Hannes Köhler über Freundschaft.

Wie bereits angekündigt, kommt Hannes Köhler heute bei mir zu Wort. Dieses Jahr wurde im April sein Debüt „In Spuren“ veröffentlicht.

Foto: Florian Mey.

Hannes Köhler wurde 1982 in Hamburg geboren. Er studierte in Berlin und Toulouse Literatur und Geschichte. Er war Mitbegründer der Literaturgruppe und Lesebühne Die Lautmaler und veranstaltet seit 2003 regelmäßig Lesungen in Berlin. 2008 war Hannes Köhler Teilnehmer des Heiner-Müller-Kollegs an der Freien Universität Berlin und 2009 Stipendiat der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin. Nach Veröffentlichungen in Zeitschriften, Zeitungen und Anthologien ist „In Spuren“ seine erste Buchveröffentlichung.

Klappentexterin:  Freundschaft ist eins der großen Themen in deinem Roman „In Spuren“. Wo fängt gute Freundschaft an und wo hört sie auf?
Hannes Köhler: Ich glaube, dass man es auf die ganz simple Formel bringen kann, dass die besten Freunde oft diejenigen sind, mit denen man in seiner Kindheit und Jugend einfach eine große Menge Zeit verbracht hat. Das erzeugt Bindungen, die viele Probleme und Enttäuschungen wegstecken können – wenn auch nur bis zu einem gewissen Grad. Ich denke, wenn man älter wird, entstehen Freundschaften dann mehr über Interessen, Hobbys, sie entstehen gezielter, wenn man so will  – und trotzdem gibt es da oft etwas Undefinierbares: Man trifft jemanden, vielleicht nur einen Abend, unterhält sich und merkt: Ja, mit dem/mit ihr bin ich auf einer Wellenlänge. Wo Freundschaft aufhört? Oft bei einem Auseinandergehen der Lebenswege, durch räumliche Trennung, durch zugefügte Enttäuschungen oder einfach, weil man den richtigen Weg miteinander zu kommunizieren verloren hat – also ganz einfach: Wenn man merkt, dass man sich nichts mehr zu sagen hat.

Interessant fand ich die andere Seite von Felix, die sein Freund Jakob gar nicht kannte. Kann man das als Doppelleben bezeichnen oder eher als persönliches Geheimnis?
HK: Ein Doppelleben würde für mich bedeuten, dass Felix diese andere Seite sehr gezielt vor Jakob verheimlicht hat. Aber das ist in meinen Augen nicht der Fall. Natürlich hat er ihm nicht sein Tagebuch zu lesen gegeben, aber es gab immer wieder Punkte, an denen Jakob Dinge hätten auffallen können, an denen er hätte merken können, dass es seinem Freund nicht gut geht, dass es Probleme gibt, mit denen er kämpft – vielleicht vor allem mit sich selbst. Aber Jakob hat diese Hinweise und Signale nicht gesehen, oder hat sie vielleicht auch nicht sehen wollen.

Beinah wie in Trance bewegt sich Jakob in das Leben seines verschwundenen Freundes. Ist es Verzweiflung oder die Angst, von einem guten Freund loszulassen?
HK: Ich denke, dass diese seltsame Art sich anzunähern sicher mit dem Schock zusammenhängt, den das Verschwinden von Felix in Jakob auslöst; es scheint mir aber auch Jakobs Art zu sein, mit diesen Dingen umzugehen. Reflexion ist sicher nicht seine Stärke, dieser Prozess des Nachdenkens setzt ja erst langsam bei ihm ein und erst, als er schon weit in Felix Leben hineingetaumelt ist.

Gab es einen Anstoß zu deinem Roman oder war die Idee eines Morgens in deinem Kopf?

