seem beautiful again,
    and interesting, and modern.

    The country is grey and
    brown and white in trees,
    snows and skies of laughter
    always diminishing, less funny
    not just darker, not just grey.

    It may be the coldest day of
    the year, what does he think of
    that? I mean, what do I? And if I do,
    perhaps I am myself again.

    Read more: http://network.nationalpost.com/np/blogs/theampersand/archive/2008/07/28/mad-men-a-well-read-ad-man.aspx#ixzz1RYNSAZ9R

    Ach Bücher! BÜCHER! Ich muss mich abhalten noch mehr zu kaufen als ich es sowieso schon tue, weil ich nächsten März umziehe… Ich sollte eigentlich Blogs über Bücher gar nicht besuchen.
    Hast du schon „Sterben“ von Karl Ove Knausgard gelesen oder im Blick? Das hat mich beim Lesen wirklich tief beeindruckt!

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