Ein spanischer Krimi. Olé!

„Der Kriminalroman wird immer dümmer – und gräbt sich sein eigenes Grab.“ Diesen Satz las ich kürzlich in der Süddeutschen Zeitung. Der Redakteur rechnet in einem Artikel erbarmungslos mit den aktuellen und bekannten Krimis ab. Es würde heutzutage viel zu viele absurde Serienkiller, lächerliche Figuren und peinliche Plots geben. Vorbei sind die Zeiten, als sich Krimis noch im Kreis der guten Literatur bewegten. Der Blick wandert zu den großen Vorreitern Dashiell Hammett, Raymond Chandler, Agatha Christie oder Friedrich Dürrenmatt. Sicherlich ist ein Großteil der zeitgenössischen Krimis qualitativ und inhaltlich mit einem Klassiker wie „Der große Schlaf“ von Raymond Chandler kaum vergleichbar, doch wenn man wie Sherlock Holmes aufmerksam durch die Krimiwelt streift, entdeckt man auch heute noch wahre Schätze wie „Der Tod wohnt nebenan“ von Francisco González Ledesma.

Der Schriftsteller und Journalist ist in unserem Land eher unbekannt. In Spanien hingegen einer der größten Krimiautoren. Im vergangenen Jahr erschien nun erstmalig sein achter Roman auf Deutsch. Im Mittelpunkt steht ein Mord in einem Armenhaus. Das Opfer war mit einem anderen Mann bei einem Banküberfall beteiligt, bei dem ein dreijähriges Kind ums Leben gekommen ist. Inspector Méndez, der kurz vor der Pensionierung steht, soll nun den Täter finden. Méndez überführt sehr schnell David Miralles – der Vater des Kindes – als Mörder, doch er lässt ihn laufen, weil Beweise fehlen. Nun gerät Miralles in die Schusslinie von dem anderen Bankräuber – Leónidas Pérez, der noch lebt und sich zeitgleich in Barcelona unter falschem Namen aufhält. Sein Ziel heißt: Miralles. Zwischen allen Beteiligten findet ein spannendes Katz- und Mausspiel statt. Wir lernen bei der Verfolgungsjagd ein Barcelona jenseits der Touristenlinie kennen. Ein schmutziges, altes und ein bisschen unheimliches Barcelona.

Ledesma unterhält seine Leser in einem sehr lakonischen Ton. Hoppla! dachte ich an einigen Stellen, wenn er als Erzähler plötzlich in eine Szene hineinplatzt und die Protagonisten kommentiert. Ich habe oft geschmunzelt und bin dem feinen Charme des etwas eigensinnigen Inspectors vollkommen erlegen. Er hat kluge Gedanken, manchmal ein loses Mundwerk und ist ein guter Schütze. Was diesen Krimi ebenfalls auszeichnet, sind die kritischen Bemerkungen. „Mittlerweile brauchte man ja schon fast eine Genehmigung der NATO, wenn man Zigaretten kaufen wollte.“ Außerdem hält Ledesma seinen Landsleuten den Spiegel vors Gesicht. Er berichtet von der Oberflächlichkeit der Menschen, die sich mehr für Bettgeschichten im Fernsehen interessieren als für das historische Schicksal Spaniens. Wir erfahren auch viel über die Vergangenheit dieser Stadt. Eine große alte Dame des ältesten Gewerbes erzählt uns von einem Barcelona, das so schon lange nicht mehr existiert.

Ich empfehle jedem Leser anspruchsvoller Krimis dieses Buch! Es hält, was es auf dem Klappentext verspricht und sogar darüber hinaus. Ehrlich gesagt, hätte ich nicht mit so einem feinen und spannenden Plot gerechnet.

Francisco González Ledesma.
Der Tod wohnt nebenan.
März 2010, 320 Seiten, 19,99 €.
Bastei Lübbe.

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Veröffentlicht in Krimi

12 Gedanken zu “Ein spanischer Krimi. Olé!

  1. Danke, danke, danke!
    Ich habe mir immer wieder überlegt, das Buch auszusortieren, da ich einfach nicht alles lesen kann. Nun werde ichaber das Buch behalten und ich freue mich, es mal zu lesen. Danke!
    Liebe Grüße
    Bibliophilin

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    1. Liebe Bibliophilin,
      ich habe also ein Buch gerettet? Toll! Dein Bücherregal wird nun bestimmt mit mir schimpfen. Also alle Beschwerden direkt an mich!

      Viel Freude beim Katz- und Mausspiel wünsche ich dir.

      Liebe Grüße
      Klappentexterin

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  2. Genau deswegen las ich in den letzten Jahren kaum noch Krimis – eben weil ich das Gefühl hatte, es vor allem mit abgeflachtem, allzu unglaubwürdigen Plots zu tun zu haben. Dein Buchtipp hier lässt hoffen und meine anti-Krimi-Haltung kritisch überdenken.

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  3. schließe mich synästhetisch an. habe mir nach einer unglaublich packenden doku allerdings doch noch einen krimi zugelegt: ellroys „black dahlia“ aus dem jahr 1988. es hat mich von erster seite am schlaffitchen gepackt und lässt nicht los!

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