HK: Ich wollte über das Enden oder Verlieren von Freundschaft schreiben, zuerst eine Erzählung. Je mehr dann Jakob und seine seltsame Identitäts- und Sinnsuche in den Fokus rückten, desto klarer ist mir geworden, dass der Stoff für einen Roman gut sein könnte. Bis zu dem Zeitpunkt, an dem ich mir sicher war – Das wird jetzt mein erster Roman – brauchte es aber noch viel Zeit und einige Zufälle.

Was deinen Roman für mich ebenfalls auszeichnet, ist die Erzählform, ein ganz eigener kraftvoller Schreibstil. Steckt da jahrelange Arbeit hinter?
HK: Ich würde mich schwer damit tun den Stil von „In Spuren“ zu nehmen und zu sagen: So schreibe ich, das ist jetzt der Stil, mit dem ich dauerhaft arbeite! Ich glaube, dass jeder Stoff sich in gewissem Maße seine Sprache sucht. Natürlich habe ich vorher schon lange Jahre geschrieben, und natürlich versuche ich immer meinen eigenen Klang zu finden, aber der kann eben von Text zu Text sehr variieren. Bei „In Spuren“ war es konkret so, dass ich lange daran gearbeitet habe, bis ich die beiden Erzählstile der Protagonisten deutlich genug voneinander getrennt hatte, und bis der Sprachrhythmus von Jakobs Erzählhaltung und jener der Tagebucheinträge von Felix für sich stimmig waren.

Hast du Vorbilder, an denen du dich als Autor orientiert hast?

HK: Ich lese generell viel, schnappe irgendwo im Gespräch Autorennamen oder Romantitel auf und besorge mir dann die Bücher, gehe teilweise aber auch gezielt vor, lese viel junge deutsche Literatur, aber auch Klassiker. Und es gibt immer wieder Romane oder Texte, die mir gefallen, deren Stil aber auch deren Themenwahl oder Charakterentwicklung mich beeindrucken – und natürlich gibt es auch das Gegenbeispiel, dass ich etwas lese und denke: Das gefällt mir nicht – das würde ich anders machen. Ganz bestimmte Vorbilder habe ich also eher nicht; gerade lese ich Irving und Joseph Roth – aber in ein paar Monaten fallen mir bestimmt wieder neue Autoren in die Hände.

Wie lange hast du einen Verlag gesucht, der dein Manuskript angenommen hat?

HK: Ich hatte das Glück, dass ich für den Anfang von „In Spuren“ ein Stipendium der Autorenwerkstatt Prosa des Literarischen Colloquiums Berlin gewonnen hatte. Dort haben wir dann in einer Gruppe von jungen Autoren über unsere entstehenden Debütromane diskutiert, Schwächen, Stärken und mögliche Überarbeitungswege besprochen. Teil dieses Stipendiums war auch eine Lesung auf der Leipziger Buchmesse 2010 – und dort hat mein heutiger Lektor vom mairisch Verlag meinen Textausschnitt gehört und mich angesprochen. Von diesem Moment bis zur Vertragsunterzeichnung hat es zwar noch einige Monate gedauert – auch weil der Roman noch gar nicht fertig war – aber der erste Kontakt war hergestellt.

Was gibst du jungen AutorInnen mit auf den Weg?

HK: Lesen, beobachten, schreiben, überarbeiten und wieder lesen, beobachten, schreiben und nicht damit aufhören! Ich habe lange lange Jahre geschrieben und mich immer wieder bei Wettbewerben und Stipendien beworben, ohne dass es geklappt hat. Und das ist frustrierend. Man sollte Geduld haben, auch mit dem eigenen Geschriebenen. Ernstgemeinte Kritik, die tatsächlich am Text interessiert ist, sollte man annehmen, auch und gerade wenn sie schmerzt. Ich habe es immer als bereichernd wahrgenommen mit Gleichgesinnten über ihre und meine Texte zu diskutieren. Gerade in der Auseinandersetzung mit anderen Texten versteht man oft Dinge, die man im eigenen Roman oder in der eigenen Erzählung gerne übersieht.

