Zwei Königskinder.

Manchmal taumelt man haltlos durchs Leben. In einem leichten Schwebezustand versuchen die Füße vergeblich den Boden zu berühren. In solchen Momenten ist es einfach nur beruhigend, wenn man auf einen anderen Menschen trifft, dem es auch so geht.

So ein Beispiel ist „Das amerikanische Hospital“ von Michael Kleeberg. Hélène und David treffen sich zum ersten Mal in der Empfangshalle des amerikanischen Hospitals in Paris. David bricht vor ihren Augen zusammen. Die junge Frau versucht den unbekannten Mann vorm Stürzen zu bewahren und hält ihn kurze Zeit im Arm, bevor Pfleger zur Hilfe eilen und ihn fortbringen. Vier Wochen danach sehen sie sich wieder, beide sind in Bücher vertieft und merken schnell, dass sie sich beide für Lyrik begeistern. Sie kommen ins Gespräch, sprechen über Literatur und fühlen sich sofort miteinander vertraut. Hélène hat gerade ihre erste Follikelpunktion hinter sich. Nach neun Monaten soll sie, wenn sie Glück hat, ein Baby gebären. Hélène kann auf dem natürlichen Wege kein Kind bekommen. Gemeinsam mit ihrem Mann entschließt sie sich für eine künstliche Befruchtung, einer In-Vitro-Behandlung. David, ein amerikanischer Soldat, ist zurückhaltend und sagt, er sei zu einer „Art Generalüberholung“ im Krankenhaus. Erst beim nächsten Wiedersehen, erzählt er ihr, dass er Soldat ist. Sie beschwert sich bei ihm, dass er ihr das verschwiegen hat und schnell entfacht eine kleine Diskussion, zumal Hélène eine Pazifistin ist. David ist wegen Angstzuständen und Panikattacken in Behandlung.

Die beiden sehen sich von nun an öfter, weil Hélènes künstliche Befruchtungen immer wieder erfolglos bleiben. Zwischen den beiden entsteht ein Band, nach und nach bilden sie eine kleine Schicksalsgemeinschaft. David berichtet von seinen Erfahrungen als Soldat im Krieg, über die Hilflosigkeit und Verzweiflung, die ihn seitdem nicht mehr loslassen. Hélène fühlt sich gut aufgehoben mit ihrer Hoffnungslosigkeit, die die unerfüllte Schwangerschaft mit sich bringt.

Bestens recherchiert und sehr authentisch schildert der Autor die künstliche Befruchtung und die Kriegserlebnisse. Feinfühlig, melancholisch und distanziert liest sich dieses Buch. Ich war beiden Protagonisten sehr nah, jedem auf seine Weise. Der Autor zoomt sich an Hélène und David gleichermaßen heran, ohne dabei aufdringlich zu wirken. Er erzählt in einem einfühlsamen und klaren Schreibstil, wechselt dabei in regelmäßigen Abständen die Perspektiven. Eben noch haben wir Hélènes Gedanken gelauscht und hocken nun bei David, der von der furchtbaren Fratze des Krieges berichtet.

Der Autor beschreibt das Leben zweier Menschen, denen das Schicksal den geraden Gang verwehrt. Sie leiden Seelenqualen, jeder auf seine Weise. Beide müssen kämpfen und haben sich gegenseitig gefunden. Sie halten sich und dadurch fühlen sie sich weniger elend. Sie retten sich gegenseitig. Da gibt es so eine Szene, als sie bei einem ihrer Spaziergänge auf dem Friedhof Père Lachaise besuchen, sagt Hélène, dass sie wie eine Katzenmama enden wird, ein altes Weib, das täglich einsame Katzen füttern wird, weil sie sonst niemanden hat, den sie bemuttern kann. Kurz schweigt David, doch dann ruft er schnell empört: „Sie werden überhaupt nicht so enden! Was für ein Unsinn! Sie werden Mutter!“ Da ist es wieder, das wohlige Gefühl, das sich einstellt, wenn man sich in schweren Stunden gut aufgehoben fühlt. Der Autor hat zwei Königskinder zueinander geführt, deren Seelenqualen sich gemeinsam anders und ein bisschen leichter ertragen lassen.

Michael Kleeberg.
Das amerikanische Hospital.
August 2010, 240 Seiten, 19,99 €.
DVA.

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16 Gedanken zu “Zwei Königskinder.

  1. Hallo Klappentexterin,

    Eine sehr schöne Rezension. Michael Kleeberg und Marica Bodrožić waren vor nicht allzu langer Zeit mal bei „Literatur im Foyer“ zu Gast. Thea Dorn stellte fest, dass in beiden Büchern der Schauspieler Marcello Mastroianni vorkommt. Das war aber nur eine kleine Anekdote zu Beginn der Sendung, die unter dem Thema „Erinnern und Vergessen“ stand. Es kam dort auch die von Dir angesprochene, sehr gute Recherchearbeit zur Sprache. Kleeberg meinte glaube ich sinngemäß, dass eine gute Recherche dazugehöre, die Kunst aber darin liege, in die Figuren hinein schlüpfen zu können, so dass sie authentisch wirkten. Ich fand das damals schon sehr interessant, schön, dass Du das bekräftigen kannst.

