Lily Lux und ihre Schöpfer im Interview.

Wie ihr wisst, liebe ich Zauberei im Alltag und Lily Lux. Weil ich so neugierig bin, habe ich bei Lily Lux und ihren Schöpfern angeklopft. Sie haben mir die weiße Tür geöffnet, ich bin hineingeschlüpft, habe mein Notizbuch aufgeschlagen, viel gefragt und geschrieben, geschrieben… Herausgekommen ist dieses Interview mit Lily Lux, Iris Luckhaus und Matthias Klesse.

Lily Lux verzaubert den Alltag. Neugierig, liebevoll und erfinderisch entdeckt sie das Besondere in den Dingen und entführt in eine Welt, in der jeder Tag ein Feiertag und jede Ecke eine Sehenswürdigkeit sein kann.

Iris Luckhaus ist freie Illustratorin, Stylistin und Diplomdesignerin (UDK Berlin, Modeklasse Vivienne Westwood) und arbeitet für Kunden aus aller Welt. Wenn sie zeichnet, dann meist mit einem Lächeln. Ihre Leidenschaft gilt dem Verstecken winziger Details, die ganze Geschichten erzählen können. In den Anthologien Illustration Now!, Freistil und Illusive wird sie als eine der weltbesten Illustratoren vorgestellt. Iris Luckhaus lebt in Wuppertal und Berlin.

Matthias Klesse ist nicht nur Autor, sondern auch Schauspieler und Musiker, Lehrer und Doktorand (TU Berlin, Geschichte und Philosophie). Im Rahmen seiner Dissertation über Erinnerungskultur beschäftigt er sich mit der Frage, wodurch Komik entsteht. Zusammen mit Iris Luckhaus hat er Lily Lux erfunden, die Figur weiterentwickelt und ihr eine Stimme verliehen. Matthias Klesse lebt in Berlin und Wuppertal.

Klappentexterin: Wie habt ihr Lily Lux erfunden?

Matthias: „Wir haben Lily Lux zusammen erfunden, oder besser: gefunden… und zwar als eine Art liebevoll-ironischer Karikatur von Iris, die wir an einem Februarabend vor ein paar Jahren in einem kleinen Berliner Supermarkt angesichts eines Regals mit Kekspackungen, in denen sich solche komischen kleinen Figürchen befanden, ganz zufällig kennengelernt haben.“

Iris: „Als dann der Hoffmann und Campe Verlag einige Zeit später gefragt hat, ob ich nicht gern mal ein Geschenkbuch machen wolle, hat sich diese vage Idee einer Figur mit Hilfe einer eigentlich ganz anderen Buchskizze, einer schlauen Lektorin und einiger wunderbarer Lieblingsmenschen erstaunlicherweise völlig verselbständigt und plötzlich einen eigenen Willen, einen eigenen Geschmack und eine ganz eigene Logik entwickelt. Das Ganze ist sehr organisch über einen recht langen Zeitraum gewachsen und hat sich irgendwann wie von allein zu einem klaren, lebendigen Bild zusammengefügt.“


„Wenn Lily von einem Produkt wirklich überzeugt ist, kauft sie es gern mehrfach. Man kann ja nie wissen.“ aus „Die wunderbare Welt der Lily Lux“


Was hat sich seitdem in eurem Leben verändert?

Iris: „Mal abgesehen von den Veränderungen, die die Figur Lily Lux mit sich gebracht hat, erfordert dieses Projekt meinerseits eine ganz andere Arbeitsweise. Vorher habe ich hauptsächlich die Ideen unterschiedlicher Kunden verwirklicht, und zwar meist als Teil eines größeren Teams. Das finde ich nach wie vor sehr spannend und lerne dabei oft die wunderbarsten und absonderlichsten Dinge. Eine besondere Herausforderung ist es dabei immer, einen persönlichen Bezug zu Projektinhalten herzustellen, die mir eigentlich eher fremd sind. Parallel dazu an eigenen, größeren Projekten zu arbeiten, die mir sehr nah sind und für die ich gleichzeitig Erfinder, Autor, Grafiker und eben auch Illustrator sein kann, ist ein sehr schöner Ausgleich. Ich möchte keins von beidem mehr missen.“

