Ein schöner Schmerz.

Kennt ihr das noch? Wie ihr versucht in eure Lieblingsschuhe hineinzukommen, aber feststellen müsst, dass eure Füße zu groß dafür geworden sind? Es tut weh und ihr seid traurig über diesen plötzlichen Abschied.

So ging es mir mit „Little Bee“ von Chris Cleave. Es ist ein schönes Buch, weil es kraftvoll ist, durch witzige Sätze unterhält und mit sehr klugen, philosophischen Gedanken zum Nachdenken anregt. Es ist aber auch ein tragisches Buch, weil es von Dingen erzählt, die die Kehle zuschnüren und sehr bedrücken, eine ungewöhnliche Mischung. Eben habe ich noch geschmunzelt und mit dem nächsten Augenaufschlag kippt schon die Stimmung. Das passiert genau dann, wenn das Böse wie eine Schlange zuschnappt und den Schuh immer enger schnürt so lange bis ich nicht mehr herauskomme und den gequetschten Fuß weinen höre.

Das Buch hat viele Leser verdient, weil es unsere Köpfe rüttelt, bis ins Innerste bewegt, von Menschlichkeit erzählt und auch ein Zeitdokument über das Leben in Nigeria ist. Obwohl die Geschichte fiktional ist, zeigt sie uns das Schicksal vieler Menschen dort in Afrika. Ein großes Leid durchzieht das Land. Armut, Krankheit, Gewalt und Entbehrungen erfahren schon die Kinder. Dazwischen schießen fontänenartig die großen Ölvorkommen hervor, die ein besseres Leben sichern könnten. Wenn da nicht die Gier der Menschen wäre. Die ist es auch, die über Leichen geht. So steht es in dem Buch und das ist überhaupt nicht abwegig. Erst kürzlich sah ich im „Welt-Spiegel“ einen erschütternden Bericht über Nigeria. Vor der Brutalität des Grauens macht auch Chris Cleave nicht Halt, beschreibt sie bis ins kleinste Detail. Sicherlich schmerzt das gewaltig, so sehr, dass ich manchmal das Buch kurz zuklappen musste, doch immer wieder kam Little Bee, setzte sich zu mir und strahlte mich an. Ich fragte mich oft, woher dieses Mädchen all die Kraft hernimmt, die Mut macht, weiterzugehen. Diese Hoffnung ist es, die meinen aufgeregten Atem beruhigt hat. Little ist es auch, die sagt: „Ein Hund muss ein Hund sein und ein Wolf ein Wolf.“ Und ich füge hinzu: „Ein Lieblingsschuh muss ein Lieblingsschuh sein, egal wie groß die Füße sind.“

Die Geschichte bewegt und kriecht bis ins Innere des Herzens. Dennoch holt uns Little Bee stets aus dem dunklen Tal zurück. Sie erinnert mich an einen Stern, der auch tagsüber durch seine Leuchtkraft am Himmel strahlt. Sie trägt trotz allem eine große Lebensfreude in sich, an die sich der Leser sofort festhält. Little Bee ist wie eine Wasserfontäne, obwohl eine schwere Zeit hinter hier liegt: Das harte Leben in Nigeria, die Flucht nach England, das englische Abschiebelager aus dem sie gerade entlassen wurde. Wohin nun in dem fremden Land? Das fragt sie sich, als sie mit beiden Beinen in der Freiheit steht. Parallel sucht sie immer nach einer Möglichkeit, dem eigenen Leben bei einem Notfall ein Ende zu setzen. Glücklicherweise besitzt das afrikanische Mädchen eine Visitenkarte von einem Engländer. Sie wählt die Telefonnummer, die dort abgedruckt ist und erschreckt Andrew am anderen Ende der Leitung. Er lebt zusammen mit seiner Frau Sarah in Kingston-upon-Thames.

