Es ist nie zu spät.

Auch das ist Literatur, denke ich und trockene mein tränenfeuchtes Gesicht ab. Der heiße Dampf wärmt mich und langsam kehrt die Ruhe zurück. Sie krabbelt von den Füßen über die Beine direkt nach oben. Das Hörbuch ist zu Ende und ich blicke schweigend auf den iPod. Nun beginne ich am besten von vorn.

Puh, was für ein langer Titel! „Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie“ von Lauren Oliver fängt zunächst wie eine harmlose College Geschichte an. Sam, Lindsey, Elody und Ally sind vier Mädchen. Beliebt, gefürchtet und geachtet bewegen sie sich durch das Schulleben. Sie machen sich über die Schwachen lustig und trampeln alles kaputt, was sich ihnen störend in den Weg stellt. Menschlichkeit ist ein Fremdwort. Als die Mädchen nun eines Abends von einer Party nach Hause fahren, passiert ein schrecklicher Verkehrsunfall bei dem Sam ums Leben kommt. Doch sie lebt weiter, wacht immer wieder am gleichen Tag auf und durchlebt ihn stets aufs Neue. Kein Tag ist wie der andere, weil sich Sam im Laufe der Zeit verändert.

Anfangs mochte ich die arrogante Samantha Kingston gar nicht. Ich habe sie für ihre Oberflächlichkeit verachtet und gegen sie geboxt. Oft rief ich: „Mensch, siehst du nicht, was du anrichtest?“ Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich jedoch heraus, warum sie so ist wie ist und ich blieb bei ihr. Das war gut so. Stückchenweise taute Sam auf und ließ mich in sich hineinschauen. Die Überheblichkeit schrumpfte allmählich zu einem Keim aus Menschlichkeit, der stündlich anwuchs. Unglaublich, was mit Menschen passieren kann, wenn sie den Tod auf der Schulter spüren und dem Leben gnadenlos ins Gesicht schauen. Im Laufe der zahlreichen Wiederholungen wird Sam nachdenklicher und ist ehrlich mit sich selbst. „Mir wird klar, dass ich noch nie etwas wirklich Gutes für jemanden getan habe. Zumindest schon lange nicht mehr.“

Lauren Oliver erzählt salopp. Ihre Sprache passt wunderbar in den Mund einer Heranwachsenden. Zwischen die harten Worte der Protagonistinnen streut die Autorin ebenso feinfühliges Gedankengut, das berührt und lange Zeit wie ein Echo nachhallt.
Anna Thalbach hat der Ich-Erzählerin eine wunderbare Stimme gegeben. Das leicht kratzige und tiefe Timbre passt perfekt. Da ist das Zickige und Fordernde, was sie mühelos wiedergibt. Sanfter und gefühlvoller wird sie, sobald Sam sagt, was sie im tiefsten Inneren bewegt. Die Gefühle haben ihre eigene Sprache. Die Melancholie bekommt durch Anna Thalbach einen authentischen Ton, der fast in der Luft zerreißt, bis die Wut und Ohnmacht wie kleine Hagelkörner die Ohrmuscheln streifen. In anderen Momenten schiebt die Schauspielerin auch laszive Art dazwischen und beweist bei dem Stück eine große Vielfältigkeit, die eine gute Vorleserin auszeichnet.

„Es ist nie zu spät.“ Das ist einer der Sätze, der sich einem Tattoo gleich ins Gedächtnis gesetzt hat. Wie das ganze Hörbuch. Es bleibt, lange Zeit, so lange, bis der Tee kalt ist und die Tränen längst der Vergangenheit angehören.

Lauren Oliver.
Wenn du stirbst, zieht dein ganzes Leben an dir vorbei, sagen sie.
Vorgelesen von Anna Thalbach.
07 Std. 26 Min., 17,95 €,
audible.de

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2 Gedanken zu “Es ist nie zu spät.

  1. Hallo Klappentexterin,

    hört sich gut an, was Du berichtest, und erinnert an „Und ewig grüßt das Murmeltier“. Eine weitere Zutat für meine Endlosliste (dazu gehören auch Hörbücher).

    Annegret

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  2. Hallo Annegret,

    das stimmt schon ein bisschen, wobei das Murmeltier lustiger ist als dieses hier. Dafür bleibt die Geschichte länger bei dir als das Murmeltier. Na dann, gutes Kochen.

    Liebe Grüße
    Klappentexterin

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