Wenn Monster zu Menschen werden.

Gute Bücher können Höllenschmerzen verursachen. Das weiß ich jetzt nach „Tiger, Tiger“ von Margaux Fragoso. Der Kopf möchte halb platzen und sortiert all das was während der Lektüre mit mir passiert ist. Fast zu viel. Ich kam an meine Grenzen, aber ich wollte es und das ist gut so.

Margaux Fragoso legt eine furchtbare Geschichte offen, die vom jahrelangen Missbrauch erzählt. Sie klagt nicht an und jammert nicht in einem mitleiderregenden Ton, sondern beschreibt mit neutralen, lebendigen Worten, wie es dazu kommen konnte, wie sie es erlebt hat und beginnt ganz vorn.
Die Autorin berichtet von einer Kindheit, die viel zu früh aufgehört hat. Das Elternhaus gleicht einem dunklen Schuppen, in dem es zieht, ungemütlich ist und an Wärme mangelt. Der Vater ist ein Trinker und brutal, die Mutter leidet an Depressionen. Die Liebe für das gemeinsame Kind bleibt da auf der Strecke. Als das siebenjährige Mädchen den 40 Jahre älteren Peter Curran und seine beiden Stiefsöhne im Schwimmbad kennenlernt, ist es um Margaux geschehen. Sie ergreift die Initiative und fragt: „Kann ich mit dir spielen?“ Er bejaht die Frage und spritzt der Kleinen sofort Wasser ins Gesicht. Peter Curran wirbelt sie kurze Zeit später durchs Becken. Margaux Fragoso lacht und schreibt darüber: „Als er stehenblieb, war die Welt aus dem Gleichgewicht geraten, und ein seltsam weißes Licht umstrahlte sein Gesicht wie eine Korona.“

Kann so ein Schauermärchen anfangen? Ist es überhaupt ein Schauermärchen? Wenn sich zwei Menschen begegnen, die sich – aus verschiedenen Gründen – angezogen fühlen? Wie wäre das Ganze, wenn Margaux 20 Jahre älter gewesen wäre? Es gibt in dem Buch etliche Passagen, bei denen ich mich das frage. Oft habe ich das Gefühl, das Leben einer Frau zu lesen und nicht das eines Kindes.

Beide sind Außenseiter der Gesellschaft. Margaux hat keine Freundinnen, wird verspottet. Zuhause plagt sie sich mit dem stoischen, dominierenden Vater herum und ist mit der kranken Mutter überfordert. Peter Curran ist Kriegsveteran, hat einen kaputten Rücken und führt mit seiner Lebensgefährtin, Inès, eine Zweckgemeinschaft. Inès geht arbeiten, er kümmert sich um das Haus und den Garten. Dort tummeln sich auch einige interessante Tiere wie Leguane, ein Wels, Sittiche, Finken und Paws, „ein großer wolliger Hund“. Das übt auf die kleine Margaux sofort eine Anziehungskraft aus, ebenso wie Peters Zuwendung – und die Falle schnappt zu.

Bald schon gibt es im Keller die ersten Annäherungsversuche von Peter Curran auf die ich nicht näher eingehen möchte. Die Passagen sind verstörend. Peter ist sehr vorsichtig mit Margaux, raffiniert und einfühlsam umkreist er seine Beute. Er drängt sie nicht, nähert sich spielerisch und das Mädchen macht mit, obwohl sie selbst schreibt: „Diese Spiele gingen weiter über das Normale hinaus.“ Wie ist das nur möglich? Das mag euch jetzt vielleicht durch den Kopf gehen. Spätestens dann, wenn man in den Schilderungen von Margaux steckt, öffnet sich eine Tür, ein anderer Blickwinkel. Man beginnt zu verstehen.

Es ist das Menschliche, was diese ungewöhnliche Beziehung umgibt. Aufwühlend und zutiefst erschütternd liest sich das Erlebte. Einige haben der Autorin vorgehalten, sie hätte hier nur einen Leidensbericht niedergeschrieben. Doch so ist es keineswegs. Gerade durch die Distanz, die nicht wertet, viel mehr in poetischer Weise erzählt, verleiht sie dem Buch ein hohes Maß an Kunstfertigkeit. Sich zurückzunehmen und in die Rolle eines Mädchens zu schlüpfen, was sie einst war, hat rein gar nichts mit solch einer Erzählform zu tun. Wir lesen uns mehr durch eine Geschichte. Es blitzen Worte wie Liebe und Rebellion auf. Margaux Fragoso zeichnet gleichzeitig das Bild eines Menschen, der vom Opfer zum Täter wurde. Peter Currant wurde selbst in seiner Kindheit missbraucht. Dies berichtet er seiner kleinen Freundin. Macht er dies, um sie zu fangen und das Vertrauen zu erschleichen? Wieder eine Frage von vielen.

