Meisterhaft böse.

Das Buch bestürzt mich. Erschrocken blicke ich mich um. Nicht, dass mich jemand entdeckt, aber soll man am Ende nicht zu allem stehen? Das Böse grinst mir zu und sagt: Ertappt! Was ist passiert? Ich habe das neue Buch von Amélie Nothomb gelesen. „Winterreise“ ist eine kalte Reise, was für eine. All das hat mich begeistert. Die Fratze des Bösen schlüpfte durch meine Augen und blieb dort sitzen. Und ich hatte rein gar nichts dagegen. Schlechtes Gewissen? Nada. Das Böse ist oft interessanter als das Gute.

Die Autorin schreibt in ihrer bekannten Manier: Hart, unerschrocken, wortwitzig und gleichsam nachdenklich. Wie ein Eispickel kratzt sich ihr neuer Roman in die Seele, bleibt dort stecken, sie fasziniert und verstört.
Auf der ersten Seite erfahren wir, dass der Ich-Erzähler ein Flugzeug explodieren lassen will. Auweia. Tausend Fragezeichen. Warum? Als erstes denkt man an Terroristen. Wir kennen ähnliche Geschichten aus den vergangenen Jahren. Bereits hier ist eine Schwelle, bei der man gut überlegen sollte, ob man weiterlesen möchte. Ich habe mich für das Go! entschieden und bin dem zerstörten Menschen lesend gefolgt. Zoïle – so heißt der Ich-Erzähler und Wahnsinnige – war in Astrolabe verliebt. Er empfindet nur noch Hass.
Seine Angebetete wohnt zusammen mit einer autistischen Schriftstellerin in einer kalten Pariser Wohnung. Die beiden leben in einer abhängigen Symbiose, die eine kann nicht ohne die andere. Genau dort hinein bricht Zoïle eines Tages und verliebt sich. Seine Liebe wird erwidert, doch sie stößt an spitze Pfeiler, die ein Voranschreiten blockieren und man ahnt schon: Dies wird kein Happy End.

Zum Schluss konnte ich Zoïles Wut nachempfinden, dennoch ist seine geplante Tat extrem. Amélie Nothomb treibt es wie so oft natürlich auf die Spitze des Eisbergs. Zerstörende Bilder tun sich auf und verwirren, aber nicht lange und schon zwinkert man auf erschreckende Weise dem Bösen zu. Ich mag es literarisch bekanntlich gerne weich und warm, doch manchmal besuche ich ganz andere Gebiete, die an schockierende Gruselfilme erinnern. Sie machen mich putzmunter und ziehen Dinge ans Tageslicht, die ich sonst gut verstecke. Rachegedanken kennt doch jeder von uns, selbst wenn es keiner direkt zugeben mag. Sie existieren wie die Liebe und sie haben eine Daseinsberechtigung. Manche sind zart, erröten beinah, wenn man sie erwischt. Andere streuen Salz direkt in die Wunde. Es spritzt und alles wird rot, so gewaltig rot, dass man fast in Ohmacht fällt. Amélie Nothomb ist eine kluge Meisterin darin. Sie hat es mir wieder gezeigt. Auf einem hohen literarischen Niveau fängt die Autorin ihre Leser mit einem Kescher ein, setzt ihnen Teufelshörner auf die Häupter und lässt sie Feuer spucken. Jedoch nur, wenn sie nicht zurückschrecken und darauf eingehen. Jetzt schnell weg mit der hässlichen Fratze. Sonst könntet ihr noch Böses von mir denken. Dabei bin ich doch so herzensgut, nicht?

Amélie Nothomb.
Winterreise.
Januar 2011, 128 Seiten, 18,90 €.
Diogenes Verlag.

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6 Gedanken zu “Meisterhaft böse.

  1. 🙂 ich nehme an es polarisiert? dann wäre es bestimmt was für unseren book club. ich suche nämlich gute bücher für ein voting zusammen! 🙂

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