young literature rebels.


Wasser ist das erste Wort, das mir bei den jungen Autoren aus Großbritannien ins Sichtfeld lief. Dort ist es geblieben. Wasser ist ständig in Bewegung, reißt mit und schlägt Wellen, wenn der Wind es mit voller Wucht packt. Es hat verschiedene Formen, ruhige wie aufbrausende. Kann Wasser eigentlich auch verrückt sein? Keine Ahnung, aber es kann sich so anfühlen wie bei „Cool Britannia – Junge Literatur aus Großbritannien“. Es ist da, doch es entwischt und weckt große Fluchtgedanken.

Wie schreiben unsere jungen britischen Nachbarn? Die Frage hat mich zu diesem Buch geführt. Ich bin eine große Freundin englischer Literatur, obwohl ich sie nur in übersetzter Form lese. Bei den zeitgenössischen Werken gefallen mir oft die komischen, leicht schiefen Töne, die auf nachdenkliches Gedankengut treffen.

Die Sammlung an Kurzprosa hat A. L. Kennedy zusammengestellt. Die Autorin bewies dabei ein gutes Händchen. Es sind ruhige Geschichten dabei wie die von William Ryan. In „Dänemark“ setzt er seinen Ich-Erzähler an den Strand. Durch einen Autounfall verlor der Protagonist sein Gedächtnis. Desillusioniert und leicht orientierungslos läuft er nun am Strand entlang. Er begegnet Menschen, stößt auf Ereignisse, die es in sich haben.
Es tauchen ebenso laute Geschichten auf, die mit einer zunehmenden Lautstärke die Stille verscheuchen. Ich denke dabei an „Der Frauenschwängerer“ von Nicola Monaghan. Sie beginnt wie eine harmlose Frauengeschichte, sanft und ruhig. Vorsicht! Der Schein trügt!
Ziemlich schräg geht es in „Shandoman – Die Rückkehr des Superhelden“ von David L. Hayles zu. Die Science Fiction Erzählung ist vollkommen abgedreht, sehr lustig und ein bisschen tragisch. Dem Superhelden lähmt eine Depression und er kann nicht gegen den Feind ausrücken. Shandoman wünscht sich sehnlichst eine Therapie, die ihn nach einem halben Monat wieder genesen lässt. Doch selbst das ist leider in einer Zukunftswelt nur reine Utopie.

Den meisten zwölf Geschichten wohnt etwas Unerhörtes inne. Es versteckt sich meist und landet nicht wie eine kleine Fliege direkt im Auge. Viel mehr schleicht es sich katzenähnlich an und zack! überrascht plötzlich, ganz unerwartet, wenn man nicht damit rechnet. Ich habe mich öfter dabei ertappt, wie ich meine Tasche packen und fliehen wollte vor dem, was sich mir dort offenbarte. Und in alldem verschob sich vieles, verlor sich in einer Schräge, die die Welt ins Schwanken brachte. Die junge britische Literatur ist teilweise unberechenbar, aber sie belebt wie Wellen, die über uns hereinbrechen.

A. L. Kennedy (Hg.).
Cool Britannia. Junge Literatur aus Großbritannien.
Februar 2006, 160 Seiten, 9,90 €.
Wagenbach Verlag.

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4 Gedanken zu “young literature rebels.

  1. Dieses Buch landet bei mir von vornherein zwei kleine Minuspunkte: 1. Ich finde die Gestaltung überhaupt nicht schön. 2. Ich bin kein Freund von Kurzgeschichten, weil sie auf mich oft zu unausgereift wirken und ich mich in dem Erzählten nicht fallen lassen kann.
    Allerdings – und das zeigt deine Rezension – kann der Schein trügen und vielleicht sollte ich mich doch mal wieder an ungewöhnliche Kurzgeschichten heranwagen. Vielen Dank!

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    1. Da sprichst du etwas Wichtiges an. Kurzprosa hat es bei uns schwer, warum weiß ich nicht. Vielleicht, weil ihnen das große Umfassende fehlt, das für einen Roman/Krimi typisch ist? Kaum sitzt man in der Geschichte, ist sie auch schon wieder vorbei. Du beschreibst das mit einer unausgereiften Wirkung. Alice Munro erst hat mich wieder an Kurzprosa geführt, seitdem lese ich sie häufiger, bin immer wieder überrascht wie lang doch kurze Geschichten sein können. Diese Anthologie ist durch die Bandbreite sehr interessant und man erhält einen guten Überblick über verschiedene junge britische Autoren. Mir hingegen gefällt das Cover sehr. Tja, so verschieden sind die Geschmäcker.

      Lieben Gruß
      Klappentexterin

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