Junge Wilde.

Die jungen französischen Autoren treten ein schweres Erbe an. Vor ihnen waren die großen, einflussreichen Schriftsteller zugange, ebenso der in vielen Ländern exportierte Michel Houellebecq. So steht es in der Einleitung dieses Buches. Genau der Herausforderung nehmen sich die jungen französischen Autoren im beeindruckenden Maße ein.

„Tour de France“ enthält 18 Kurzgeschichten. Manche sind kurz, andere wiederum erzählen auf einem längeren Weg unglaubliche Geschichten. Martin Page beginnt die Anthologie mit „Ein kleines bißchen Zärtlichkeit“. Ein Mann wartet in einem Café auf eine junge Frau. Er trinkt seinen Kaffee nicht und die Eier sind kalt geworden. Man ahnt schon, dieser Mann ist angespannt. Als seine Verabredung eintrifft, verschwinden sie bald auf der Damentoilette. Aber nicht bevor er das Lied in der Musikbox wählt, was seine Frau und ihn verbindet. Sie ist es auch, die die junge Frau engagiert hat. Wozu, das erfahren wir kurze Zeit später. Und das, liebe Leute, schockiert! Oder die Geschichte von dem Mann, der von seiner Liebsten nach dem letzten Streit verlassen wird. Eines Morgens findet er im Garten eine tote Giraffe vor. Geschrieben hat sie Thomas Gunzig. Ich traf in der Sammlung auch auf Anna Gavalda. In „Happy meal“ besucht der Ich-Erzähler mit einem Mädchen McDonalds‘. Er bevorzugt lieber die gute Küche und nimmt sich vor, ihr diese zu zeigen, sollten sie länger zusammenbleiben. Die Auflösung der Geschichte hat mir in der S-Bahn viele Blicke beschert, weil ich überrascht gelacht habe, vor Schock oder Entzücken, kann ich heute nicht mehr sagen. Denn es bleibt rätselhaft und äußerst suspekt.

Das haftet den meisten Geschichten an. Sie sind extrem, verstörend, eindringlich, surreal, witzig und in der Sprache sehr vielfältig. Die jungen Autoren führen den Leser mit einer Inbrunst hinters Licht. Dies gelingt ihnen auf eine erstaunliche Weise. Erst locken sie uns, wir verfallen ihnen, dann schalten sie die Lampen aus und lassen uns im Dunkeln zurück. Die jungen Autoren haben auf den wenigen Seiten, große Literatur geschaffen. Mal haben sie mich geschockt zurückgelassen. Ein anderes Mal habe ich mir vor Erstaunen Luft zuwedeln müssen und an anderer Stelle bin ich nicht weitergekommen, weil mich die Form des Erzählens zu sehr verwirrte, als hätte sich eine undurchsichtige Schicht in meinen Kopf gesetzt. Weiterkommen unmöglich.

Diese Sammlung schenkt nicht nur einen wahrhaftigen Einblick in die junge französische Literaturszene. Sie zeigt uns auch: Die Literaturerben stehen bereit. Dieses schmale Bändchen bleibt so lange dünn, bis man es gelesen hat.

Annette Wassermann (Hg.)
Tour de France. Junge französische Literatur.
März 2005, 192 Seiten, 9,90 €.
Wagenbach Verlag.

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7 Gedanken zu “Junge Wilde.

  1. Wunderbar, ich schmecke die Wörter schon förmlich auf meiner Zunge 🙂 Und gleichzeitig sehe ich mich schon weitere Werke der jungen französischen Autoren recherchieren. Was natürlich den SuB um einige Exemplare erweitern wird.
    LG

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  2. Ihr Lieben,
    manchmal vergesse ich einfach, wie reichhaltig auch Kurzgeschichten sein können, und wenn es dann noch spektakuläre wie diese sind, ist es um so schöner. Für dich als Freundin, französischer Literatur, liebe Charlene, wird dies eine feine Entdeckung sein! Und mentizidal, das Kopfkino hätte ich dir sowieso nicht verraten. Unerhörtes muss man selbst erleben… pardon, erlesen. : )

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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  3. Liebe Simone,

    ich bin froh, dass du diese Autoren und Bücher alle vorstellst. Dass du die Eintäge sogar thematisch verbindest. Und dass es bei dir nicht immer nur dieses langweilige Einerlei an von Verlage gesponserten Büchern zur Übersicht gibt. Das wollte ich hier nur mal gerade loswerden. Auch ich werde ich in den nächsten Wochen auf meinem Blog mal mit einer jungen Autorin beschäftigen: Dorothee Elmiger.

    Viele Grüße,
    Friederike

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    1. Liebe Friederike,

      zunächst ein herzliches Dankeschön für das Loswerden deiner Gedanken! Der Buchmarkt erscheint mir weit wie das Meer. Es gibt so viele Bücher und manchmal fällt es mir schwer, zu entscheiden, welches Werk ich nun lese und welches nicht. Aber die Auslese macht mir Freude und mich froh, vor allem dann, wenn sie andere ebenso inspiriert. Ich bin gespannt auf Dorothee Elmiger!

      Viele Grüße,
      Klappentexterin-Simone

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