Wenn aus einem Hörbuch ein Theaterstück wird.

Irène Némirovsky ist eine literarische Perle. Wenn man ihre Werke für sich entdeckt hat, möchte man sich aus jedem Buch eine Kette basteln und sie nie mehr ablegen. Sie ist eine der größten Schriftstellerinnen, die ich verehre. Nun habe ich „Die Familie Hardelot“ als Hörbuch genossen. Iris Berben hat das Werk, das 1947 posthum in Frankreich erschienen ist, auf beeindruckende Art vorgetragen. Allein, wenn ich daran denke, kräuselt sich meine Haut.

„Der Mensch schöpft seine Kräfte aus dem Unglück und je größer das Unglück ist, um so größer sind diese Kräfte.“ Dies ist einer von vielen Sätzen, den ich begeisternd aufsog. Wie stark man sein kann, das zeigen uns Pierre Hardelot und Agnès Florent. Er ist der Sohn aus gutem Hause, Erbe eines Papierfabrikimperiums und sie ist die Tochter eines Bierbrauers. Pierres Zukunft ist längst arrangiert: Er soll die wohlhabende Simone heiraten. An Eheschließungen, die aus Liebe getroffen werden, ist in den Anfängen des 20. Jahrhunderts nicht zu denken. Stets gilt es, den Besitz zu wahren und wenn möglich diesen sogar durch Familienzusammenführungen zu vergrößern. Doch Pierre und Agnès widersetzen sich den Regeln und geben sich schließlich das Ja-Wort. 30 Monate später bricht der Krieg aus, zu dem auch Pierre von seinem Regiment eingezogen wird. Pierre bringt seine Frau und seinen Sohn, der in der Zwischenzeit geboren wurde, nach Saint-Elme, dem Heimatort beider Liebenden. Genau ab dem Zeitpunkt setzt sich in die äußere Hülle des Romans allmählich eine Kälte durch, die nur ein Krieg auslösen kann. Es wird finster und unendlich traurig.

Die Autorin schildert die Kriegszeit, von ihren Anfängen bis zum Ende. „Aber zu Beginn eines Krieges ist das Herz noch weich, es hat sich noch nicht verhärtet.“ Die Menschen in Saint-Elme bleiben vor den schrecklichen Ereignissen nicht verschont. Jeder hat einen Mann oder einen Sohn, der in den Krieg gezogen ist. Plötzlich rücken alle näher zusammen und vergessen alte Streitigkeiten. Sie werfen böswillige und neidische Gedanken über Bord. Irène Némirovsky schildert detailgetreu und mit ihrer besonderen, scharfsinnigen Beobachtungsgabe, wie sich das Leben während des Krieges angefühlt hat. Wie aus erquickender Vorfreude eine schmerzliche Qual werden kann. Oder wie aus sechs Tagen Heimaturlaub einzigartige, kostbare Momente werden. Sie holt uns das Stöhnen und das Klagen ganz nah heran. Das berührt. Ich hatte oft Tränen in den Augen, Gänsehaut und so einen Klos im Hals. Betroffenheit verscheuchte jeglichen Wortlaut von mir, dafür lauschte ich Iris Berben, die mit Irène Némirovskys Worten sagt: „Es war die tiefe Finsternis des Krieges. Jener aus der man nie mehr herauszufinden glaubt, denn der Krieg scheint bis ans Ende der Zeiten zu dauern.“

Die Autorin zeichnet aber auch ein facettenreiches Sittengemälde. Zwischen leidenschaftlicher Liebe zwingt sich Hass, Eifersucht, Neid und Missgunst. Die Autorin bleibt in jeder Passage auf Augenhöhe mit ihren Protagonisten und verurteilt nicht. Sie schenkt viel mehr jeder Figur eine eigene Stimme. Irène Némirovsky ist dabei wunderbar klar an einigen Stellen, kühl wie ein Luftzug, der durch das offene Fenster huscht. In anderen Passagen verliert sie sich in den Gefühlen ihrer Protagonisten. Bei vielen wundervollen poetischen Beschreibungen vergesse ich jegliches Zeit- und Raumgefühl und bin stumm wie ein Fisch, aus Angst ich könnte ein Wort verpassen.

