Moin, moin, Sven Regener!

Bitte nehmen Sie es mir nicht übel: Ich kann Sie nicht lesen. Ich kann Sie nur hören! Deshalb habe ich wie eine Wahnsinnige auf die Hörbuchfassung Ihres Buches „Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher“ gewartet. Ich wusste, dass ich meinen Spaß damit haben werde. Ha, und den hatte ich, so sehr, dass nun wahrscheinlich halb Berlin denkt, ich sei eine Verrückte. Wieso? Weil ich Sie ununterbrochen gehört habe: In der S-Bahn, in der Kantine, in der Supermarktschlange. Was ja an für sich nichts Schlimmes ist. Aber meine Regungen im Gesicht waren recht komisch. Ich habe oft schallend gelacht, und bin mit einem Dauergrinsen über die Straßen gerannt. Rot gab es für mich nicht, nur Grün. Laufen, laufen und den Regener hören. So, jetzt muss ich aber was zu Ihren Logbüchern schreiben.

Sven Regener hat zwischen 2005 und 2010 Blogs geschrieben. Was ich bis zu diesem Buch nicht wusste. Dafür sind mir die Platten seiner Band „Element of Crime“ bekannt. Doch um die Band geht es hier nicht vorrangig, eher um den Sänger, der den Alltag und die Medienwelt beschreibt. Er hat dies auf sehr moderne Art getan: Sven Regener hat gebloggt. Stark! Bevor wir BloggerInnen weiter staunen, sei aber kurz angemerkt: Sven Regener ist nicht aus einer inneren Passion aktiv geworden, so wie wir es für gewöhnlich tun, liebe BloggerInnen. Nein, er hat aus Promotionszwecken geschrieben, um auf etwas aufmerksam zu machen wie eine neue Platte, eine Tournee oder einfach so, weil ein Marketingversessener Mensch namens Thorsten von Universal ihm das aufs Auge drückt: „Ne, echt mal, das mögen die Leute. Das ist Promo.“ Sven hingegen strampelt mit den Füßen, holt zum Gegenschlag aus, indem er Thorsten nachäfft („Das ist Promo, das ist Promo.“) und ihm eine Geschichte über Otto Sander erzählt, zum Thema… richtig, Promo.

Es ist schon sehr komisch, wie Sven Regener an das Bloggen herangeht. In einem Testeintrag seines Berlin.de-Blogs überfordern ihn die Kommentare:

„Das ist mir alles zu viel. Nicht schlimm, nur zuviel. Kriege ich sofort Hemmungen. Das ist ja wie Peepshow mit Gespräch.“

Deshalb wird er ab sofort keine Kommentare mehr lesen, obwohl ihm Erik Hauth von Berlin Online rät, „auf andere Blogs einzugehen“. Sein Kumpel Hamburg-Heiner beschwert sich am nächsten Tag über Svens ersten offiziellen Eintrag. Da ist zu wenig Sex, Drugs und Rock’n’ drin. Das sieht der Blogger anders. Schon entfacht eines von vielen aufbrausenden und sehr unterhaltsamen Gesprächen. Hamburch-Heiner – so spricht Sven Regener im typischen nordischen Slang den Wegbegleiter aus – ist ein gnadenloser Typ. Er schmiert seinem Kumpel alles aufs Butterbrot, und man ahnt schon gleich: Zwischen den beiden herrscht eine Art Hass-Liebe, sie können nicht ohne, aber auch nicht miteinander. Die beiden telefonieren fast regelmäßig, und wehe, wehe Hamburg-Heiner meldet sich nicht spätestens nach vier Tagen, dann wird Sven unruhig, beinahe panisch, dass er an Gott-weiß-was denkt. Doch sobald Hamburg-Heiner an der Strippe ist, geht das große Geplapper los, bei dem man einfach nur eins macht: Lachen!

