Offener Brief an Elisabeth Ruge.

Sehr geehrte Frau Ruge,

ich bin immer noch bestürzt und traurig über Ihre Trennung vom Berlin Verlag. Damit endet ein engagiertes Projekt, was vor 17 Jahren begonnen hat. Gemeinsam mit Veit Heinichen und Arnulf Conradi haben Sie damals den Verlag gegründet. Ihnen lag vor allem eins am Herzen: Unabhängig zu sein und besondere literarische Werke herauszubringen. Damit ist nun Schluss. Den Berlin Verlag wird es weiterhin geben, aber er wird nur noch ein Schatten seiner selbst sein, jetzt wo auch die letzte Säule das Haus verlassen hat. Veit Heinichen zog sich 1999 aus dem Geschäft zurück, um Kriminalromane zu schreiben. Arnulf Conradi folgte seinem Kompagnon 2006. Seitdem kämpften Sie wie eine einsame Alphawölfin an vorderster Front. So erscheint es mir, nachdem ich einen ausführlichen Artikel über Sie in der Süddeutschen Zeitung gelesen habe. Der Journalist Thomas Steinfeld fand passende Worte und gab mir einen ausführlichen Einblick über Ihr Wirken. Wieder traf ich auf Aspekte, die mich seit langem beschäftigen wie der Wandel in der Buchbranche.

Sicherlich leben wir in einer anderen Zeit, und doch möchte ich es nicht ständig als die große, unerschütterliche Entschuldigung gelten lassen. Deshalb schreibe ich Ihnen u.a. auch diesen Brief. Weil ich erschüttert bin und an das besondere Buch glaube.

Sie haben eindrucksvolle Autoren in Deutschland bekannt gemacht. Autoren, die ich heutzutage in der Bestsellerliste vermisse. Ich denke da an Zeruya Shalev, Margaret Atwood, Richard Ford, Jonathan Littell und Nadine Gordimer. Das ist Literatur, die fordert, die aufweckt und die meinen Denkapparat anstößt. Das ist Literatur, die unvergesslich bleibt und an die man sich erinnern wird. Manch einer wirft mir jetzt vielleicht elitäres Gehabe vor, schließlich solle Literatur vorranig unterhalten. Nicht mehr und nicht weniger. Ich hingegen liebe das Gefecht und lasse mich fordern, wie viele andere Leser auch. Nur wird es immer schwieriger an solche Werke heranzukommen, weil die Nachfrage anders aussieht. Selbst große Verlage bieten immer mehr Unterhaltungsromane an statt anspruchsvolle Titel. Warum? Weil die Masse es so will. Aber will sie es wirklich oder wird sie dazu bewegt?

Liebe Frau Ruge, Sie merken, es sind einige Fragen, die sich in mir auftun. Ich werde sie behalten und weiterhin verfolgen, Dinge in Frage stellen und mich vom besonderen Buch inspirieren lassen. Das, was Sie vor 17 Jahren geschaffen haben, ist nun vorbei, aber nicht ganz. Dort draußen gibt es noch viele Menschen, die an das Gute in der Literatur glauben und es weiter unterstützen werden, lesend und schreibend. Ich wünsche Ihnen für die Zukunft alles Gute und weiß, Sie werden Ihren neuen Weg finden.

Mit besten literarischen Grüßen

Klappentexterin

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6 Gedanken zu “Offener Brief an Elisabeth Ruge.

  1. Ein bewegender Brief und wenn ich die Hintergründe auch nicht kenne, kann ich sie mir erscließen. Du hast recht, so etwas ist richtig traurig und deinen Gefühlen hast du die richtigen Worte verliehen, denn ich verstehe genau, was du meinst. Ehrlich gesagt, kann ich deine Frage auch nicht beantworten, ob die meisten LeserInnen lieber Unterhaltungsliteratur wünschen oder in diese Richtung gelenkt werden…
    Ich mag Unterhaltungsromane, gar keine Frage, doch ich mag es auch, in meinem Kopf neues zu entdecken und dafür brauche ich anspruchsvolle Werke, was bedeutet, dass ich eine gute Mischung zu finden versuche, zwischen guten „Juwelen“ und unterhaltsamen Romanen zum Abtauchen in eine andere Welt, weil ich das so liebe und auch in die geistig anspruchsvollen Bücher kann man hinabgleiten und sich in ihnen verlieren.
    Deinen Brief, den finde ich gut und ich hoffe, dass du irgendwann eine befriedigende Antwort darauf erhalten wirst von der Person, von der du sie haben möchtest!

    Einen schönen Abend noch!

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    1. Liebe Charlousie,
      danke für deinen schönen Kommentar. Ich mag deine Gedanken sehr. Die gute Mischung kenne ich. Man kann ja nicht immer Feuer im Kopf haben. Die Antwort wird mich finden und wenn sie da ist, werde ich dir davon berichten. Bis dahin weiterhin glückliches Lesen. Liebe Grüße, Klappentexterin.