Ich sitze in Agnès Herzen, zittere leise vor lauter Sehnsucht und liebe mit allen Sinnen. Ich lausche Pierres Gedanken über das Leben und über die Erschütterungen des Krieges. Ich schüttele den Kopf über Charles, der sich seinem herrschsüchtigen Vater niemals widersetzt und sich lieber hinter Sätzen wie diesen versteckt: „Das gesellschaftliche Leben hängt ganz und gar von Nuancen ab.“

Iris Berben liest das Hörbuch auf eine Art, wie ich es bis dahin noch nie erlebt habe. Damit verleiht sie dem Roman eine einzigartige Note. Sie verwandelt den Roman in ein beeindruckendes Theaterstück, bei dem das Publikum auf der Bühne sitzt, einen Zuschauerraum gibt es nicht. Sie spielt meisterhaft und löst sich vollkommen aus der Rolle der Vorleserin. Die Schauspielerin passt ihre Stimmlage jeder Situation an. Dadurch denkt man, Agnès, Pierre und all die anderen sprechen tatsächlich. Sie sind da, ganz bei dir, bei mir. Hier trennt keine künstliche Fassade den Leser von der Geschichte. Iris Berben hat aus einem Hörbuch ein schauspielerisches Erlebnis geschaffen, dem man sich nicht entziehen kann und immer wieder hören möchte.

Irène Némirovsky.
Die Familie Hardelot.
Vorgelesen von Iris Berben.
07 Std. 15 Min, 17,95 €.
audible.de

Hier noch ein kleiner Hinweis von mir:
Mit dem Roman „Suite française“ wurde die Schriftstellerin auch in Deutschland bekannt. Flattersatz hat dazu eine beeindruckende und ausführliche Rezension verfasst, die ich an dieser Stelle mit erwähnen möchte. Hier findet ihr den Beitrag.

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6 Gedanken zu “Wenn aus einem Hörbuch ein Theaterstück wird.

  1. Deine Rezension liest sich wirklich großartig. Danke für die ausführliche Beschreibung Deiner Eindrücke, ich habe große Lust bekommen, nun auch mal einen Roman von Irène Némirovsky zu lesen. Du lobst das Hörbuch sehr, dass ich mir endlich auch mal wieder eines kaufen muss. Bisher besitze ich kaum Hörbücher, und nicht weil ich etwas dagegen hätte. Irgendwie habe ich mich doch meistens für das Buch entschieden.
    Das literarische Jahr hat bei Dir ja erstklassig begonnen!

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  2. Ich kann mich dir nur anschließen, Irène Némirovsky ist auch eine meiner liebsten Schriftstellerinnen, obwohl ich noch nicht so viel von ihr gelesen habe. Seit ich „Der Ball“ gelesen habe, bin ich auch absolut gefesselt, dass mir z.B. „Jesabel“ nicht so gut gefallen hat, tut dem keinen Abbruch.
    Hast du alle Bücher von ihr gelesen?
    Bei mir liegt auch noch „Die Familie Hardelot“ auf dem SuB. Das habe ich mir im November, als ihre Tochter Denise Epstein in Berlin war, gekauft. Du wohnst doch auch in Berlin, oder? Warst du vllt. auch auf der Lesung?
    Liebe Grüße,
    Kaja

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  3. liebe klappentexterin,

    das ist kein klappentext, das ist eine wunderbar sensible ein- und hinführung zu einem der vergessenen kleinode in der schatzkammer der bücher. ich danke dir dafür (und dafür auch.. ;-))…..
    lg
    fs

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