Als Leser ahnt man schon, dass hier eine dunkle Wolke hereinbricht. Irgendein schlimmes Geheimnis verbindet die drei. Welches, das verrate ich nicht, denn ich möchte, dass ganz viele Menschen dieses bewegende Buch lesen und wie ich in den Genuss solcher reichhaltigen Sätze kommen:
„Tee ist der Geschmack meines Landes: Er ist bitter und warm, stark und scharf vor Erinnerungen. Er schmeckt nach Sehnsucht. Er schmeckt nach Entfernung zwischen da, wo man ist und dort, wo man herkommt. Und er verschwindet – der Geschmack verschwindet von der Zunge, wenn die Lippen noch heiß vom Tee sind. Er verschwindet wie die Plantagen, die sich hoch in den Nebel erstrecken.“ Ich schlug das Buch zu und blieb bis heute mit einem schönen Schmerz zurück.

Chris Cleave.
Little Bee.
Februar 2011, 320 Seiten, 14,90 €.
dtv.

Drei weitere bewegende Rezensionen findet ihr auch bei Bibliophilin, Bücherwurmloch und Bücherstadt.

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22 Gedanken zu “Ein schöner Schmerz.

  1. Genau so! Danke, danke für diese wunderbare Rezension, liebe Klappentexterin. Mich hat die Begegnung mit „Little Bee“ sehr bewegt. Am Ende kullerten mir sogar Tränen übers Gesicht. Dabei habe ich doch eigentlich gar nicht geweint, sondern war von der Geschichte nur so gefangen genommen worden. Es ist tragisch und traurig. Aber auch voller Hoffnung, Liebe und Wärme. So viele unterschiedliche Gefühle findet man nur selten in einem Buch – und alles ohne belehrenden Zeigefinger. Wunderbar und erschütternd zugleich.

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    1. Liebe Nantik,
      du hast es so wunderschön in Worte gefasst, und ich sage jetzt auch: Genau so! Es freut mich und überrascht mich nicht, dass du dieses bewegende Buch ebenso gelesen hast.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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    1. Ich habe beim Lesen oft an dich, liebe Bibliophilin, und deine Eindrücke gedacht. Meistens ging es mir wie dir, ach, was heißt hier meistens, eigentlich immer. In der Mathematik spricht man in dem Fall von Deckungsgleichheit. Wünschen wir dem Buch noch viel mehr LeserInnen, die all das mit uns teilen.

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  2. Ich kann nur einen tiefen Seufzer ausstoßen. Mir hat das Buch genauso gefallen wie dir/euch und es hat mich bis heute nicht wieder losgelassen. Wunderbar, aufrüttelnd und liebevoll. Und auch ich wünsche mir noch sehr, sehr viel merh Interessenten!

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  3. Das harte Leben in Nigeria, die Flucht nach England, das englische Abschiebelager aus dem sie gerade entlassen wurde. Wohin nun in dem fremden Land?
    ____

    Ich frage mich immer: Warum sich mit so etwas befassen? Ich sehe auch grundsätzlich keine Nachrichten mehr – ich ahne, was es für ein Elend auf der Welt gibt, aber warum es in mein Wohnzimmer und in meinen Kopf lassen? Deswegen ändert sich für die betroffenen Menschen gar nichts. Ich mag aus dem Grund auch keine Problemfilme mehr sehen.

    Wie sagte einer sinngemäß in dem Film *Hotel Ruanda*: Glauben Sie wirklich, dass irgendwer, wenn er das Elend sieht, dabei aufhört zu essen?