Matthias: „Ich habe bisher sehr viele ‚flüchtige‘ Projekte gemacht, insbesondere im Bereich Musik und Theater. Da bekommt man zwar sehr schnell Rückmeldungen, aber danach ist es erstmal auch wieder vorbei – bis zur nächsten Aufführung. Was ich demgegenüber so spannend daran fand und finde, Lily Lux in die Welt hinauszulassen, ist es, zu beobachten, wie dieses Projekt Kreise zieht, die immer größer werden – und deren Echo man meistens dann bekommt, wenn man am wenigsten damit rechnet. Und zwar von Menschen im Alter von 4 bis 88, die begeistert und dankbar sind und sich in irgendeiner Form mit unserer Figur identifizieren.“

Iris: „Darüber hinaus ist Lily Lux für mich aber auch die erste selbst erfundene Figur, die sich nicht mehr so anfühlt, als wäre sie das, sondern eher eine herzerwärmende und höchst schätzenswerte Freundin, die wir gerade erst anfangen kennenzulernen und die wir aber schon so gut einschätzen können, dass wir in der Lage sind, ihr unsere Stimme und unsere Bilder zu leihen. Es passiert öfter mal, dass wir drüber nachdenken oder drüber sprechen, was Lily in einer bestimmten Situation tun würde, und dann ist es häufig so, als wäre sie wirklich dabei und verbreite ihren grenzenlosen Optimismus. Ich hätte nie gedacht, dass Geschichten erzählen so sein kann, ich finde das großartig. Lily ist vermutlich die allerbeste imaginäre Freundin, die man sich nur vorstellen kann.“


„Ausflugsplaner“ aus „Lily Lux Notizbuch“

Wo und wie entstehen eure Ideen?

Iris: „Das ist eine ganz schön schwierige Frage… das kann eigentlich immer und überall passieren, allein oder zu zweit, dass Ideen auftauchen und sich vielleicht sogar verselbständigen. Wenn es um konkrete Projekte geht und Ideen nicht nur gefunden, sondern auch gesucht und ausgearbeitet werden müssen, passiert das oft durch gemeinsames Herumspinnen an Küchentischen und begleitet von überaus köstlichem Essen, das Matthias zubereitet hat, oder auch bei längeren Aufenthalten in Cafés oder Restaurants. Wahlweise beim Spazierengehen, beim Einkaufen oder, wenn wir an unterschiedlichen Orten sind, per SMS oder Mail oder ausgiebig des Nachts am Telefon.“

Matthias: „Was ich dabei an der Zusammenarbeit mit Iris immer wieder spannend und großartig finde, ist dieser Ping-Pong-Effekt. Einer von uns beiden wirft bei einer solchen Gelegenheit eine Idee in den Raum, der andere greift sie auf, fügt etwas hinzu – bis am Ende etwas ebenso Gemeinsames wie Logisches und Umsetzbares da ist, das vorher noch nicht da war (und das wir jeder für sich wahrscheinlich auch nicht zustande bekommen hätten). Diese Form von Synergie habe ich so bis jetzt nur sehr selten erlebt.“


„Manchmal sieht Lily in allem ein Orakel.“ aus
„Die wunderbare Welt der Lily Lux“

Wie kann ich mir eure gemeinsame Arbeit vorstellen?

Matthias: „In erster Linie spinnen wir gemeinsam herum, finden Ideen und entwickeln diese aus ihrer eigenen Logik heraus. Als das erste Buch so nach und nach konkret wurde, haben wir die Ideen der Seiten mit Szenen und Texten zunächst gemeinsam entwickelt.“

Iris: „Illustriert und zusammengebaut habe ich Lily Lux und ihre wunderbare Welt dann hauptsächlich allein, wobei Matthias als zweites Paar Augen auch da sehr wichtig war – einerseits als Korrektur, andererseits aber auch als Hilfe bei der Ideenfindung, beim Weiterspinnen und bei den kleinen Detailgeschichten, die sich da im Hintergrund abspielen… allein kann man halb so schön fabulieren wie zu zweit. Und das Schöne, wenn man zu zweit arbeitet, ist ja auch, dass meistens einer den Wald überblickt, wenn der andere zwischen Bäumen verloren geht – und umgekehrt.“


„Wie man sich am effektivsten verläuft“ aus „Lily Lux Notizbuch“

Du bist ein richtiger Sonnenschein, liebe Lily Lux. Wo nimmst du deinen Optimismus her?

