Ein schräger Vogel, der nicht richtig fliegen kann.

Die Augen machen klick, klack. Sie verharren nicht in einer Position, sie bewegen sich von links nach rechts und entwickeln ihren eigenen Rhythmus. Ohne mein Zutun wandern sie fröhlich von einer Seite zur nächsten. Ich kann mich einfach nicht lösen, von dem, was dort steht. Das verwirrt mich, weil die Sätze oft sehr lang sind und nicht enden. Meist sind die Worte getrennt durch Kommas, Kommas und nochmal Kommas. So was würde mich verrückt machen, normalerweise, aber nicht bei diesem Buch. Hier möchte ich sitzenbleiben und dem Autor zuhören, jeden Tag, jeden Abend, jede Nacht.

Michael Chabon erzählt in seinem Roman „Wonder Boys“ von Grady Tripp. Als Professor für kreatives Schreiben lehrt er an einem College in Pittsburgh. Klingt erstmal gut, ist es aber nicht wirklich, denn der Mann sitzt ganz schön im Schlamassel. Anders lässt es sich nicht sagen. Seine dritte Ehefrau hat ihn verlassen, seine Geliebte – die Frau seines Chefs wohl bemerkt – ist von Grady schwanger und sein Roman-Manuskript, an dem er schon etliche Jahre schreibt und der den Titel „Wonder Boys“ trägt, erweist sich als nicht lesbar. Grady raucht einen Joint nach dem anderen, ist dauerbreit, trinkt ordentlich Whiskey und fällt von einer Misere in die nächste. In seinem Auto finden sich im Laufe des Wochenendes, in dem sich die Geschichte abspielt, sehr merkwürdige Dinge. Verdammte Scheisse! Ja, das Wort darf man getrost an dieser Stelle aussprechen, ohne sich zu schämen. Das ist es. Und Grady tappt darin immer tiefer bis er sich in einem braunen Matsch wiederfindet. Grady begreift das Ganze jedoch gar nicht in seinem dauerbreiten Zustand . Stattdessen fällt er, fällt und fällt…

Doch Grady ist nicht allein. Das wäre zu langweilig. Er hat skurrile Leute an seiner Seite oder sammelt sie ein. Da wäre zum Beispiel sein schwuler Lektor. Terry Crabtree besucht ihn und taucht am Flughafen in Begleitung einer jungen Frau auf. Sie heißt Antonia Sloviak und kommt Grady vom ersten Moment suspekt vor. Das ist doch… Ja, ist sie es? Ein Transvestit. Ist sie es wirklich? Dann ist da noch der junge James Leer. Er ist Gradys Student. Auf einer Party ertappt Grady ihn im dunklen Garten der Gastgeber, der in einer komischen Haltung verharrt: „Es war mein Student James Leer, der zwischen den Schienen stand, das Gesicht zum Himmel erhoben, als warte er auf eine Geisterlokomotive, die heranrasen und ihn niederwalzen würde.“ Vollkommen überrascht, dass James Leer sich auf einer Party aufhält, zu der keine Studenten eingeladen sind, spricht er ihn an. Beide beginnen ein Gespräch und dann schnappt sie zu: die Gradyfalle, welcher James nicht mehr entkommen kann. Ein Missgeschick jagt das nächste.
Wir fassen also zusammen: Ein Tollpatsch, dem alles zwischen den Fingern zerrinnt. Ein Lektor, der eine letzte Chance hat, um seinen Job zu retten und außerdem auf junge Männer steht. Ein Student, der leichte depressive Züge hat, in einem stinkenden Mantel herumläuft und brillant schreiben kann. Kann das gut gehen? Ähm. Nein? Nein!

Es fehlt den Menschen in „Wonder Boys“ eine gerade Konstante, etwas Festes, an dem sie sich festhalten können. Eine Hand oder eine Leine. Sie hängen oft in der Schwebe und mir hat der Autor vor Augen geführt, wie groß manchmal der Unterschied zwischen Wollen und Machen sein kann. Chabon hat dies sehr unterhaltsam geschildert, geradezu virtuos erzählt. Seine Ironie ist zum Schreien komisch und erzeugt selbst jetzt noch ein lautes Lachen in mir.