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    1. Aber nur, weil man nicht mehr hinsieht, verschwinden die Probleme ja nicht, oder nomadenseele? Wenn man ein Problem bewusst wahrnimmt, dann löst man es dadurch natürlich noch lange nicht, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Und vielleicht werden manche Menschen durch „Little Bee“ derart bewegt, dass sie sich für Nigeria zu interessieren beginnen und tatsächlich auch etwas tun. Manchmal müssen nur die richtigen Schwingungen das Innerste berühren. Mir ging es zum Beispiel so, als ich vor vier Jahren eine Doku über die massenvergewaltigten Frauen der „Freien“ Republik Kongo gesehen habe. Seitdem grase ich mindestens einmal im Jahr meine Familie und meinen Freundeskreis ab, um dem Panzi Hospital Geld zu spenden. Natürlich ist das nur ein Tropfen auf dem heißen Stein. Aber immerhin reichen 30 Euro, um eine Frau dort nach einer Vergewaltigung medizinisch zu versorgen – inklusive psychologischer Betreuung. Und mit 120 Euro schenkt man dieser Frau sogar eine neue Zukunft, denn sie lernt lesen und nähen und bekommt eine Nähmaschine, um sich und ihren Kindern den Lebensunterhalt damit finanzieren zu können. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir Industriestaatler ja zum Teil auch für solche Verhältnisse verantwortlich sind. Wären wir nicht so Technikgeil, müssten wir nicht so viel Coltan aus dem Kongo importieren. Tja, und da sind die meisten Erzminen in Rebellenhand. Und wer plündert, tötet und vergewaltigt im Kongo? Richtig, die Rebellen. Das hat nicht unbedingt etwas mit einem ruhigeren Gewissen zu tun, dass ich mich fürs Panzi Hospital einsetze. Es liegt mir eben einfach nur am Herzen. Und irgendwie ist es ja auch die Pflicht von Menschen, denen es etwas besser geht, sich um Menschen, die es nicht so gut haben, einzusetzen. Das fängt vor der Haustür an. Aber dank der Globalisierung sollten wir auch öfter mal über den Tellerrand hinaus blicken. Das geht uns nämlich alle etwas an. *moralpredigt ende*

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    2. Warum sich damit befassen? Weil Literatur nicht nur unterhaltsam und spannend ist, sondern auch aufklären sollte. Jedem sei freigestellt, was er liest und was nicht, und mit welchen Ansprüchen er an die Literatur herangeht. Unsere Welt ist groß und vielseitig und es wäre ja ein bisschen langweilig, wenn alle nur das Gleiche lesen würden. Doch gerade solche Bücher wie „Little Bee“ sind wichtig, weil sie eine Botschaft aussenden, aufklären und bewegen. Wird sich nun was ändern? Sicherlich nicht in dem Maße wie es erforderlich wäre, doch das Bewusstsein der Menschen wird geschärft und schubst hier und da an, genauer hinzusehen, was dort vor sich geht. Literatur kann die Welt nicht ändern, aber sie kann ein Signal setzen und anstoßen, sich zu bewegen.

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    3. Dein Kommentar hat mich ehrlich gesagt gerade etwas erschreckt.
      Zum Glück denken nicht alle so wie Du. Sonst wäre z.B. meine beste Freundin aus Schulzeiten nicht zu Ärzte ohne Grenzen gegangen, wie so viele andere auch.
      Wer helfen will, der tut das auch, dafür müssen wir aber wissen wo Hilfe benötigt wird.

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  4. Außerdem darf man nicht vergessen, dass wir Industriestaatler ja zum Teil auch für solche Verhältnisse verantwortlich sind. Wären wir nicht so Technikgeil, müssten wir nicht so viel Coltan aus dem Kongo importieren.
    ____

    Soll ich jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen haben, weil es uns gut geht und denen schlecht? Tut mir leid, aber ich lasse so etwas nicht an mich heran. Ich will es auch nicht wissen.

    Ich habe – wie jeder andere auch – genug eigene Probleme, ich muss mir nicht noch die von anderen aufladen. Wenn ich spende, dann ohnehin meistens nur für Tierschutzorganisationen.