Lily: „Dankeschön! Hm, das ist eine schwierige Frage… man kennt sich ja nur so, wie man ist, und kann sich kaum vorstellen, wie es wäre, anders – und in meinem Falle vielleicht: weniger optimistisch – zu sein. Ich schaue einfach lieber auf das, was an Dingen erfreulich ist, als auf das, was vielleicht weniger erfreulich ist. Und ich weiß das, was mir gefällt, dann auch sehr zu schätzen, freue mich darüber und mache eben das Beste daraus. Ich habe lieber einen guten als einen schlechten Tag, und dafür ist man doch zumindest ein Stück weit auch selbst verantwortlich. Und wenn man das Wunderbare erst einmal sieht, sind auch die Dinge, die nicht so wunderbar sind, gar nicht mehr so sehr schlimm.“


„Lily findet, sie hat eigentlich immer riesiges Glück.“
„Die wunderbare Welt der Lily Lux“

Viele Menschen ärgern sich schnell. Hast du einen Tipp dagegen?

Lily: „Gegen das Ärgern? Ich weiß nicht genau… denn es gibt auch Dinge, die mich ärgern, aber nicht sehr viele. Wenn das passiert, hilft dagegen eigentlich auch nichts… außer sich damit auseinanderzusetzen, warum einen etwas eigentlich ärgert und ob das überhaupt sein muss; ob es nicht auch etwas am Ärgernis gibt, das Grund zur Freude sein könnte. Wenn das nicht hilft, kann man immerhin versuchen, das Ärgernis zu ändern. Ich glaube, grundsätzlich können viele mögliche Ärgernisse dadurch vermieden werden, dass man Dinge von mehr als einer Seite betrachtet – was beispielsweise bei ärgerlichem Wetter äußerst einfach ist – oder, wenn es um Menschen geht, sich in andere hineinversetzt. Meistens haben Menschen ja Gründe, das zu tun, was sie tun. Ich finde, man sollte andere Menschen und am besten auch Tiere und Dinge immer so behandeln, wie man selbst behandelt werden möchte: freundlich, höflich, liebevoll.“


„Tätigkeiten für Wartezeiten“ aus „Lily Lux Notizbuch“

Hast du einen Lieblingsort? Was machst du da am liebsten?

Lily: „Natürlich habe ich einen Lieblingsort! Naja, eigentlich mehrere. Zuallererst mein kleiner Stadtpark gleich um die Ecke, weil man da so wunderbar picknicken, Schneemänner und Iglus bauen und an einem alten Baum schaukeln kann. Und weil man dort jetzt schon den ersten Gänseblümchen begegnet! Außerdem sämtliche Jahrmärkte… besonders die, wo einem schwindelig wird. Dieser Brunnen in Paris, weil der von alten Bäumen umgeben ganz still mitten in der Stadt liegt und nur darauf zu warten scheint, dass man dort Quiche und Petit Fours isst und Enten füttert. Den Buchladen, der auch Bibliothek und Heimat ist, da ganz in der Nähe. Mein geliebter See mit den Schwanentretbooten und diese Promenade an der belgischen Küste, wo es die besten Waffeln der Welt gibt. Alle Orte, wo man barfuß über grünen Rasen oder warmen Sand laufen kann… und alle Orte, wo Vögel zwitschern. Balkone. Hotelzimmer, Bahnhöfe und bunte Supermärkte. Mein rotes Sofa und die Badewanne. Die flachen Dächer hoher Häuser, von denen aus man nachts mitten in der Stadt alle Sterne sieht. Und mein kleines Arbeitszimmer mit dem prächtigen Ausblick voller Himmel und Bäume.“


„Lily findet, man sollte jeden Tag etwas tun, das man noch nie getan hat.“ aus „Die wunderbare Welt der Lily Lux“

Wenn du dich in ein Tier verwandeln könntest, in welches?

