„Jüdische Lebenswelten“ – ein Bloggerkollektiv.

Ein Bloggerkollektiv? Ihr werdet euch sicher fragen, was das ist. Es ist ein sehr interessantes Projekt, das drei Literaturblogger ins Leben gerufen haben: Svenja, Caterina und flattersatz sind die Macher von Jüdische Lebenswelten.

Sie beleuchten die verschiedenen jüdischen Lebenswelten im 20. und 21. Jahrhundert und geben uns damit spannende Einblicke in eine Welt, die für viele von uns immer noch fremd ist. Der Blick wandert in die Literatur, aber auch historische Hintergründe werden erläutert und Orte des Gedenkens besucht. Doch nicht nur die Vergangenheit steht im Fokus, auch die Gegenwart und Zukunft interessiert die BloggerInnen. So betrachten sie jüdische Institutionen ebenso wie jüdische Lebensart. Da ich von Natur aus sehr neugierig bin, sammelten sich in meinem Kopf jede Menge Fragen, die ich dort nicht stehen lassen wollte und habe die drei interviewt.

Ihr betreibt alle sehr schöne Literaturblogs. Hat euch das Über-Bücher-schreiben nicht ausgereicht?

Svenja: Bei mir war es so, dass sich immer mehr Bücher ansammelten, die um Fragen jüdischer Identität kreisen und ich fand, dass sie in meinem Blog nicht die Aufmerksamkeit bekamen, die sie verdienten. Mir war nach mehr Austausch, nach Diskussion. Irgendwie hatte ich das Bedürfnis, mehr Material zusammenzutragen. Das lässt sich allein fast nicht stemmen, daher die Idee des Gemeinschaftsblogs.

flattersatz: Auch die „Lebenswelten“ ist ja in der Hauptsache ein Literaturblog, ggf. angereichert mit Berichten, Hinweisen etc. auf andere Ereignisse oder Fakten im Zusammenhang. Der für mich wesentliche Punkt ist hier das Konzentrieren der Information, der Daten zum Thema, weil diese Bücher in einem normalen Literaturblog oft übersehen oder überblättert werden. Und weiter sehr wichtig ist für mich die Zusammenarbeit mit Svenja und Caterina sowie die Möglichkeit, auch andere BloggerInnen an dem Projekt zu beteiligen.

Caterina: Letztendlich tun wir ja auch im Lebenswelten-Projekt nichts anderes: Wir schreiben über Bücher. Sicher, das Ganze wird angereichert mit Hintergrundinformationen, die über das Literarische hinausgehen – und doch kann man unser Projekt durchaus als Literaturblog begreifen. Es geht demnach nicht so sehr darum, dass das Schreiben über Bücher uns nicht mehr „genügt“: Vielmehr ist es der Versuch, ein Themenblog ins Leben zu rufen, sich gewissermaßen zu spezialisieren – ganz ähnlich wie in jenen Blogs, die sich bestimmten Genres (etwa Krimis) oder Nationalitäten widmen. Eine solche Spezialisierung hat – wie Svenja bereits andeutete – den Vorteil, dass den Büchern größere Aufmerksamkeit zukommt als in allgemein ausgerichteten Blogs, da man sich gezielt an Gleichgesinnte richtet: in diesem Fall also an jene, die – wie wir – nicht vergessen wollen.

Wie habt ihr euch gefunden?

Svenja: Caterina kenne ich aus frühen Studientagen an der Freien Universität Berlin, flattersatz hatte sich eines Tages in ein Gespräch eingeklinkt, das Caterina und ich in den Kommentaren zu einer Rezension geführt haben. Schließlich, als alles etwas konkreter wurde, haben wir ihn nochmal angesprochen und schon saß er mit im Boot.

Woher kommt das Interesse am Judentum?

Svenja: Bei mir ist es weniger Interesse am Judentum als Religion, sondern vielmehr der Frage nach der Wiederherstellung von Identität und Selbstvergewisserung angesichts von Verfolgung und unvorstellbarer Gewalt. Interessant fand ich das schon immer, intensiviert hat sich das Interesse durch mehrere Seminare an der Uni u.a. über Hannah Arendt. Ihre Figuren des Paria und Parvenu haben mich fasziniert und so kam eins zum anderen.

flattersatz: Ich glaube, diese Frage greift etwas zu kurz. Der Blog heißt „Jüdische Lebenswelten….“ und soll Material zu der Frage sammeln, „… wie die jüdische Identität vor dem Ausbruch radikalisierter Judenverfolgung im Dritten Reich ausgesehen hat und wie sie durch die Verfolgung und schließlich Auslöschung fast eines gesamten Volkes verändert wurde.“ Es geht also nicht so sehr um das Judentum (ich empfände einen solchen Anspruch von mir als Nichtjuden auch als etwas anmaßend), sondern um die Erinnerung daran und das Sammeln von Zeugnissen darüber, wie jüdisches Leben in Deutschland vor dem 3. Reich ausgesehen hat und empfunden wurde, wie es im 3. Reich systematisch vernichtet werden sollte (und fast wurde) und wie es sich nach 1945 wieder aufbaute, sowohl in Deutschland, also dem „Land der Täter“ als auch in den Staaten, in die Juden durch ihre Verfolgung vertrieben worden sind.

