Wenn ein Märchen wahr wird.

Man kann es schaffen und als junger Autor erfolgreich sein. Auch ohne ein Studium am Leipziger Literaturinstitut oder den Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim. Das beweist Benedict Wells. Der Autor hat bereits zwei Romane bei dem renommierten Schweizer Verlag Diogenes veröffentlicht. „Becks letzter Sommer“ ist 2008 mit Begeisterung aufgenommen worden. Ein Aufschrei ging durch den Buchhandel. Ich erinnere mich noch ganz genau daran, als wäre es gestern gewesen. Es war heiß, die Sonne knallte erbarmungslos auf unsere Köpfe und man sprach nur über den jungen Autor. Ein Jahr später erschien „Spinner“, ebenfalls ein gelobtes Buch. Ich bin dem Diogenes Verlag dankbar, dass der Verlag das Potential des Autors wertgeschätzt und ihn publiziert hat. Wie in Gottes Namen ist es möglich, dass er es auch so geschafft hat?

Benedict selbst meint, dass er sich durchaus als Autodidakt bezeichnen könnte. Das war nicht immer schön und teilweise schmerzhaft. Als Orientierungspunkte pickte er sich seine großen Vorbilder wie Kazuo Ishiguro, Nick Hornby, John Irving oder Harry Mulisch heraus, analysierte einzelne Aspekte ihrer Arbeit und verglich seine Texte mit deren. Wie gelingt es beispielsweise Nick Hornby gleich zu Beginn, dass man sofort in der Geschichte drinnen steckt und nicht wieder raus will? Oder die feinen Momente in Ishiguros Büchern, wie bekommt der Autor das hin? Schritt für Schritt hat er seine Texte überarbeitet. „Zwischendurch gab ich meine Manuskripte Menschen, die ich kaum kannte, und bat sie, so streng wie möglich zu sein. Freunde loben immer, aber ich wollte harte, konstruktive Kritik, denn nur die bringt einen weiter,“ berichtet er. Zwischenzeitlich hätte er schon daran gedacht, sich an einer Schreibschule zu bewerben, doch verschiedene Gründe haben ihn davon abgehalten. Vor allem seinen Stil wollte er finden und sich selbst entdecken. Für ihn gab es nichts Schöneres, als ein weißes Blatt zu füllen, mit allem, was ihm in den Sinn kam. Der Gedanke, ein Professor könne ihm strenge Vorgaben machen, schreckte ihn ab.

„Für mich war Schreiben jedenfalls ein einsames Geschäft, das jahrelang nur mit Niederlagen verbunden war,“ sagt er. So reichte er liebevoll zusammengestellte Mappen mit Cover, Exposé und Textproben bei Verlagen und Agenturen ein und hat sich ebenso für Stipendien und Veranstaltungen beworben, doch er bekam nur Absagen. Dies traf Benedict besonders hart, weil er sein ganzes Leben auf das Schreiben ausgerichtet hatte. Mit Nebenjobs verdiente er sich tagsüber seinen Lebensunterhalt, nachts schrieb er. Immer weiter. Der junge Autor verdrängte auch die Stimmen, die ihm rieten, das Vorhaben abzubrechen und auf Sicherheit zu setzen. Benedict blieb beharrlich. Außerdem wollte er wissen, wie seine Geschichten am Ende aussahen. Vielleicht war es diese Konsequenz, die ihm eines Abends einen glücklichen Zufall vor die Füße spielte. Vier Jahre später, als zwei Romane fertig waren, traf er auf einer Party einen Agenten. Zu dem Zeitpunkt wollte er eigentlich ins Ausland, um den Druck des unveröffentlichten Autors zu entkommen. Nachdem er dem Agenten von seiner Situation erzählt hatte, wollte dieser sein Manuskript lesen. Benedict sah die große Chance und ergriff sie mit Bedacht. Statt dem Agenten sofort sein Manuskript zu schicken, feilte er noch monatelang daran: „Ich wollte, dass „Becks letzter Sommer“ so knapp, spannend, schnell und witzig war, wie nur möglich, so dass er es kaum ablehnen konnte.“