Im Nachwort schreibt die Autorin: „Wenn Menschen von Pädophilen reden, wollen sie ein Monster sehen. Doch für die öffentliche Sicherheit ist der beste Ansatz bei Pädophilie, den kranken Menschen dahinter zu behandeln.“ Margaux Fragoso hat dies getan, auf eine erdrückende und erstaunliche Weise, die einen betroffen zurücklässt. Auch Höllenschmerzen gehören zu guten Büchern. Das weiß ich nun.

Margaux Fragoso.
Tiger, Tiger.
März 2011, 460 Seiten, 24,90 €.
Frankfurter Verlagsanstalt.

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18 Gedanken zu “Wenn Monster zu Menschen werden.

  1. Interessante Perspektive. Ganz anders. Als du angefangen hast mit dem trinkenden Vater meinte ich schon vorauszuahnen, was jetzt kommt. So steckt ja auch noch ein anderer Blickwinkel dahinter: das ganze hätte verhindert werden können, zumindest für die Protagonistin, wenn die Eltern hingeschaut hätten. Aber es sind ja immer nur die Gesetze, die nicht hart genug sind.

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  2. Woah, allein beim Lesen deiner Rezension hatte ich einen Gänsehautschauer nach dem nächsten. Ein ernstes und schwieriges Thema. Umso erstaunlicher, dass sich die Autorin hier nicht im Leid zu suhlen scheint, weil aus dem Opfer eine Beobachterin wird. Sehr, sehr interessant. Das muss ich auch lesen, damit ich mitreden kann.

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    1. Den Gänsehautschauer hatte ich beim Lesen des Buches auch. Der guten literarischen Umsetzung sei Dank, dass es so geworden ist wie es ist. Wie du schon sagst: Aus einem Opfer ist eine genaue Beobachterin geworden. Daher kann ich immer noch nicht verstehen, dass mancher Kritiker dies nur als Leidensgeschichte aufgegriffen hat. Ich bin gespannt, wie es dir beim Lesen ergehen wird und natürlich, was du dazu zu sagen hast.

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  3. Rezension gelesen, Buch bestellt. So einfach kann das Leben sein… 😉

    Danke für diese Buchvorstellung, das klingt nach einer sehr interessanten Leseerfahrung! Ich bin sehr gespannt!

    lg
    fs

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  4. Das klingt sehr faszinierend, danke für die tolle Besprechung. Wenn der Stapel ungelesener Bücher neben meinem Bett nur nicht so hoch wäre … Aber das Buch kommt auf meine Wunschliste. Kennst du zufällig „Rotkäppchen muss weinen“ von B. T. Hanika? Würde mich interessieren, was du davon hältst …

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    1. Freut mich, liebe Gina! Vielen Dank! „Rotkäppchen muss weinen“ ist mir bekannt, aber gelesen habe ich es bis jetzt noch nicht. Deinen Worten entnehme ich, dass du es gelesen hast. Kannst du es empfehlen?

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  5. Liebe Klappentexterin,
    obwohl mir deine Rezension schon jetzt die Haare zu Berge stehen lässt und ich ehrlich ein bisschen Angst davor habe, einem solchen Buch gewachsen zu sein, landet es auf meiner Wunschliste. Ein aufwühlendes Thema, noch dazu aus einer unerwarteten Perspektive geschildert. Das muss spannend sein. Danke!

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    1. Deine Gedanken teile ich und gestehe ehrlich: Ein bisschen mulmig war mir schon, als ich das Buch vor mir hatte. Doch die Geschichte – so aufwühlend sie auch ist – hat mich bis zum Schluss nicht losgelassen.

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  6. Ich möchte das Buch nicht lesen, da ich ja die Story schon kenne. Rein was da psychologisch abläuft ist vielleicht ganz interessant, aber ich glaube ich möchte die Details gar nicht wissen.

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  7. Wenn man das Buch anfängt zu lesen, ist man von der Sprache der Autorin sofort eingenommen. Mir geht es zumindest so. Das Buch begleitet mich seit ein paar Tagen. Denn obwohl das, worüber Fragoso schreibt, ein sehr schwieriges Thema ist, so ist jeder ihrer Sätze ein wahrer literarischer Schatz.

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