Hamburg-Heiner ist natürlich nur ein fiktiver Charakter. Phantasie hin, Phantasie her, der Mann kommt sehr realistisch rüber und hat seinen berechtigten, sogar sehr wichtigen Platz in dem Hör(Buch). Er ist das i-Tüpfelchen auf dem großen Ganzen. Ohne den Schnack wäre alles nur halb so schön. Sven Regener ist in seinen Beiträgen auch kritisch und hört nicht immer auf die gut gemeinten Ratschläge seines Kumpels. So ziert sich Regener nicht, sich selbst auf die Schippe zu nehmen und pustet damit ordentlichen Fahrtwind ins Ohr. Ein Abdriften wird dadurch unmöglich. Gleichzeitig geben die Logbücher einen kleinen Einblick in das Leben eines bekannten Musikers und verraten, was es mit Off-Tagen auf sich hat oder was sich nach drei Tagen Buchmesse alles in den Jackentaschen ansammelt. Das war’s dann aber schon mit dem über die Schulterschauen, denn wirklich privat wird der Sänger nie. Nabelschau? Vergesst es.

Muss man eigentlich ein „Element of Crime“-Fan oder Blogger sein, um die Logbücher zu hören? Nein!! Richtig, zwei Ausrufezeichen. Sollte man die Logbücher lieber hören? Ja!! Wieder zwei Ausrufezeichen. Sven Regener ist ein ausgezeichneter Sprecher, der seine Bücher (seine anderen hat er ebenfalls selbst gelesen), jedes Mal zu laufenden Lachmaschinen verwandelt. Der Witz hüpft aus seiner Stimme förmlich heraus und man kugelt sich vor Lachen. Ich habe es wirklich lesend versucht, doch der typische nordische Regenersche Singsang hat mir gefehlt. Punkt.

So, Herr Regener, jetzt wissen Sie auch, warum ich Sie nur hören will! Aber schreiben Sie bitte weiter, auch Geschichten aus dem Leben. Sie sind eine Bereicherung für die oft finster dreinblickende Bevölkerung in der S-Bahn und im Supermarkt. Und danke für die zwei Wörter. Welche? Sie wissen schon. Die anderen Hörer werden die S-Wörter schon früh genug heraushören.

Sven Regener.
Meine Jahre mit Hamburg-Heiner. Logbücher
Vorgelesen von Sven Regener.
05 Std. 21 Min., 13,95 €.
audible.de

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6 Gedanken zu “Moin, moin, Sven Regener!

  1. Danke für die Vorstellung und Dein Plädoyer für dieses Hörbuch. Ich habe Regener in letzter Zeit einige Male in kleinen Talkrunden auf den Dritten über die Logbücher reden hören und es hat immer sehr viel Spaß gemacht.
    Ich bin auch Deiner Meinung, dass Regner es hervorragend versteht, ein Publikum mit seinem Vortrag und seiner Stimme, die Du so treffend als „typisch nordisch Regnerschen Singsang“ bezeichnest, zu unterhalten und zum Lachen zu bringen. Ich konnte ihn letztes Jahr bei einer Lesung hören – köstlich! Beim Lesen habe ich auch seine Stimme im Ohr (es ist natürlich trotzdem nicht dasselbe). Regner hat eine sympathische Art an sich, ihm hört man einfach gerne zu.
    Das ist mal ein echter Hörbuch-Tipp für mich!

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    1. Stimmt, es ist neben dem typisch nordisch Regenerschen Singsang auch die symphatische Art, die große Freude macht, ihm zuzuhören. Schlechte Laune gibt es mit dem Regener nicht, genau das zeichnet ihn aus. Na, vielleicht findet das Hörbuch ja ganz bald zu dir, ich wünsche es dir jedenfalls sehr.

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  2. leide haben herr regener und ich unterschiedliche auffassungen von humor … ABER: ich musste sehr darüber schmunzeln, dass du das hörbuch zum dauerbegleiter erkoren hattest. seit ich das vorlesen lassen für micht entdeckt habe, geht es mir genau so 🙂 außerdem finde ich auch, dass manche bücher in der vorgetragenen fassung angenehmer, spannender und/oder lustiger sind.

    schöne freitagsgrüße, m.

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    1. Schade, schade. Um so erfreuter bin ich darüber, dass Hörbücher auch für dich zu Dauerbegleitern geworden sind. Du hast recht, es gibt Bücher, die bekommen durch das Vorlesen eine ganz eigene Stimmung, die mit den Augen so nicht eingetreten wäre.

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