Die Entdeckung der Langsamkeit.

Ich habe ziemlich lange für das Hörbuch gebraucht. Es sprengte meinen Zeitrahmen. Dennoch habe ich mich in das Langsame gefügt und es zu eigenem Erstaunen genossen. „Tauben fliegen auf“ ist kein schnelles Hörbuch, viel mehr eine Vorspeise für den Sonntag oder ein Dessert nach dem Abendbrot, denn für Zwischendurch ist es zu gehaltvoll.

Die Autorin liest es selbst. Und ich behaupte einfach mal: Keiner kann es besser als Melinda Nadj Abonji. Ihre Stimme hat etwas sehr Beruhigendes, das sich wie ein warmer Pulli um den Körper schmiegt. Sie liest ihren Roman vor als wäre es ein langes Gedicht mit rhythmischen Klängen. Beinah singt sie ihr eigenes Stück wehmütig, hoffnungsvoll und erfrischend.

Anfangs verwirrten mich die vielen Unds, aber mit der Zeit gehörten sie dazu wie die Nase zum Gesicht. Die Autorin erzählt eine Geschichte über das Fremdsein, den Aufbau einer Existenz, Abschied, Krieg, Heimweh und über die große Kraft der Familie. Die Ich-Erzählerin, Ildiko, ist mit ihrer ungarischen Familie aus Serbien in die Schweiz ausgewandert. Erstaunlich ist der Weg, den die Familie im Ausland auf sich nehmen musste. Zunächst betrieben die Eltern eine Wäscherei, schlugen sich durch und wurden am Ende für ihren Fleiß belohnt: Sie übernehmen eine Cafeteria, mit der sich die Familie noch ein Stückchen mehr im Dorf etabliert.

Ildiko und Nomi waren sehr jung, als sie in das fremde Land kamen. Noch nach Jahren fühlen sich dort nicht ganz heimisch, ein bisschen wie Aussätzige, die nach Halt und Geborgenheit suchen. Vielleicht ist es genau das, was die Schwestern so verbindet. Es ist ein festes Band, was beide zusammenhält, eine besondere Beziehung, die kaum Grenzen kennt. Gleichzeitig finde ich mich in Ildiko wieder, eine junge, eigenwillige Frau mit Gedanken, die nicht immer mit denen der Eltern übereinstimmen.

Ildiko begibt sich in ihren Erzählungen oft in die Heimat, nimmt mich mit auf eine Zeitreise, zur Großmutter, die sie liebevoll Mamika nennt, Mamika, die Geschichten über den Großvater erzählt oder die Familienfeste, bei denen alle Verwandten zusammenkommen. Nach Hause reist die ausgewanderte Familie in regelmäßigen Abständen, rutscht manchmal in Konflikte hinein und bringt kleine Geschenke mit, die es im Osten damals nicht gab. In alldem genießt Ildiko die speziellen Köstlichkeiten, die nur in der Vojvodina auf dem Herd köcheln, wie die Taubensuppe.

Der Krieg am Balkan nimmt ebenfalls Raum in dem Roman ein. Es ist bedrückend und manchmal schnürte mir die hässliche Fratze der Brutalität die Luft im Hals ab. Ich wedelte mit den Händen und war froh, dass ich das Hörbuch in meinem Kämmerlein gehört habe und nicht unter Menschen.

Melinda Nadj Abonji schreibt authentisch, sensibel und poetisch über eine enorme Vielfalt an Themen, die jedoch nicht erschlagen, weil sie zum Leben gehören. Damit vermittelt sie auch das Leben einer Auswanderfamilie, mit allen Kämpfen und Entbehrungen.
Die Autorin liest ihr Werk genauso vor, keine Schönwäscherei. Betäubend, interessiert und nachdenklich folgte ich der Erzählerin. Egal, wann ich wieder in das Hörstück stieß, ich brauchte keine Erklärung, musste nicht zurückspulen. Das Erzählte lag noch in meiner Hörmuschel, so einprägsam sind die Sätze. Ich musste keine Wand durchbrechen und saß Ildiko gegenüber.

„Tauben fliegen auf“ ist kein Hörbuch für eine Autofahrt, eher für den Zug, wenn der Kopf sich ganz den Worten zuwendet. Spannend und mitreißend trifft es auch nicht, eher schleichend und einnehmend. Dies ist langsame Literatur, der man Zeit einräumen sollte. Wer sich dafür öffnet, wird belohnt, auf eine ungewöhnliche Weise, die ihr eigenes Echo hat.

Melinda Nadj Abonji.
Tauben fliegen auf.
Vorgelesen von Melinda Nadj Abonji.
07 Std. 13 Min., 17,95 €
audible.de

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10 Gedanken zu “Die Entdeckung der Langsamkeit.

  1. unlängst hat sich die autorin im 3sat zu max frisch und „seiner“ schweiz geäußert. das war das erste mal, dass ich ihre stimme gehört habe – eine sehr schöne vorlesestimme!

    da ich selbst aus vojvodina stamme, habe ich das buch mit einem ganz besonderen gefühl gelesen. zu der wirklich gehaltvollen sprache kamen in meinem fall noch ganz viele erinnerungen, gedanken und ressentiments hinzu, so dass ich – als der letzte satz gelesen, der buchdeckel wieder zugeklappt war – übersatt war und selbst nach monaten mit einer gewissen wehmut an die lektüre zurückdenke.

    aus meiner sicht ist es der autorin sehr gut gelungen, die kulturelle kluft, die unterschiedlichen mentalitäten, das lebensgefühl einer dazwischenlebenden einzufangen. man ist nirgends wirklich zuhause, aber auch nicht wirklich fremd. man kann sich den luxus,welcher manchmal auch eine gnade sein kann, des nichtwissens nicht erlauben. man tanzt gewissermaßen auf zwei hochzeiten – du erinnerst dich :)?

    und ja: das essen „drüben“ ist extrem lecker :)!

    liebe grüße, monika

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    1. Ja, ich erinnere mich gut, liebe Monika. Ein ewiges Hin- und Hergerissensein, was auch ziemlich zerreiben kann.

