Von Kälte keine Spur.

Warm, ganz warm. Von ganz allein strömt die Wärme durch mich hindurch, wenn ich das Buch berühre. Dies ist ein seltener Moment, den ich am liebsten konservieren möchte. Ich würde dafür ein weinrotes Glas mit kleinen Goldverzierungen wählen. Dies ist eine eindrucksvolle Literaturbegegnung, die bis in die Fingerspitzen hinein berührt. Das Gesicht glüht. Und ich erzähle sie euch.

Dinaw Mengestu hat mit seinem Roman „Die Melodie der Luft“ zwei eindrucksvolle Geschichten miteinander verknüpft. Im abwechselnden Kapiteln erzählt er mit einer poetischen Sprache von Miriam und Josef und ihrem Sohn. Jonas begibt sich auf eine Reise in die Vergangenheit. Er fährt dazu die Strecke ab, die seine Eltern vor 30 Jahren während ihrer Hochzeitsreise gefahren sind. Wie ein Fernglas versucht er, das Weite nah heranzuholen und taucht dabei in die Geschichte seiner Eltern. Die Ehe war mehr von Abneigung und Gewalt geprägt als von warmer Liebe. Hagelkörner treffen das Herz. Das tut weh und zieht ein unheimliches Frösteln hervor. Bevor sich die schneidende Kälte ausbreiten kann, hält Mengestu sie mit wärmenden Worten auf. Luftholen, durchatmen und ein Lächeln über die Sanftheit seiner Worte schenken einen Hoffnungsschimmer. Die Sonne bricht durch eine fette Wolkendecke und wärmt den geschockten Geist.

Die Kapitel mit den geraden Zahlen wenden sich ganz Jonas zu. Ein junger, schwarzer Amerikaner, der immer noch seinen Platz in dem Land der grenzenlosen Freiheit sucht. Jonas selbst ist ein Getriebener seiner eigenen Ängste. Obwohl er in Amerika geboren wurde, fühlt er sich fremd. Seine Eltern stammen aus Äthiopien, und das vergisst er nicht. Eines Tages trifft er auf Angela, eine junge, engagierte Rechtsanwältin. Beide verlieben sich und ziehen schnell in Angelas kleine Wohnung zusammen. Dort haben sie kaum Platz, aber im ersten Strudel großer Verliebtheit vergessen sie die Enge. Sie sehen es nur als Zwischenstation. Bald werden sie Erfolg haben und mehr Geld verdienen, hoffen sie, doch es bleibt aus. Nicht zuletzt auch wegen Jonas und seiner nicht enden wollenden Zerstreutheit. So ganz kann er sich nicht entscheiden, was er eigentlich will und wie er es angehen soll. Er redet oft davon, zu promovieren, wirklich aufraffen dazu kann er sich nicht. So arbeitet er stundenweise an einer Schule und rennt weiter wie ein Hamster in seinem eigenen Rad.

Dinaw Mengestu schafft mit seiner Lust am Erzählen eine Stimmung, die meine ganzen Sinne füllt. Sie erinnert mich an sonnendurchflutete Herbsttage, die den nahenden Winter schon durch eine klare Kälte erahnen lassen. Etwas geht, etwas anderes kommt und das in großen, beeindruckenden Sätzen. Fasziniert hat mich vor allem die poetische Sprache. Sie ist sehr kraftvoll und anziehend. Die Luft zwischen den Menschen schafft sich einen eigenen Raum und singt ihr Lied. Ich lausche den Geschichten, die sie mir erzählt. Kleine tanzende Punkte vermischen sich mit einem Gefühl, was nur selten Buchstaben bei mir bewirken. Warm, ganz warm.

Dinaw Mengestu.
Die Melodie der Luft.
August 2010, 319 Seiten, 19,95 €.
Ullstein Verlag.

Die Klappentexterin ♥ Dinaw Mengestu:
Der junge Autor hat so viel Freude am Erzählen und reißt seine Leser mit. Es ist vor allem die besondere Stimmung, die mich glücklich gemacht hat.

Über den Autor:
Dinaw Mengestu wurde 1978 in Äthiopien geboren. Als er zwei Jahre alt war, flohen seine Eltern mit ihm in die USA. Sein Debüt „Zum Wiedersehen der Sterne“ wurde mit dem Los Angeles Times Book Prize 2008 und dem Guardian First Book Award 2007 ausgezeichnet. Der junge Autor war auf der Shortlist des Internationalen Literaturpreises 2009.

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3 Gedanken zu “Von Kälte keine Spur.

  1. Liebe Klappentexterin,
    ich bin immer wieder von deiner Rezensions-Sprache, wenn ich das mal so nenen darf, begeistert. Sie ist bildlich und dabei doch so klar, dass man die Gefühle sofort nachempfinden kann und das Buch unbedingt lesen möchte. Weiter so!

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    1. Liebe Charlene,
      ich lächle und freue mich, wenn dich meine Rezensions-Sprache begeistert. Hab lieben Dank für deinen Kommentar! Ich schnappe mir dein Weiter so! und schreibe weiter.

      Herzlichst,
      Klappentexterin

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