Ich erinnere mich an bestimmte Szenen, bei denen ich schon nach dem ersten Buchstaben ahnte, dass das nicht gut gehen kann. Genau das zeichnet dieses Buch aus. Das ständige Fallen und nicht ganz Aufstehen können. Von außen her betrachtet, mag sich das nach einem großen, furchtbaren Drama anhören. So was mit schlaflosen Nächten, hängenden Augen und Köpfen, ein totales Jammertal an Gedanken. Iwo. Weit gefehlt. Nicht bei Chabon. Da ist Drama etwas anderes, zumindest fühlt es sich für mich anders an.

Dieses Buch ist verrückt und gleichzeitig unwahrscheinlich menschlich. Es reißt Straßen auf, natürlich nur gedanklich,wirft vieles durcheinander, um am Ende wieder einigermaßen zusammengeflickt zu werden. Dies ist ja eigentlich ein bisschen der Sinn des Lebens. Grady Tripp würde mir da sicherlich widersprechen. Oder halt! Er würde erst einmal verharren, nachdenken und wunderbare Sätze in seinem Kopf zusammensetzen. Und dann, dann… würde ich wieder Lachen und denken: Was ist das für ein schräger, großartiger Vogel! Ein Vogel, der nicht richtig fliegen kann. Dem es aber trotzdem gelingt, sich durchs Leben zu schlagen – auf eine zutiefst beeindruckende Weise.

Michael Chabon.
Wonder Boys.
November 2008, 379 Seiten, 8,95 €.
Kiepenheuer & Witsch.

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6 Gedanken zu “Ein schräger Vogel, der nicht richtig fliegen kann.

  1. Das klingt schräg, unglaubwürdig und doch faszinierend zugleich. Ein Titel , auf den ich selbst wohl nicht gestoßen wäre, so ist er gleich auf meine Merkliste gewandert. Besonders dein Blog stößt mich immer wieder auf Neues, gänzlich Unbekanntes und immer Spannendes. Danke dafür!

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  2. Die drei Wörter passen wunderbar! Ich danke dir, muss aber gestehen, dass ich dieses Mal das Buch nicht allein gefunden habe. Mir hat es ein bemerkenswerter Buchhändler (Kurt von Hundt Hammer Stein) empfohlen, nachdem ich ihm von meinen vergeblichen Versuchen berichtete, mit Michael Chabon warm zu werden. (Ich besaß zum Zeitpunkt den Krimi „Die Vereinigung jiddischer Polizisten“.) Mich fesselte etwas an dem Autor, doch eben nicht vollkommen, dass ich mich in das Buch fallen lassen konnte. Doch mit „Wonder Boys“ ist es dann ja geglückt.

    Liebe Grüße zum Samstagabend

    Klappentexterin

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  3. Von Michael Chabon ist auch Die unglaublichen Abenteuer von Kavalier und Clay, oder? Das hab ich vor Jahren mal gelesen. Ich kann mich aber nur erinnern, dass es dick war 😀

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    1. Ja, richtig, aber dieses Werk kenne ich noch gar nicht. An mehr kannst du dich wirklich nicht erinnern? Nicht ein kleines Stückchen? Ich würde gerne wissen, wie dir das Buch gefallen hat. Der Autor ist ja noch ein bisschen Neuland für mich. Mich reizt sein aktuelles Werk: „Die Schurken der Landstraße.“ Es soll wieder sehr schräg sein und vor allem herrliche Dialoge enthalten.

      Schräge & liebe Grüße
      Klappentexterin

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  4. Den Film mit Michael Douglas und Robert Downey Jr. hab ich vor langer Zeit mal gesehen. Ziemlich durchgeknallt, im positiven Sinn. Bis eben wusste ich gar nicht, dass dem Film ein Roman zugrunde liegt. Ist aber sehr häufig der Fall, wenn man mal genauer hinsieht.

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