Und dann gab es ein Happy End. Sein Roman „Becks letzter Sommer“, der zuvor abgelehnt wurde, wurde schließlich vom Diogenes Verlag herausgebracht. „Ich taumelte mit großen Augen durch die Frankfurter Buchmesse und konnte es einfach nicht fassen.“ Trotz aller Hürden sagt er heute immer noch, dass der Weg ohne eine Schreibschule die einzige Lösung war, denn er wollte nur eins: Frei sein. Eben diese Freiheit hat ihn dahin gebracht, wo er hin wollte. Ihm ging es vorrangig darum, seine Geschichten zu erzählen. Dann fügt Benedict noch hinzu: „Ich kenne aber auch hervorragende Autoren wie Thomas Klupp, die Schreiben studiert haben. Ich kann also nicht sagen, welcher Weg richtig ist, ich weiß nur, dass beide funktionieren.“

Über den Autor:
Benedict Wells wurde 1984 in München geboren. Nach dem Abitur zog er nach Berlin und widmete sich ganz dem Schreiben. Sein Debüt „Becks letzter Sommer“ wurde 2008 mit dem bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichnet. „Spinner“ ist sein erster Roman, den schrieb er mit 19 Jahren.

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13 Gedanken zu “Wenn ein Märchen wahr wird.

  1. Dankeschön für diesen inspirierenden Artikel, der Hoffnung macht, –
    Hoffnung, dass die Verlage dort draußen endlich wieder lernen,
    die Generationsdynamik zu würdigen. Der Erfolg von Literatur kann nicht(!) an irgendwelchen Verkaufszahlen gemessen werden, die keineswegs den Wert eines Buches widerspiegeln.

    Wir alle, die wir die Literatur lieben, müssen uns gegen diese Verhältnisse wehren – um die moralischen Aspekte wieder über den finanziellen zu manifestieren!
    Die deutschsprachige Literatur braucht Autoren wie Benedict Wells,
    wenn sie wieder zu sich finden will.

    Herzlichst,
    das neosophia-Team

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  2. Nicht schlecht. Und ich habe „ihn“ ehrlich gesagt verschlafen.
    Na dann kommt er halt jetzt auf die ewig lange Wunschliste.
    Die Rubrik „Junge Literatur“ ist übrigens formidabel!
    Liebe Grüße
    Charlene

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    1. Mir geht es genauso, hab „ihn“ auch verschlafen. Aber deswegen macht es ja so viel Spaß hier zu lesen. Ich kann das Lob nur unterstreichen und Dich zu Deiner Entdeckungsreise „Junge Literatur“ beglückwünschen.

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    2. Ich schließe mich meinen „Vorrednern“ an. Großartige Rubrik, guter Artikel. Hast du das Interview selbst geführt?
      Und auch ich muss zugeben, dass mir der Autor bisher unbekannt war. Hab Dank für den Hinweis.
      Weiterhin frohes Lesen und Schreiben.

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  3. liebe klappentexterin,

    danke für dieses sehr einfühlsame portraits von benedict wells, dessen buch „Becks …“ mir seinerzeit auch sehr gut gefallen hat. worüber ich mich heute noch ärgere ist, daß wells kurze zeit spätet in meiner buchhandlung gelesen hat und ich es versäumte, weil ich einen anderen termin hatte. sehr schade, ich hätte den jungen mann mit seinem beeindruckenden Buch gerne kennen gelernt!

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  4. liebe klappentexterin,

    ein mutmachender bericht! es ist wirklich schwierig, innerhalb der knapp bemessenen aufmerksamkeitsökonomie wahrgenommen zu werden . um so besser, wenn es klappt.
    liebe grüße
    elke

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  5. Verehrte LeserInnen,

    ich danke für eure zahlreichen Kommentare! Vor allem freue ich mich, dass der Mut zu euch geschwappt ist, genau das habe ich mir gewünscht. Dass ich nun noch weitere Leser für Benedict Wells gewinnen konnte, macht mich ebenso froh, weil er wirklich ein bemerkenswerter junger Autor ist.

    Hochachtungsvoll,
    Klappentexterin

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