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    1. Nein, das nicht, denn die Dinge haben wir uns ja nicht ausgedacht, sondern andere Menschen über uns. Und gegen die Geldgier kommen wir auch nicht an. Dennoch können wir einen kleinen Teil beitragen etwas dagegen zu unternehmen, indem man beispielsweise gewisse Dinge nicht einkauft oder wie Nantik Spenden einsammelt. Obwohl sie vielleicht auf dem ersten Blick nur minimale Beiträge sind, sind sie besser als gar nichts. Wenn alle Menschen wegschauen würden, dann würde es der Welt heute noch schlechter gehen.

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    2. @nomadenseele: Da ticke ich ein wenig anders. Ich habe zwar kein schlechtes Gewissen, aber ich habe kein Problem damit, mich zu engagieren – gerade weil es mir besser geht als den Menschen im Kongo (um mal bei diesem Beispiel zu bleiben). Es tut mir nicht weh, noch muss ich auf irgendetwas verzichten, wenn ich zum Beispiel beim Kauf von Handys, Computern und Co. darauf achte, nur Produkte von Firmen zu kaufen, die ihr Coltan aus zertifizierten Minen beziehen, die nicht in der Hand von Rebellen sind. So etwas ist schnell recherchiert – und es schränkt das Angebot nicht ein. Es sind kleine Maßnahmen, die man ergreifen kann. Und je mehr Menschen das tun, desto größer ist der Effekt – um mal die Klappentexterin zu wiederholen. 😉

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  5. Ich bin immer noch auf dem Standpunkt, dass ich mich nicht um alles kümmern kann, wobei ich es durchaus achte, wenn jemand sich für etwas engagiert. Auch weil solche Engagements vielleicht dazu beitragen, dass nicht noch mehr Afrikaner nach Europa kommen,

    Mir kam angesichts einer Buchkritik die Erkenntnis, dass ich mich einfach nicht mehr aufregen möchte, ich habe resigniert.

    Es gibt für mich einen – durchaus interessanten – Aspekt, Little Bee trotzdem zu lesen: Um mich in die Situation eines Flüchtlings in Europa hineinversetzen zu können, was durchaus deutscher Alltag ist.
    Aber wenn es zu krass wäre, würde ich es trotzdem abbrechen; ich habe früher auch gerne Problemfilme z.B. auf Arte gesehen, bis ich gemerkt habe, dass sie mich nur belasten und keinem weiterhelfen.

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  6. Nachdem ich all diese begeisterten Rezensionen gelesen habe, frage ich mich, ob ich ausversehen ein Buch gekauft habe, das lediglich denselben Titel hat. Das Cover ist zwar das gleiche und auch der Inhalt, den du wiedergibst dem, entspricht dem, was ich gelesen habe. Doch die hohe Qualität, die (zumindest im deutschsprachigen Internet) so gerühmt wird, konnte ich nur auf den ersten sechzig, siebzig Seiten entdecken.
    Am Ende der Lektüre kam ich mir jedenfalls beklaut vor. Ich ärgerte mich darüber, mein Geld und (noch schlimmer!) meine Zeit für ein Buch verschwendet zu haben, das zwar wichtige Themen aufgreift, ihnen aber keineswegs gerecht wird.

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    1. Liebe Jessica,
      nein, ich denke du hast das richtige Buch gekauft, es nur anders empfunden als wir. Ich habe keinen Abbruch der Qualität gespürt und das Buch bis zum Schluss gerne gelesen. Schade, dass „Little Bee“ bei dir nicht das hinterlassen hat wie bei mir. Ich danke dir für deine kritische Wortmeldung, die wieder einmal deutlich macht: Das Lesen ist und bleibt subjektives Empfinden, denn jeder setzt eigenen Maßstäbe.

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  7. Vorsicht, liebe Nina! Wie du einen Kommentar über dir vielleicht gelesen hast, gibt es auch kritische Stimmen. Aber insgesamt habe ich nur Gutes über das Buch gehört. Mich hat es damals übrigens durch sein Äußeres gefangen genommen. In jedem Fall ist das Buch ein Gefühlscocktail wie ich ihn selten erlebt habe. Bitte berichte, wie es dir ergangen ist. Ich bin gespannt!

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