Wie viel Trauer verträgt eine Geschichte?


Das frage ich mich, seit ich das Hörbuch „Lied ohne Worte“ von Sofja Tolstaja beendet habe. Es ist ein Juwel, das ich euch nicht vorenthalten wollte. Die tiefe russische Seele kenne ich gut. Trotzdem bin ich hin- und hergerissen und weiß nicht, wie ich das Ganze einordnen soll.

Sonja Beißwenger ist die ideale Besetzung, um den Roman vorzulesen. Ihre Sanftmut in der Stimme hat mich sofort gelockt und weich fallenlassen. Die Sätze der Schriftstellerin schmiegten sich wie Zahnräder ins passende Getriebe der Sprecherin. Somit ist von Beginn an eine ruhige Harmonie vorhanden, die für die schwere Geschichte auch vonnöten ist.

Die Hauptperson in dem Roman ist Sascha, eine sehr empfindsame Seele. Ihr fehlt es an Kraft und Stärke. Nach dem Tod der geliebten Mutter sackt die junge Frau vor Kummer zusammen und fällt in ein dunkles Loch. Selbst ihrem gutmütigen, distanzierten Ehemann Pjotr gelingt es kaum, sie da wieder herauszuziehen bis er eine Idee hat: Er schlägt seiner Frau vor, gemeinsam mit dem Sohn den Sommer auf dem Lande zu verbringen. Nach anfänglicher Skepsis stimmt die junge Frau dem Vorschlag zu.

Auf dem Lande ist es schön, aber sehr ruhig. Eines Abends hört Sascha beim Spaziergang musikalische Klänge von Mendelssohn-Bartholdys „Liedern ohne Worte“. Sie kommen aus dem Nachbarhaus. Dem nähert sie sich und lernt einen jungen Komponisten kennen. In der Musik findet Sascha langsam zu sich und entdeckt die große Leidenschaft für Musik wieder. Kraftschübe bauen die junge Frau auf und nicht nur das: Sie verliebt sich in den Musiker jener klassischer Töne.

Poetische und sensible Klänge tauchen aus „Lied ohne Worte“ auf. Sie klettern wie kleine Ranken empor und setzen sich an die empfindsamen Stellen. Sofja Tolstaja verliert sich jedoch nicht in den Gefühlen und verleiht ihrem Werk etwas sehr Authentisches. Genau das drückt hier alles brutal zu Boden. Mir fiel es schwer, ständig den melancholischen Ton Saschas zu ertragen. Ich vermisste ein ausgleichendes Element, ein Pendel, an dem ich mich wieder hochziehen konnte. Das Leben besteht aus Schattenseiten, sonst würden wir uns verbrennen. Aber wenn die Sonne gänzlich fehlt, werde ich von einer bissigen Unruhe befallen. Wer weiß, vielleicht habe ich zu viel Leichtigkeit im Herzen, um das Gewicht das Hörbuchs zu tragen.

Sonja Beißwenger und Sofja Tolstaja spielen ihre ganz eigene Ouvertüre, die einen wunderschönen Klang hat und mich trotzdem nicht ganz erreichen konnte. Aber ich habe immer wieder auf Play gedrückt, weil mich die Geschichte nie ganz losließ. Seitdem weiß ich nicht genau, was ich denken soll und mich frage: Wie viel Trauer verträgt eine Geschichte?

Sofja Tolstaja.
Lied ohne Worte.
Gelesen von Sonja Beißwenger.
04 Std. 30 Min., 13,95 €.
audible.de

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5 Gedanken zu “Wie viel Trauer verträgt eine Geschichte?

  1. Das klingt, als passte es besser zu einem trüben Winternachmittag, als zu der Wettersituation momentan. Ich mag es melancholisch, aber muss dir recht geben: zu viel des Guten geht einem irgendwann auch auf die Nerven. Trotzdem ein wertvoller Tipp von dir!

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    1. Danke für deinen Kommentar! Da könntest du recht haben. Vielleicht hätte ich mir vorher auch den ersten Roman von ihr zu Gemüte ziehen sollen. Als Einführung sozusagen. Wertvoll ist das Stück aber in jedem Fall, ob mit oder ohne Einführung. Und der nächste Winter kommt bestimmt.

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