Vom lauernden Glück.

Mit dem Erinnern ist das so eine Sache. Einige Dinge erheben sich klar aus dem Gedächtnis, wir könnten glatt Bilder von dem Vergangenen malen, so nah sind sie uns. Und andere sind so blass, dass wir starke Lupen brauchen, um sie zu erkennen. Schnell finden wir uns in Geschichten wieder, die das Vergangene heranzoomen. Die Zeit hat sich ihr eigenes Nest gebaut und führt dabei manchmal in die Irre. Wie viel Erinnerung ist wahr? Oder kommt es letztlich auf das Ereignis an? Was macht uns am Ende glücklich? Fragen, die euch nun mitten hinein in ein beachtliches Debüt ziehen. Peggy Mädler befasst sich in ihrem Roman „Legende vom Glück des Menschen“ mit der Kraft des Erinnerns und erzählt von verschiedenen Arten des Glücks.

Die Ich-Erzählerin begibt sich auf eine Spurensuche in die eigene Familie. Sie fädelt aus Erinnerungen, Fundstücken und Geschichten ein umfassendes Porträt dreier Generationen. Den Anstoß dazu gibt ihr ein Bildband, den sie im Nachlass der Großeltern findet. „Vom Glück des Menschen“ hat der Großvater zu DDR-Zeiten als Auszeichnung für „seine langjährige Mitarbeit im volkseigenen Einzelhandel“ erhalten. Der Fotoband besteht nur aus Bildern und zeigt jubelnde Gesichter, Kindergesichter, Versammlungen, Paraden, Aufstände und vieles mehr. Beim Durchblättern stößt die Erzählerin auf Überschriften wie „Legende vom Glück des Miteinander“, „Legende vom Glück der Freiheit“, „Legende vom Glück der Arbeit“ etc. Diese nimmt die Autorin als Kapitelüberschriften, um die eigene Geschichte der Familie zu erzählen. Sie beginnt bei den Großeltern in der NS-Zeit, bewegt sich weiter in den Sozialismus und endet in der Gegenwart, in der die Erzählerin lebt und selbst den Erinnerungen kritisch gegenübersteht:

„Erkenne ich mich überhaupt in den Geschichten, die mich aufsuchen, wenn ich sie nicht erwarte, und fernbleiben, sobald ich sie finden will? Oder erfinde ich all die Erinnerungen, um mich selbst zu erfinden, in diesen Möglichkeiten, in den Annahmen, in den Vermutungen über diejenigen anderen, durch die ich, wie es heißt, geworden bin? Zu wem? Wer kann das sich von sich sagen?“

Das Buch teilt sich in zwei Erzählstränge. Sobald die Erzählerin in die Kapitel der Familie schlüpft, bleibt sie differenziert. Die Passagen lesen sich wie eine Dokumentation, ein Zeitsprung nach hinten, den sie langsam nach vorn antreibt. Ein Tastensprung folgt dem nächsten und wir bewegen uns mit schnellen Schritten. Die Autorin beleuchtet die Entbehrungen der Großmutter während des Krieges, erzählt über die Entfremdung der jungen Eheleute, aber auch die Geschichte des Vaters. Seine Mutter findet bereits kurz nach der Geburt, „dass das Kind schwerlich für die Welt taugen wird.“ Nüchtern und sehr realitätsnah fühlt sich das alles an. Wesentlich wärmer wird es, wenn die Erzählerin in den Vordergrund rückt, sie in der Gegenwart die Gedanken und Gefühle sortiert. Feinfühlig und poetisch lässt mich die Autorin in den Kopf einer jungen Frau schlüpfen und schenkt mir dabei ein Lächeln oder ein leichtes Seufzen, denn ihre Sätze streicheln mich wie weiche Samtkissen. Sie haben so eine bekannte Vertrautheit in sich, dass mich die Autorin aus dem Haus lockt und mir interessante Gedanken serviert, an denen ich hängenbleibe:

„Mitunter vergisst man die Sache und den Vorgang des Vergessens gleichermaßen. Es heißt, dass die Leerstellen unbewusst mit fremden Material gefüllt werden, mit Gehörtem oder Gelesenem, so dass es gar nicht auffällt, dass es möglicherweise entscheidende Lücken im Ablauf gibt.“

Das Suchen und Finden prangt in dem Roman mit großen Lettern ganz oben. Manches ist greifbar, anderes versteckt sich hinter einem dunklen Winkel. Ganz leise schleicht sich das Glück an. Sobald ich über einen beeindruckenden Satz stolpere oder die Ich-Erzählerin die Stille des Schreibens genießt. Ja, das Glück hat viele Formen und ist flüchtig wie ein Luftzug. Wenn man mit offenen Augen durchs Leben läuft, dürfte es aber nicht allzu schwer sein, es einzufangen. Im Hier und Jetzt oder in einer Erinnerung, die man fast vergessen hat.

Peggy Mädler.
Legende vom Glück des Menschen.
Februar 2011, 224 Seiten, 16,95 €.
Galiani Berlin.

Über die Autorin:

Peggy Mädler wurde 1976 in Dresden geboren. Die in Berlin lebende Autorin arbeitet als freie Dramaturgin und Regisseurin. Sie ist Mitbegründerin des Künstlerkollektivs „Labor für kontrafaktisches Denken. Peggy Mädler erhielt ein Promotionsstipendium der Heinrich-Böll-Stiftung, ein Autorenstipendium des Künstlerdorfs Schöppingen und das Alfred-Döblin-Stipendium der Akademie der Künste. Ihr Debüt „Legende vom Glück des Menschen“ ist dieses Jahr im Februar erschienen.

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