      Die Stimme der Autorin ist wirklich schön, aber das allein reicht nicht aus, denn Vorlesen ist schon eine Kunst, die nicht jeder Schriftsteller beherrscht und damit auch einiges kaputt machen kann. Melinda Nadj Abonji hingegen wertet ihr Buch dadurch noch mehr auf. Wie ich geschrieben habe, es klingt wie ein langes Gedicht mit rhythmischen Klängen.

      Für dich war das wirklich noch einmal eine ganz andere Geschichte als für mich, mit tieferen besonderen Verbindungen in die Vojvodina. Das ist wirklich sehr schön und ich kann mir sehr gut vorstellen, welche Bedeutung das Buch für dich hat.

      Ja, auch das reichhaltige Essen ist mir gut im Gedächtnis geblieben, ebenso wie die großen Familienfeiern. Welches Gericht ist eigentlich dein liebstes?

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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      1. hmmmm, schwer zu sagen … bis auf innereien mag ich alles 🙂 ich liebe das brot – nutzlos weiß, aber köstlich. dann den käse, den es nur auf der piaca“ (markt) gibt. omas strudel und börek. luftgetrockneter schinken – yum! gefüllte paprika, sarma (in etwa wie krautwickel), bohneneintopf. einen gourmetwettbewerb kann man mit diesem menü zwar nicht gewinnen, aber viele glückliche stunden am tisch mit der sippe (und ein paar unglückliche pfund dazu).so viel fleisch, das mag ich nach 20 jahren BRD allerdings nicht mehr.

        hunger?

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      2. Mjammi, das klingt ja alles lecker und weckt meinen Appetit. Besonders der luftgetrocknete Schinken und die gefüllten Paprikaschoten sprechen mich an. Ich kann mir das gut vorstellen, wie die Sippe viele Stunden zusammen am Tisch sitzt, schnattert und isst. Herrlich!

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  2. Ich habe das Buch gelesen aber auch in dieser Form konnte ich es geniessen – die Sprache hat auch so ihre Besonderheiten. Und ja, es ist ein Roman, der nach Aufmerksamkeit verlangt, für die man jedoch, wie Du schreibst, belohnt wird. Für mich war die Identitätssuche der Mittelpunkt des Romans – ein Thema, das mich, als Auswanderin, sehr interessiert.
    Liebe Grüße
    Anna

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    1. Liebe Anna,
      ich lächle über deine Zeilen, die mit meinem Gefühl übereinstimmen. Und es freut mich sehr zu lesen, dass du dich als Auswanderin in den Worten/Beschreibungen der Autorin wohl gefühlt hast. Der Roman ist sehr facettenreich und jede/r Leser/in findet sich bestimmt in einem Thema ganz besonders wieder und wenn nicht, dann gibt es eine große Palette aus der man schöpfen kann.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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  3. Ich habe Melinda Nadj Abonjis Stimme noch im Ohr, als sie bei der LitCologne gelesen hatte. Es war nur ein kleiner Eindruck, der mir aber sehr gefallen hat. Deshalb hab ich mir am Ende auch ihr Buch gekauft. Deine Beschreibung von ihr als Vorleserin deckt sich mit meiner Wahrnehmung, sie hätte mir an dem Abend auch (ich sag jetzt nicht das ganze Buch, mit Blick auf die Laufzeit) mehr daraus vorlesen können. Bis jetzt habe ich es noch nicht geschafft, das Buch zu lesen, freue mich aber schon darauf.

    Heute Abend um 23:05 Uhr kommt übrigens der Mitschnitt von der LitCologne im Radio auf WDR 3, bei der das Buch zusammen mit Marica Bodrožićs „Gedächtnis der Libellen“ vorgestellt wurde.
    http://www.wdr3.de/open-wortlaut/details/artikel/tauben-fliegen-auf.html
    Vielleicht höre ich noch einmal rein. (Ob sie es ein bisschen zusammengeschnitten haben? Es gab damals einen Zwischenfall unter den Zuschauern, bei dem der Notarzt eingreifen musste).

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    1. Du hast die Autorin live erlebt, wie schön! Auch schön ist, dass sie dich durchs Vorlesen zum Kaufen angeregt hat. Dann wünsche ich dir bald viel Freude mit der Lektüre!

      Vielen Dank für den Mitschnitt – der macht Lust auf mehr! Das war sicherlich nicht nur eine schöne, sondern auch eine interessante und aufregende (Notarzt) Veranstaltung.

      Liebe Grüße,
      Klappentexterin

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      1. Hast Du Dir den Mitschnitt angehört? Hat er Dir gefallen? Ich habe noch mal reingehört (und aufgenommen). Er war natürlich gekürzt, auf 55 Minuten, was ich beim Blick auf die Sendezeit schon hätte sehen müssen. Die Anekdoten mit der Schule waren leider nicht dabei. Es war noch einmal eine schöne Erinnerung an einen wunderbaren Abend im März.

        Liebe Grüße

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