    LG

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  2. Als ich das Cover zum ersten Mal gesehen habe, habe ich mich nicht davon angesprochen gefühlt. Gefällt mir nicht. Doch jetzt passt es irgendwie und rein vom Inhalt her, so wie du ihn beschreibst, scheint das ein sehr interessantes Buch zu sein. Notiert 🙂

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  3. Liebe Annegret,
    so soll es sein, so soll es sein! Irgendwann hast du einen wunderschönen Bücherwunschlistenschal.

    Dankeschön, Wortlandschaften, für deinen Kommentar! Genau das ist dem Autor gelungen, die Recherche mit dem Einfühlungsvermögen so verschmelzen zu lassen, dass es nicht holpert. Ach, das Gespräch hätte ich gerne gesehen.

    Gerade den Wechsel, Sprachband, fand ich interessant. Die beiden verschiedenen Geschichten, die doch irgendwie miteinander verbunden waren.

    Liebe Ada, das freut mich! Vor allem die Sprache wird dir gefallen. So bedrückend die Themen auch sind, so meisterhaft aufgearbeitet sind sie. Du wirst es sehen, ähm, lesen.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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  4. Schrecklich!
    Wenn ich von der Uni komme, hüpfe ich für gewöhnlich erst einmal zu einem meiner Nachbarn und hole meine Büchersendungen ab.
    Und jedes Mal sage ich mir: Genug für diesen Monat.
    Und dann lese ich so eine Rezension.

    Ach, der Monat wäre sonst viel zu lang!

    Liebe Grüße!

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  5. Oh-oh. Das Jahr ist so jung…
    Plötzlich fiel mir auf, dass sich nur wenige Gedichtbände in meinem Besitz befinden. Fatal!
    Tucholsky, Ringelnatz, Kästner, Rilke und Morgenstern mussten anreisen.
    Dann erinnerte ich mich an Büchergedanken des vergangenen Jahres und eine Hörprobe von Chandlers ‚Der lange Abschied‘.
    Prompt zog Band 1 der Marlowe-Reihe bei mir ein. Mit ihm gleich noch ein Hammett, denn von düsteren Detektivgeschichten werde ich, sobald ich einmal begonnen habe, nicht genug bekommen können; das ist gewiss.
    Politthriller. Noch sein Bereich, in dem ich eher weniger bewandert bin. Mit einem Ambler werde ich ja nichts falsch machen können.
    Ich sah mir wieder einmal einen meiner Lieblingsfilme an und beneidete die Hauptdarstellerin um die Möglichkeit, ‚Das Herz ist ein einsamer Jäger‘ zum ersten Mal zu lesen. ‚Uhr ohne Zeiger‘ zog ein.
    Und dann habe ich m auch endlich an Arvelle.de heran getraut.
    Merde! Was für eine Monatstatistik.
    Aber ich zähle nicht, nein.
    Lieber lese ich…
    (Am besten weniger Rezensionen…)

    Liebe Grüße!

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  6. …und in meinem heutigen Literaturseminar konnte ich natürlich auch nur auf dumme Gedanken kommen.
    Immerhin: Wenn ich auf Englisch lese, kann ich mir zusätzlich noch sagen, dass ich quasi etwas für die Uni mache!

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  7. Hallo Mondenkind,

    Mir ging es mit den neuen Büchern ähnlich, um den Jahreswechsel kamen auch etliche Büchersendungen. Von „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ kenne ich die Verfilmung. Wie heißt denn der Film, in dem das Buch gelesen wird?

    LG

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      1. Danke! Den Film kenne ich glaube ich noch nicht. Ich finde es auch immer interessant, was in Filmen gelesen wird (oder im Bücherregal steht).

        „Das Herz ist ein einsamer Jäger“ muss ich dann wohl auch irgendwann mal lesen, wenn das hier so gelobt wird. Hab gerade gesehen, dass Carson McCullers erst 23 Jahre alt war, als ihr Debütroman veröffentlicht wurde.

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  8. Ich wusste gar nicht, dass es zu einem meiner liebsten Bücher auch einen Film gibt. 1000 Dank euch beiden für die tollen Hinweise!

    Wunderbare Neuzugänge hast du! Ich freue mich, bald bei dir darüber zu lesen. Noir-Bücher sind etwas sehr Feines. Ich habe da vergangene Woche in einer Buchhandlung – die ich bald hier vorstelle – dazu weitere, mir unbekannte Bücher empfehlt bekommen und befürchte, sie wären auch etwas für dich. Aber nein, dazu schweige ich erst einmal mit Rücksicht auf deinen Geldbeutel. ; ) Chandler und Hammett sind einzigartige Krimiautoren. „Der lange Abschied“ hat mich sehr beeindruckt! Viel Freude mit deinen neuen Errungenschaften wünsche ich.

    Freudige Grüße

    Klappentexterin

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