Schnapp dir deine Vision und pfeif auf die Masse!

Ich mag den Mainstream nicht. Die breite Masse langweilt mich, weil sie so leicht durchschaubar und aufregend wie eine Schlaftablette ist. Wie fantastisch ist es dann, wenn ich auf Gleichgesinnte stoße.

Gem ist so ein Mädchen, mit dem ich gerne mal eine Limo trinken und das Anderssein feierlich begießen möchte. Sie ist die Ich-Erzählerin in dem Buch „Kunst, Baby!“ von Simmone Howell. Eigentlich heißt sie Germaine. Ihre Mutter, eine überzeugte Hippiefrau, hat die Tochter nach ihrer Lieblingsfeministin Germaine Greer benannt. Während die eine die Ikone schlechthin war, sieht sich die andere eher als rohen „Tonklumpen“. Auch wenn sich die junge Gem zur Kino-Expertin ernennt, knabbert sie immer wieder in ihrem Jungfrau-Dasein. Gems Freundinnen haben den Status längst überschritten. Gem hingegen muss sich noch mit dem Schild der Spätzünderin schmücken und stöhnt über den anhaltenden Zustand. Ist auch gar nicht so einfach, die Tatsache zu übersehen, wenn die beiden besten Freundinnen, Lo und Mira, sie immer wieder damit aufziehen. Etwas anderes muss her! Wie das anstehende Sommerprojekt.

Einst hat es als Witz angefangen, als eigene Revolte gegen den starren Lehrplan. Seitdem gibt es bei Gem, Lo und Mira ein Geheimthema, dass die „Außenseiterrolle festigen sollte“. Die Mädels schwimmen gegen den Strom, heben sich von der Masse ab und teilen neunzig Prozent der männlichen Bevölkerung als Strichcode-Jungs ein. Die angesagten Mädchen der Schule sind ihnen lästig, deshalb bietet ihnen ihr Projekt Inspiration und Bestätigung, dass sie einzigartig sind.

Im vergangenen Jahr badeten die Mädchen in einem „satanistischen Sommer“ und dieses Mal soll der Sommer kunstvoll werden. Andy Warhol befruchtet Gem in einer Ausstellung in der Nationalgalerie so sehr, dass sie schon bald eine zündende Idee hat: Ein eigener Film soll her! Für unsere Filmexpertin ist das ein mitreißendes Projekt, das ihre beiden Freundinnen leider weniger leidenschaftlicher angehen. Hier fängt das Dreigespann an zu zittern und schon bald bewegen sich die Beteiligten in verschiedene Richtungen. Brisant und mitreißend verfolgt man das kleine mädchenhafte Intermezzo.

Dies ist ein kluger, witziger und alternativer Roman für die Erwachsenen von Morgen. Für Menschen wie mich, die keinen Einheitsbrei wollen und gerne aus der Reihe tanzen. Gem stammt aus einer ungewöhnlichen Familie, die so gar nicht ins Raster der Normalität passt, der Vater lebt in der Wildnis Tasmaniens als Ranger. Seine einzigen Lebenszeichen sind moderne Haikus, die er zu Weihnachten und zum Geburtstag verschickt. Gem überzeugen sie gar nicht: „Sie sind bescheuert und geben keinen Sinn.“ Eine Kostprobe gefällig? Bitteschön:

„Das Jungtier ahnt den Schlund
In seiner Brust schmerzt Mut
Im Schlund blitzen mörderische Zähne.“

Gems Mutter, Bev, ist eine alternative Frohnatur. Sie hat Furcht vor Fastfood und Antibiotika, liest die Grüne Linke Zeitung und lässt sich von der Tochter mit Vornamen ansprechen. So komisch Gem manchmal Bev findet, so sehr bewundert sie ihre Mutter auch: „Meine Mutter – die Köchin, Kunstkritikerin und Philosophin – war immer sie selbst und konnte sich nicht verstellen, und sie war alles gleichzeitig.“

Dieser außergewöhnliche Roman reflektiert gleichzeitig die Tücken mit denen junge Frauen zu kämpfen haben. Zickenkampf, Erwachsenwerden, Träume und die erste Liebe. Simmone Howell schildert dies auf eine äußerst schöne rebellische Weise. Ein bisschen frech und raffiniert. Gem weiß genau, was sie will und geht ihren Weg unbeirrt weiter, ganz egal – oder jedenfalls nur halb egal – was Lo und Mira davon halten. Am Ende zählst nur du allein, du und deine Vision. Es ist vollkommen nebensächlich, ob sie passt. Hauptsache es ist dein Werk zu dem du stehst. Wenn es aus der Allgemeinheit fliegt, um so besser. Noch irgendwelche Zweifel? Dann schnapp dir das Buch!

Simmone Howell.
Kunst, Baby!
September 2010, 360 Seiten, 16,90 €.
Altersempfehlung: 14 – 17 Jahre.
Berlin Verlag.

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4 Gedanken zu “Schnapp dir deine Vision und pfeif auf die Masse!

    1. Ein schöner Kommentar zu einem guten Buch, von dem auch du begeistert sein wirst, weil er eben ungewöhnlich ist. Da möchte man glatt nochmal so ein junges Mädchen sein. Yes, da stimme ich dir zu, eine wahre Schatztruhe, aus der ich nicht mehr rauskrabbeln möchte.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  1. Ich mag ja den Mainstream oft ganz gerne, weil ich mich darin etwas wohler fühle. Nicht ganz so einsam, etwas geborgener, wenn auch dümmer und abgestumpfter. Aber manchmal brauchen mein Herz und mein Verstand sowie die Einzelgängerin in mir dann doch eine kleine Perle, an der ich genussvoll knabbern kann. Dank dir habe ich jetzt wieder so eine Perle gefunden, liebe Klappentexterin. Dafür danke ich dir sehr!

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