Wie kommt Lily Lux eigentlich ins Buch?

Das wollte ich wissen. Wie Buchstaben leere Seiten füllen, weiß ich. Aber wie eine zauberhafte Figur den Weg dorthin findet, war mir unbekannt. Also habe ich Iris Luckhaus gefragt, die in einem Making Of erklärt, wie das funktioniert.

Iris Luckhaus:
„Ich kann hier gern als Beispiel den Arbeitsablauf aus „Die wunderbare Welt der Lily Lux“ zeigen. Grundsätzlich habe ich einige verschiedene, meinen jeweiligen Zeichenstilen angepasste Arbeitsweisen, die aber immer eine ähnliche Abfolge von Entwurf und analoger Skizze über eine elektronische Korrektur hin zur Originalzeichnung beinhalten.

1. Vorarbeit und Characterdesign

Am Anfang steht immer eine Idee, eine Figur, ein Characterdesign und -styling, der ganz grobe Aufbau einer Welt drumherum und ein inhaltlicher Entwurf (hier nicht abgebildet), der besprochen werden kann.

Für Lily Lux war in dieser Phase eine rundherum durchdachte Figur mit eigenem Stil und speziellen Kleidungsstücken und Accessoires besonders wichtig, da diese nicht nur im Buch verarbeitet, sondern ggf. auch über mehrere Bände beibehalten werden und als magnetische Ankleidepuppe mit wiedererkennbaren Dingen funktionieren sollte.

Um eine in sich schlüssige Welt zu erfinden, habe ich für Lily Lux auch einige Aufrisspläne gemacht und Mobiliar entworfen und dabei besonders das doppelseitige Layout berücksichtigt: In der Wohnung befinden sich Türen meist links im Raum, um Platz für Szenen zu bieten, während sich auf der rechten Seite Texte und weitere Details befinden.

2. Entwurf, Planung und Storyboard

Sobald ein Projekt konkret wird, beginnt die Planungsphase. Als erstes entstehen unzählige Seitenideen, die grob auf Kärtchen skizziert werden und anhand derer wir dann entscheiden, ob Szenen im Buch landet und wenn ja, wo genau. Manchmal gibt es mehrere Entwürfe für Text und Bild und die Entscheidung für einen davon fällt dann während oder nach dem Erstellen der Reihenfolge. Häufig lassen sich auch mehrere Ideen zu einer Seite verdichten.

3. Skizzen

Im nächsten Schritt werden Maße und Layout schließlich festgelegt und darauf aufbauend Szenen und Hintergründe konstruiert. Davon ausgehend entwickle ich die Figur und ihre Posen. Dies geschieht mit Hilfe ausgedruckter Basisfiguren und diverser maßstabsgerechter Räume, Möbel und Dinge, die ich entweder einzeichne oder temporär auf oder neben den Zeichenbogen klebe.

4. Zeichnung

Schließlich werden die Posen und nebenbei entstandene Skizzen gescannt und meine Arbeit geht digital weiter. Zunächst säubere ich die Linien und oft füge ich auch mehrere Skizzen zu einer einzigen zusammen, um die richtige Pose zu finden und in die Raumsituation anzupassen. Manche Planungs- oder Zeichnungsfehler stellen sich erst in dieser Phase heraus und können hier noch leicht korrigiert werden.

Außerdem lege ich hinter der gezeichneten Figur Farbflächen und Muster als Ebenen an, auch wenn diese oft erst im Originalbild ihre richtigen Farben erhalten – es hilft beim Korrigieren, die Zeichnung flächig zu betrachten. Meist wechsle ich stündlich zwischen normaler und spiegelverkehrter, farbiger und schwarzweißer Ansicht, um Arbeitsblindheit zu vermeiden und Fehler möglichst früh zu bemerken.

5. Layout und Raum

Parallel dazu entsteht nun eine Raumsituation für die Figur und Bildelemente wie Gebäudeteile, Möbel, Figuren, Hausrat, Geschirr, usw., die sich auf einzelnen, verschiebbaren, ineinander verschachtelten Ebenen befinden und schließlich miteinander interagieren werden. Einige der volleren Seiten aus „Die wunderbare Welt der Lily Lux“ haben bis zu 1.000 bewegliche Ebenen und lassen sich wie eine reale Bühne behandeln und aufräumen.

6. Ebenen und Archive

Die unzähligen einzelnen Elemente fasse ich gleichzeitig auf Sonderbögen zusammen und kann sie für verschiedene Bilder nutzen. Außerdem notiere ich mir für eventuelle Änderungen, welches Element auf welcher Seite vorkommt und was es für eine Geschichte und für einen Charakter hat. Das führt oft zu seitenübergreifenden, internen Geschichten, von denen der Leser erst auf den zweiten, dritten oder vierten Blick erfährt.

7. Zusammenfügen und Korrigieren

Der schönste Schritt ist immer, Figur und Hintergrund zusammenzufügen und zu sehen, wie beides lebendig wird, langsam dem Bild entspricht, das es bis dahin nur in meinem Kopf gegeben hat, und sich oft auch noch weiterentwickelt. Von diesem Punkt an finde ich es auch wichtig, statt an einzelnen Szenen wieder mehr mit dem ganzen Dokument zu arbeiten und übergreifend zu denken.

Nun wird in unzähligen Phasen weiterkorrigiert und viel besprochen; Details verschieben sich, Elemente gewinnen an Charakter und werden meist mehrmals ausgetauscht, bis das Bild sich nicht nur visuell korrekt, sondern auch erzählerisch richtig anfühlt. Manchmal verselbständigen sich Szenen völlig: Als Lily es eines Nachts für passend befand, ein Schirmboot hinter sich herzuziehen, habe ich Tränen gelacht. Und sie das einfach tun lassen.

Eins der vielen Dinge, die für uns in der Arbeit mit den Lily-Lux-Bänden sehr schön und besonders war, war die Arbeit mit Testlesern. Wir haben Freunden, Verwandten und Bekannten die Seiten gezeigt und gefragt, was sie da sehen, was ihnen besonders gefällt und was nicht. Das hat geholfen, unseren Blick zu klären und nachzuvollziehen, wie jemand, der nicht mehrere Monate mit den Büchern verbracht hat, diese betrachtet und versteht.

8. Abgabe und Druck

Nach unzähligen kleinen und großen Änderungen und Korrekturen werden schließlich die Bilddaten abgegeben. Im Verlag entsteht daraus ein Proofausdruck, anhand dessen die korrekten Farben geklärt werden, und schließlich wird das Buch gedruckt und in den Handel verschickt.

Es ist ein seltsames und überaus wunderbares Gefühl, den ersten Karton mit frisch gedruckten Büchern zu öffnen, und dem Buch dann später auch im Handel zu begegnen und ihm heimlich zuzuzwinkern.“

Die Klappentexterin dankt für den Ausflug in die kreative Welt der Illustratorin.

Bildmaterial © Iris Luckhaus

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*_* Weitere Einblicke gibt es hier:

www.lily-lux.de
www.irisluckhaus.de
irisluckhaus.blogspot.com

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2 Gedanken zu “Wie kommt Lily Lux eigentlich ins Buch?

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