Caterina: Mir geht es wie Svenja und flattersatz. Mein Interesse gilt in erster Linie der Geschichte des Nationalsozialismus, des Zweiten Weltkrieges und des Holocaust. Während des Studiums kam dann zu diesem historischen Interesse ein literaturwissenschaftliches hinzu: Insbesondere ein Seminar zu jüdisch-italienischen Schriftstellern des 20. Jahrhunderts – etwa Giorgio Bassani oder Primo Levi – führte mich hin zu literarischen Auseinandersetzungen mit Judenverfolgung und Deportation – eine Thematik, die ich schließlich auch in meiner Masterarbeit vertiefte. Inzwischen habe ich mir eine recht umfangreiche Bibliothek zu diesem Themenbereich angelegt, wobei ich jedoch den Fokus immer mehr auf die nachfolgenden Generationen lege: auf deren Hinterfragung und Neudefinierung der eigenen Identität angesichts einer unterbrochenen Tradition, eines ausgelöschten Gedächtnisses.

Wie ist die Idee zum Projekt „Jüdische Lebenswelten“ entstanden?

Alle: Zwischen Caterina und Svenja, beide waren wir mit unseren Abschlussarbeiten an der Uni beschäftigt, beide schrieben wir über Aspekte jüdischer Identität und lasen dazu so einiges. Wer jetzt genau die Idee hatte, weiß ich ehrlich gesagt nicht mehr, aber das ist auch nicht wichtig.

Was erwartet den Leser bei euch?

Alle: Rezensionen zu Romanen und Sachbüchern aller Art, die entweder aus der Feder jüdischer Autoren stammen, die Shoa in irgendeiner Weise thematisieren oder das Leben der Juden nach dem Zivilisationsbruch beschreiben. Außerdem versuchen wir, die geschichtlichen Hintergründe zu beleuchten, indem wir Begriffe und Ereignisse erläutern, Orte des Gedenkens aufsuchen sowie einzelne Menschen porträtieren. Doch nicht nur um die Vergangenheit geht es uns, sondern auch um Gegenwart und Zukunft. Wir wollen einen Blick werfen auf bestehende jüdische Institutionen, auf jüdische Lebensart mitten unter uns. Wir folgen aktuellen Debatten und lesen Texte junger jüdischer Autoren, die – über die Holocaust-Erfahrung hinaus – ihre Identität hinterfragen, sie neu konstruieren und im Heute verankern. Und wir möchten interessante Webseiten, Artikel und Wissenswertes mit unseren Lesern teilen.

Habt ihr jüdische Vorbilder?

Svenja: Nein.

flattersatz: Nein, was letztlich zählt, ist immer das Individuum mit seinen Eigenschaften….

Caterina: Auch wenn ich sie nicht zwingend als Vorbilder bezeichnen würde, so gibt es doch Menschen, die ich zutiefst für ihr Schaffen bewundere: Ich denke da an Schriftsteller wie David Grossman, Jonathan Safran Foer oder Nicole Krauss. Das bedeutet nicht, dass ich anstrebe, Schriftstellerin zu werden, doch hätte ich jemals das Bedürfnis, eine Geschichte zu erzählen, dann wünschte ich mir ihre Sprachgewalt und Klugheit, ihre Fähigkeit, schreibend etwas zu bewirken – in ihrem Fall das Fortwähren der Erinnerung – und zugleich Werke voller Poesie, voller melancholischer Schönheit zu schaffen.

Ihr schreibt auf eurem Blog: „Fragen und Aspekte jüdischer Identität im 20. und 21. Jahrhundert. Literatur, Erinnerungsorte, Menschen, Spuren. Denkt und sammelt mit!“ Seht ihr euch als interaktives Projekt? Falls ja, wer darf wie mitmachen?

Alle: Genau, wir sind für Beiträge anderer interessierter Menschen jederzeit offen. Zum Beispiel freuen wir uns über Rezensionen oder auch Fotos und Berichte von Erinnerungsorten. Grundsätzlich ist jeder herzlich eingeladen, Material, Erinnerungen oder Gedanken auf unserem Blog zu veröffentlichen, die sich – in welcher Weise auch immer – mit jüdischer Identität beschäftigen. Natürlich sind auch Kommentare wichtig, ohne lebhafte Diskussion kann der Blog nicht bestehen. Wir freuen uns über jede E-Mail, jeden Kommentar, jede Anregung und jeden Abonnenten.

Die Klappentexterin dankt für das Interview und wünscht dem Projekt viel Erfolg!

Hier geht es direkt zu Jüdische Lebenswelten.

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3 Gedanken zu “„Jüdische Lebenswelten“ – ein Bloggerkollektiv.

  1. „Es geht also nicht so sehr um das Judentum (ich empfände einen solchen Anspruch von mir als Nichtjuden auch als etwas anmaßend), sondern um die Erinnerung daran und das Sammeln von Zeugnissen…“

    Und genau deshalb ist dieses mal wieder ein sinnvolles Projekt, was ja schon fast eine wissenschaftliche arbeit darstellen würde. Zum Thema Identitätskonstruktion durch Erzählungen allgemein habe ich dieses Semester auch eine Vorlesung.

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