Da ist so ein Spalt in der Wirklichkeit.

Das Gestern verschwimmt, das Morgen ist noch fern, es dominiert nur das Jetzt. Als ich Hiromi Kawakamis neuen Roman „Am Meer ist es wärmer“ als Hörbuch lauschte, glaubte ich daran: An eine Welt jenseits von der Wirklichkeit.

Die Japanerin erzählt die Geschichte von Kei, die den Spuren ihres verschollenen Ehemanns folgt, der sie vor 13 Jahren verlassen hat. Schon zu Beginn erfahren wir von Keis Schmerz und davon, dass sie nicht loslassen mag. Selbst ihr Geliebter spürt den Ehemann immer zwischen den beiden. Kei pendelt zwischen der Vergangenheit und der Gegenwart und kann nicht loslassen:
„Rei, der nicht da war und doch da war. Und Seiji, der da war und doch nicht da.“
Rei ist vor vielen Jahren einfach so verschwunden und hat keine Nachricht zurückgelassen, nur sein Tagebuch. Darin findet sie den Namen Manazuru. Dies ist ein Ort am Meer und die einzige Spur, in der Kei hofft die Antwort zu finden. Dorthin begibt sie sich immer öfter und merkt nicht, wie sie sich von ihrer Familie und ihrem Geliebten entfernt. Die Wirklichkeit schrumpft von Mal zu Mal zu einem kleinen Etwas.

Der Roman nimmt eine Sonderstellung in Kawakamis Werken ein und unterscheidet sich sehr stark im Grundton von den Vorgängern. Dieser ist sehr melancholisch und hängt wie ein kalter Schatten auf der Schulter des Lesers. Die vertraute, verspielte Leichtigkeit suchte ich vergebens. Die Melancholie bei Kawakami ist nichts Fremdes, doch ihre anderen beiden Bücher „Herr Nakano und die Frauen“ und „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ – wurden von einem besonderen Witz aufgefangen. Bevor ich einen langen Seufzer ausstoßen konnte, gesellte sich schnell ein Lachen dazu. So wurden die Geschichten nie von der Schwere erdrückt.

Der aktuelle Roman wiegt einiges. Auch die skurrilen Figuren fehlen, wenn man davon absieht, dass Kei eine Begabung für tote Menschen hat. Sie spürt ihre Anwesenheit. Während sich in den anderen Romanen weitere Personen um die Ich-Erzählerinnen reihten, bleibt einzig Kei im Mittelpunkt des Geschehens. Hier dreht sich alles um ihre Gedanken und Gefühle. Kei ist wie ein Planet, der sich um die eigene Achse dreht und Kollisionen aus dem Weg geht. Ihre Gedanken führen sie in eine Welt, die sich für uns oft befremdlich anfühlt. Da ist so ein Spalt in der Wirklichkeit, in den sie abrutscht. Sie reißt uns mit und wir fallen mit hinunter. Komisch fühlt sich das an, anfangs etwas verschoben vielleicht, als hätte man das Gleichgewicht verloren. Wenn man sich darauf einlässt und ihr folgt, wird man auf eine spezielle Art belohnt.

Sprachlich ist sich Hiromi Kawakami treu geblieben. Sie schreibt sehr einfühlsam und poetisch. Die Autorin schenkt uns wieder wunderbare, wohlige Kissen, in die wir uns glücklich plumpsen lassen. Sie findet Worte für Beschreibungen, wo uns manchmal die Buchstaben im Halse stecken bleiben. Gerade dann, wenn die Gefühle die Oberhand übernehmen.

Nina Petri ist eine gute Besetzung zum Vorlesen, obwohl ich es am Anfang nicht glauben wollte. Bisher hat Fritzi Haberlandt Kawakamis Romane mit Bravour vorgelesen und mich begeistert. Ihr typischer Singsang legte sich perfekt in die jüngeren Ich-Erzählerinnen. Kei hingegen ist älter, reifer und nachdenklicher. Mit ihr schaut man aus dem Fenster und spürt noch die Vorhänge vor den Augen. Diese Trägheit hätte ich bei Fritzi Haberlandt wahrscheinlich vermisst.
Seitdem sitze ich in dem Spalt zwischen der Wirklichkeit und der Zwischenwelt. Es ist ein Kommen und Gehen, was man nur spürt, wenn man aufmerksam hinschaut und genau hinhört.

Hiromi Kawakami.
Am Meer ist es wärmer.
Vorgelesen von Nina Petri.
05 Std. 08 Min, 13,95 €,
audible.de

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9 Gedanken zu “Da ist so ein Spalt in der Wirklichkeit.

  1. Das Buch hab ich noch ungelesen hier liegen. Das musste ich mir gleich kaufen, nachdem ich kürzlich erst „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ gelesen hatte. Die unaufgeregte Erzählart und die von Dir beschriebene Leichtigkeit haben mir auch sehr gefallen. Ich mochte aber auch diese Begeisterung am Essen und Trinken in der Kneipe, bei der ich das Gefühl hatte, dass das jedes Mal ein bisschen zelebriert wurde. Und Hunger bekam ich beim Lesen immer.
    Bin mal gespannt, wie mir das neue Buch gefällt.

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  2. >>Das Gestern verschwimmt, das Morgen ist noch fern, es dominiert nur das Jetzt. << Ich liebe die poetische Sprache!
    Danke für den Tipp, denn Hiromi Kawakamis war mir bisher nicht bekannt.
    glg, Tanja

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  3. Die Klappentexterin verneigt sich dankend für eure Kommentare!
    Es stimmt, unaufgeregt ist die Erzählart und doch durch das Mystische aufregend anregend. Viel Spaß beim Entdecken, liebe Tanja! -> Zum Einstieg empfehle ich dir die beiden ersten Romane.

    Herzlichst,
    Klappentexterin

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  4. Deine Rezension klingt zauberhaft!

    2011 möchte ich reisen.
    In die Ferne.
    Literarisch gesehen.
    Nach Japan vielleicht.
    Gehe ich richtig in der Annahme, dass ‚Der Himmel ist blau, …‘ sein Erstling ist?
    Liebe Grüße

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  5. Liebes Mondenkind,
    ich wünsche dir eine schöne Reise. Mit Japan hast du dir ein aufregendes Land ausgesucht. Durch die Literatur habe ich das Land lieben und schätzen gelernt. „Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß“ ist das erste Buch von ihr. Genau.

    Liebe Monika,
    ich schmunzele über dein wunderschönes Wortspiel. Vielen Dank dafür!

    Sternengrüße zum Abend
    Klappentexterin

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