Und zu guter Letzt: Schreibst du an einem neuen Roman?

HK: Ja, ich schreibe an einem neuen Roman, bzw. schreibe und recherchiere. Der Plan ist relativ klar, aber es fehlt noch einiges an Hintergrundarbeit, auch wenn das eine oder andere Kapitel schon entstanden ist. Mehr kann und will ich dazu aber noch nicht sagen, dafür ist es noch zu früh.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht Hannes Köhler weiterhin viel Erfolg!

Hier geht es zur Autoren-Homepage.

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5 Gedanken zu “Hannes Köhler über Freundschaft.

  1. Ich benutze nun erstmals meinen Namen den ich auch für meinen Blog benutze, und hoffe du weißt überhaupt wer ich bin, Klappentexterin =)
    Aber ich gehe nun einfach mal davon aus 😉

    Erst einmal, ein sehr schönes Interview. Ganz großes Lob an Hannes Köhler der hier einen sehr sympathischen Eindruck macht, und wirklich weise Worte schreibt. Die Bottom Line vom Interview gab auch mir wieder ein wenig Ansporn mal wieder meine eigenen Ideen zu verwirklichen und wieder zu schreiben (worauf ich mal wieder richtig Lust habe, mir aber einfach die verdammte Motivation fehlt).

    „In Spuren“ habe ich bereits hier. Allerdings will ich mir den Roman noch etwas verwahren. Ich will nämlich nicht das mir irgendwelche Dämonen im Hinterkopf herumspuken wenn ich ein solch komplexes Werk lese. Ich freue mich aber schon richtig.

    Es scheint da draußen doch so viele junge, deutsche Autoren zu geben. Ich wünsche mir sehr das die leicht angestaubte deutsche Literaturwelt von weiteren jungen Autoren ein wenig renoviert wird. Ein neuer Anstrich wird längst mal Zeit.

    Vielen Dank für das Interview Klappentexterin. Ein schönes Restwochenende und schöne Grüße auch an Hannes Köhler falls er den Artikel nochmal besuchen sollte.

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  2. Oh ja, ich weiß, wer du bist, Mister Aufziehvogel und freue mich sehr, dass du mich besuchst. Hab lieben Dank für deine Gedanken zum Thema Schreiben und junge Literatur. Woran denkst du, wenn du von der leicht angestaubten deutschen Literaturwelt schreibst?

    Was mir aufgefallen ist, es gibt unter den jungen Autoren auch Unterschiede. Ich habe Erfahrungen in einem Literaturmagazin für junge Literatur gesammelt und blieb nach den Texten eher ratlos zurück. Mir sind Geschichten lieber, die ich greifen kann und nichts Verkopftes an sich haften haben.

    Erst kürzlich ist ein kleiner Dialog zur jungen Literatur entfacht. Kann man sie genau charakterisieren? Lässt sie sich in eine Schublade stecken? Es gibt, wie gesagt, solche und solche, da lässt sich nicht pauschal sagen: Das ist sie. Mir geht es um lebendige junge Literatur, die inspiriert, zum Nachdenken anregt, sich einfach gut liest und angenehm im Kopf anfühlt.

    Ich wünsche dir, dass dich die Motivation so sehr packt, dass du nicht mehr anders kannst als zu schreiben, denn die Gabe zu haben, ist etwas sehr Wertvolles.

    Also nochmals vielen lieben Dank und auch für dich ein schönes Restwochenende.

