Wie die schlichte Eleganz eines Givenchy Kostüms.

Truman Capote war da! Nicht leibhaftig, aber im Geist hatte ich ihn während der Lektüre die ganze Zeit im Kopf. Ich habe vor zwei Jahren in seinem Erzählband „Baum der Nacht“ einen persönlichen Liebling gekrönt, der plötzlich erneut aufblitzte. Alles nur, weil beide Geschichten in New York spielen und Frauen im Mittelpunkt stehen. Truman Capote blieb bei der Lektüre etwas dezent im Hintergrund. Amor Towles schreibt in seinem Roman „Eine Frage der Höflichkeit“ nicht so böse und zynisch wie Capote es vorzugsweise tat, dafür traf ich hier auf die schlichte Eleganz eines Givenchy Kostüms.

Glamourös ist die Ich-Erzählerin keineswegs. Kate, ein einfaches Mädchen, hat was im Köpfchen und vertieft sich gern in die Welt der Bücher. Ihre Freundin Eve ist ein bisschen anders. Sie stammt aus guten Familienverhältnissen, lebt jedoch finanziell unabhängig von ihren Eltern und ist „eine der überraschenden Schönheiten aus dem Mittleren Westen Amerikas“. Von ihr geht eine Leichtigkeit aus, die beide auch ins Nachtleben zieht. Meist mit nur wenigen Dollar in den Taschen tanzen die Mädchen im aufregenden New York der 30er Jahre. Eines Abends lernen sie den wohlhabenden Tinker kennen, der in seinem Kaschmirmantel sofort einen Hauch Luxus versprüht. „Meiner“, sagt Eve zuerst. Kate schweigt. Sie nimmt den Mann dafür genau unter die Lupe. „Uns war jetzt schon klar, dass er von der gleichen hervorragenden Qualität war – so vornehm und so vollkommen – wie sein Mantel. Sein Benehmen drückte ein gewisses Selbstvertrauen aus, ein demokratisches Interesse an seiner Umgebung, und die stillschweigende Erwartung, dass man ihm mit Freundlichkeit begegnen würde.“ Der gemeinsame Abend am letzten Tag des Jahres 1937 beflügelt alle drei. Bald erobern sie gemeinsam das nächtliche Leben der amerikanischen Metropole. Kate und Eve zeigen Tinker ihre Tricks, wie sie mit wenig Geld Spaß haben können. Der junge Mann entführt die Ladies im Gegenzug in seine glamouröse Welt. Eines Nachts jedoch endet die aufregende Reise plötzlich und hinterlässt einen Kratzer. Die Karten fallen zusammen und bleiben zunächst ungeordnet liegen.

Auch wenn sich in Übersee ein Krieg zusammenbraut, rückt der Autor vorrangig mehr die Menschen in der sich entwickelnden Stadt in den Vordergrund und zeichnet mit einer schnörkellosen Sprache ein aufregendes Gesellschaftsporträt.
So schön wie es klingt, ist es auch. Wahrhaftig! Wir lesen uns durch betörende Feste, die fürstliche Kronen tragen und ein bisschen neidisch machen, dass man dies nicht hautnah miterleben durfte. Kate bleibt die tragende Hauptperson, die beeindruckt einen Schritt nach den nächsten setzt. Eine junge Frau, die sich aufmerksam und clever durchs Leben boxt. Sie ist der andere, spannende Part in dem Roman. Mit Mut und Intelligenz trifft sie Entscheidungen und umgibt sich mit Menschen, die es so nur in großen Städten gibt. Verschiedenste Charaktere runden das pulsierende Bild ab.

Neben den lauten Vibrationen erlebe ich auch stille Momente, die berühren und der Geschwindigkeit etwas Luft rauben. Das passiert genau dann, wenn zentrale Themen wie Freundschaft und Liebe in den Vordergrund rücken, die in Dialogen oder Gedanken reflektiert werden. Ich erinnere mich an zauberhafte Begegnungen, die jeder von uns kennt. Wenn man auf einen Menschen trifft, der einem so nah wie der eigene Atem ist. Alles fühlt sich sofort richtig an. Schön, wenn sich dazu die passenden Worte reihen: „Man trifft vielleicht einen unter tausend Menschen, der mit sich allein sein kann. Und bei dir habe ich das sofort gemerkt. Und dann konnte ich es nicht erwarten, dich wiederzusehen.“ Wer das wem hier anvertraut, bleibt mein süßes Geheimnis.

Und ganz zum Schluss tauche ich in ein Meer aus Freundlichkeit. Dort sind die 110 Höflichkeitsregeln des jungen George Washington aufgeführt, die einen krönenden Abschluss zu diesem exzellenten Buch bilden. Die Regeln schließen sich nicht einfach so an, viel mehr spielen sie eine zentrale Rolle im Roman. Welche? Nun auch das solltet ihr selbst herausfinden. Eins darf ich jedoch verraten: Truman Capote hätte die Geschichte bestimmt genauso gefallen wie mir.

Amor Towles.
Eine Frage der Höflichkeit.
März 2011, 416 Seiten, 19,99.
Graf Verlag.

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5 Gedanken zu “Wie die schlichte Eleganz eines Givenchy Kostüms.

  1. Danke für eure Kommentare! Von dem Buch geht demnach eine große Faszination aus. Wie fein! Wenn ich euch so überzeugen konnte, das Buch nicht nur in die Hand zu nehmen, sondern es auch zu lesen, wäre ich erfreut! Traut euch! Fitzgerald und ich haben uns noch nicht angenähert, aber ich sage nun einfach mal: Ja! Er wäre mit Truman Capote bestimmt einer Meinung.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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