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  2. Wie immer im Leben, denke ich, ein bisschen von allem genommen ergibt die Wahrheit. Soll heißen: klar lenkt der Markt auch die Interessen, andererseits wird jemand, der sonst nie liest, nicht zu einem Buch greifen, nur weil es eben da ist. Viele der Leser von Vampir- oder All-Age-Romanen, die ja momentan so boomen, gehörten vorher nicht zur Gruppe der Lesenden, davon bin ich überzeugt. Sie wurden zu Lesern, weil es ein Angebot gab, was sie inhaltlich, stilistisch, emotional oder wie auch immer ansprach. Hätte es dieses Angebot nicht gegeben, wären sie wahrscheinlich keine Leser geworden. So meine Hypothese! 😉
    Natürlich verstehe ich dich sehr gut, wenn du beklagst, dass dir das besondere Buch fehlt bzw. das Angebot zu klein erscheint. Mir geht es ja auch so, ich habe auch schon häufiger angesprochen, dass ich mich in Buchhandlungen zurzeit nicht angesprochen fühle und mich in deren Angebot nicht wiederfinde. Das deprimiert mich und macht mich auch ein wenig wütend. Dann aber schaue ich in meine Regale und filtere mal die Neuerscheinungen durch, die meinen Ansprüchen gerecht wurden. Und siehe da: es gibt sie! Ich denke, wir Freunde des besonderen Buches müssen wahre Entdecker werden und wahrscheinlich werden wir unsere Bücher auch auf anderen Wegen finden müssen. Das Stöbern in der „normalen“ Buchhandlung ist wirklich müßig geworden – wenn ich erst mal an all den Aktionstischen und Bestsellerwänden vorbei bin, habe ich schnell das Gefühl, dass der Mainstream mich erschlägt und es nicht lohnt, noch weiter zu suchen. Im Klartext heißt das für mich oft: wenn ich ein bestimmtes Buch suche, das nicht zur massenhaft produzierten Modeware des aktuellen Marktes gehört, gehe ich es nicht mehr in einer Buchhandlung suchen, sondern gehe direkt über den Verlag oder einen Onlinehändler, weil ich mir das deprimierende Suchen und nicht Finden beim Händler vor Ort ersparen will. Mir passierte es sogar schon häufiger, dass die Mitarbeiter vor Ort nicht mal wussten, wie man den Namen des gesuchten Autoren überhaupt schreibt, aber das ist wahrscheinlich ein anderes Problem. :-/
    Und gerade die Suche über den Verlag zaubert oft Perlen zum Vorschein, von denen man nie hören würde, wenn man sich einzig auf den Händler vor Ort verlässt.
    Aber, bevor ich mich hier noch weiter vergalloppiere – ich merke, es ist schwierig, den Gedanken zu fassen zu bekommen -, möchte ich noch eins sagen: wer deinen Blog kennt und sich hier aufmerksam umschaut, wird es finden, das besondere Buch, denn du hast schon so viele davon vorgestellt. Es gibt sie also wirklich, nur vielleicht nicht immer da, wo man zuerst sucht.

    Zu deinem Brief im Konkreten kann ich leider nichts sagen, da ich die Fakten und Hintergründe nicht kenne. Ich weiß nur, dass die Überlegungen, die ein Verlag heutzutage anstellen muss, um überleben zu können, sicher nicht immer mit dem Empfinden des einzelnen Entscheidungsträgers übereinstimmen müssen. Es wird so sein, dass individuelle Befindlichkeiten hintenanstehen müssen – das ist traurig, aber wahr.

    Entschuldige, wenn das vielleicht alles ein bisschen wirr wirkt. Sicher schicke ich das jetzt ab und mir fallen noch tausend Änderungen und weitere Gedanken dazu ein. *g*

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    1. Liebe Ailis,

      ich lächle und freue mich über deine Worte. Sie tragen viel Wahres in sich. Ich möchte nicht richten, was gut ist und was nicht. Das findet jeder Leser für sich selbst heraus, früher oder später. Ich stimme dir zu, so nervig die Vampirromane auch sind, locken sie selbst Leute, die vorher nicht zu bücherverschlingenden Wesen gehört haben. Traurig ist es, dass du dich in Buchhandlungen nicht gut aufgehoben fühlst, weil du dort keine Bücher findest, die dich locken. Aber da hast du einen guten Weg für dich gefunden und ich bin entzückt über deinen Findungsgeist, der dich umgibt. Hab also vielen lieben Dank für deine vielen Gedanken, die ich sehr gerne gelesen habe. Herzlichst, Klappentexterin.

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  3. Bla, bla, bla. Mit süßlich mildem Trauerbeben ist gar nichts getan. Dieses ständige Festhalten am Buch, oh platzvereinnahmendes Heiligtum, läuft der Literatur davon. Und wenn schon, warum verwenden sie Ihre schöne Seite nicht dazu, etwas zu tun? Vorschläge. Schritte. Direkt, nicht gesülzt. Was soll man denn bitteschön antworten auf Ihren Nachruf, als einsame Alphawölfin? Brrr. Schreiben Sie nicht von einer fordersten Front und einem Gefecht, denn Erschütterung ist etwas anderes.

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  4. Sehr geehrter Herr Pruscha,
    danke für Ihren offenen Kommentar. Kritik ist bei mir immer willkommen, doch ein bisschen macht auch der Ton die Musik. Für Sie ist das nur Bla, bla, bla – für mich sind es Gedanken, denen ich hier Platz eingeräumt habe. Aber vielen Dank fürs Kompliment, dass ich eine schöne Seite habe.

    Mit besten Grüßen
    Klappentexterin

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