Lily: „Hm… das müßte schon ein Wolpertinger sein. Die sehen zwar seltsam aus, können aber dafür vielleicht auch all die Dinge, die ich gern können würde. Mein Wolpertinger müßte auf jeden Fall unbedingt fliegen und unter Wasser atmen können. Es würde auch nicht schaden, wenn er Siebenmeilenstiefel hätte und einen Zauberteppich und eine Möglichkeit zur Zeitreise. Und dann müßte er natürlich alle Sprachen sprechen, die der Menschen ebenso wie die der Tiere, und ganz fabelhafte Sinne haben – bei Nacht sehen können, selbst im Winter das Gras unter dem Schnee riechen, und kilometerweit Vogelkonzerte erlauschen können. Und er sollte sich bitte nicht von anderen Lebewesen ernähren. Vermutlich wäre mein Wolpertinger nicht sehr hübsch, aber man muss eben Prioritäten setzen. Oh, und es wäre natürlich schön, wenn es noch andere seiner Art gäbe.“


„Der Tierwelt auf der Spur“ aus „Lily Lux Notizbuch“

Als kleine Alltagszauberin schreibst du sehr viel. Wieviele Notizbücher besitzt du?

Lily Lux: „Das ist ja ein schönes Kompliment, dankesehr! Ich besitze tatsächlich unzählige Notizbücher. Und die sind allesamt so voll, dass ich, wenn ich etwas nachsehen will, oft in alten Notizen verloren gehe oder mir gleich etwas Neues einfällt, das ich unbedingt aufschreiben wollte, um es nicht zu vergessen… und schon ist der Gedanke an das, was ich eigentlich nachschauen wollte, ganz einfach weg. Immerhin: Dinge aufzuschreiben und einzukleben hilft mir, mich dann auch tatsächlich daran zu erinnern, selbst wenn ich die Notiz dazu meistens nicht wieder finde. Trotz außerordentlich ausgeklügelter Ordnungssysteme. Das war sehr schön daran, dass wir nur ein einziges Notizbuch zur Veröffentlichung gemacht haben: Alle meine Bücher durchzugehen und die Essenz daraus zu finden. Ich benutze das Buch auch selbst eifrig und schreibe da ausnahmsweise ganz winzig klein und klebe ständig neue Seiten zwischendrin ein.“


„Lily liebt es, sich zu verlaufen.“ aus „Die wunderbare Welt der Lily Lux“

Wirst du eines Tages sogar einen Roman schreiben?

Lily Lux: „Hm… Natürlich haben wir schon darüber nachgedacht. Es gibt viele Formen von Büchern, die wir gern einmal ausprobieren würden, die wir aber auch ein Stück weit neu erfinden müßten, damit sie in meine Welt passen. Was wir an der derzeitigen Erzählform so wunderbar finden, sind die vielen kleinen Geschichten, die wir durch Hintergrunddetails oder Zettelchen erzählen können und die sich erst beim zweiten, dritten oder vierten Blick und im Verhältnis zueinander erschließen. So etwas wäre in reiner Textform schwer zu realisieren… aber ja, wir denken durchaus darüber nach, wie das gehen könnte. Und man soll ja auch niemals nie sagen!“


„Lieblingswörter“ aus „Lily Lux Notizbuch“

Die Klappentexterin dankt Lily Lux, Iris Luckhaus & Matthias Klesse für das Interview und wünscht allen weiterhin viel Erfolg!

Hier habe ich noch weitere Links für euch:

Die wunderbare Welt der Lily Lux: www.lilylux.de
Lily Lux für jeden Tag: www.facebook.com/lilylux
Iris Luckhaus: www.irisluckhaus.de
Matthias Klesse: www.matthiasklesse.de

Bildmaterial © Iris Luckhaus (auch das Foto ganz oben)

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3 Gedanken zu “Lily Lux und ihre Schöpfer im Interview.

  1. Lieben Dank für dieses vielseitige Interview. Ich habe mich ganz besonders darauf gefreut, weil mich das Notizbuch sehr neugierig gemacht hat, wer hinter den kreativen Ideen steckt. Der erste flüchtige, aber sympathische Eindruck hat sich nun noch mal bestätigt 🙂

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  2. Toll, dass du den Buchbesprechungen gleich noch dieses interessante Interview hinterherschiebst. Ich habe es gerne gelesen und schließe mich Ada an: es bestätigt den guten Eindruck, den ich von Lily Lux ohnehin schon hatte!

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