    Liebe Grüße,
    Klappentexterin

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  3. Hallo noch einmal =)

    Also woran ich denke wenn ich von der deutschen Literaturwelt schreibe;
    Es kommt mir einfach so vor als beschränke man sich auf das 0815 Programm. Ein paar Krimis, ein paar Dramas, aber nichts was mich wirklich reizen würde das ich ein komplettes Buch eines bestimmten deutschen Autors lesen würde. Manchmal sagt sogar schon ein Klappentext viel aus, in manchen lese ich sogar rein um mich zu überzeugen. Die deutsche Literatur kann mich bei weitem nicht so überzeugen wie es aktuell die japanische oder amerikanische Literatur tut. Aber ich weiß das noch so viel Potenzial in der deutschen liegt. Wir müssen uns nicht verstecken. Wenn dann so ein Buch wie „In Spuren“ erscheint gibt mir das wieder Hoffnung. Nicht nur der Inhalt klingt geheimnisvoll und interessant, auch die Thematik ist mal etwas ganz anderes. Dazu gibt es noch einen Ich-Erzähler, was ich besonders gerne mag. Genau wie du bin ich auf der Suche nach den außergewöhnlichen Geschichten. Und junge Autoren haben einfach großes Potential was sie ausschöpfen können. Es liest sich einfach unverbraucht. Aktuell begeistert mich zum Beispiel der Kanadier Nicolas Dickner mit seinem zweiten Roman „Tarmac: Apokalypse für Anfänger“. Natürlich eine sehr spezielle Story wo vermutlich nicht jeder mit was anfangen kann, aber genau nach solch originellen Werken suche ich. Und auch wenn ich nicht alles so schnell lesen kann, ich besorgen sie mir bevor diese Exoten nicht mehr gedruckt werden.

    „Ich wünsche dir, dass dich die Motivation so sehr packt, dass du nicht mehr anders kannst als zu schreiben, denn die Gabe zu haben, ist etwas sehr Wertvolles.“

    Natürlich reicht mein Können nicht dafür aus einmal mehr aus meiner Schreiberei zu machen als es als Hobby fortzuführen, jedoch finde ich es für mich sehr entspannend eine Geschichte zu schreiben. In den letzten Jahren gab es immer Motivation für mich eigene Geschichten zu schreiben, sie in kleinen Foren zu präsentieren und auch Kritik dafür zu erhalten. Seitdem diese Plattformen sich nach und nach aufgelöst hatten, so ging für mich auch dieser kleine Ansporn verloren. Ich Danke dir für deine Worte und hoffe das ich demnächst endlich mal wieder was aufs virtuelle Papier bringe. Denn das Schreiben an sich ist für mich auch etwas wo ich mit vergangenem abrechnen kann.

    Einen wunderschönen Start in die kommende Woche.
    Das Aufziehvögelchen

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    1. Lieber Mister Aufziehvogel,
      es ist schon schwierig geworden, besondere deutsche literarische Raritäten zu finden, doch ja, es gibt sie, wenn man sucht, kleine Wege, die von der Hauptstraße abgehen. Ich verstehe deine Leidenschaft für japanische Bücher, in ihnen wohnt etwas Zauberhaftes, Schräges, was sich mit Alltäglichen mischt und mich begeistert. Damit verbinde ich für mich persönliche japanische Literatur, natürlich auch die Ruhe und das vor sich hinfließende Element, die Nähe zur Natur… Ich könnte dir jetzt ad hoc keinen deutschen Autor nennen, der dem ganz nahe käme. So schauen wir gespannt auf die jungen Schriftsteller, die wie du schön schreibst, etwas Unverbrauchtes haben und gleichzeitig unterschiedliche Geschichten schreiben, die mich fesseln. Ein großer bunter Blumenstrauß.

      Man sollte so schreiben, wie einem der Schnabel gewachsen ist, das meine ich auch damit, ob als Hobby oder als Schriftsteller. Nicht jeder kann sich einfach hinsetzen und eine Geschichte zu Papier bringen, das ist schon ein Geschenk. Rückmeldungen sind wichtig für die eigene Entwicklung. Schade, dass es immer weniger Möglichkeiten dazu gibt. Warum lösen sich die Plattformen nach und nach auf? Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass die Nachfrage nachlässt.

      Einen schönen, sonnigen Feierabend wünsche ich,
      Klappentexterin

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