Heimwehsuppe.


Die Schatten der Vergangenheit sind hartnäckiger, als wir manchmal glauben. Sie saugen sich in den Köpfen fest, stehlen leidenschaftlich gern ruhige Träume und jagen uns durch komische Gebiete. Der Ohnmacht nahe winden wir uns und können ihnen doch nicht entfliehen – egal, wohin wir flüchten. Das muss auch Witali am eigenen Leib erfahren. Der junge Russe spielt eine tragende Rolle in dem Debütroman „Amsterdam und zurück“ von Marente de Moor.

Witali ist ein Denunziant. So sieht es die sowjetische Armee, als er eines Tages einen fahnenflüchtigen Soldaten auf seinen Skiern laufen lässt. Plötzlich durchstreift er die Grenze zwischen Finnland und der Sowjetunion. Witali reagiert nicht. Wie ein festgefrorener Schneemann steht er im Wald und beobachtet wortlos die Szene und überlegt, überlegt, überlegt, wie dieser Kamerad heißt. Es fällt ihm verdammt noch mal nicht ein, auch später nicht. Seitdem träumt er den gleichen Traum und wacht jedes Mal mit einem dumpfen Gefühl auf, weil der Soldat namenlos bleibt. Um sich aus der Misere zu befreien, hat Witali eine Idee: „Er könnte sich auf die Suche nach dem Soldaten machen. Wenn er ihn fände, könnte er ihm etwas zurückgeben. Etwas von zu Hause, eine Erinnerung, die er verloren hatte. Sich selbst. Nicht schlecht! Doch der Name blieb verschwunden.“ Diese Gedanken kommen Witali im Zug, als er auf dem Weg nach Amsterdam ist. Dort erwartet ihn sein Cousin Ilja. Und mit ihm eine Welt, die in mir ein Schmunzeln hervorruft, nur allein, wenn ich daran denke.

Die Russen haben sich in den Achtziger Jahren in Amsterdam ein Kleinod gebastelt und sich wie Schiffbrüchige auf der frisch entdeckten Insel gemütlich eingerichtet. So fiel es selbst dem Heimweh schwer, sich dauerhaft durchzusetzen. Es kam, blieb für kurze Zeit, bis es mit dem nächsten Windzug in den engen Gassen verschwand. Die Witalis und Iljas aus dem Osten lebten meist in windschiefen Häusern am Rand des Rotlichtviertels. Auf engem Raum und zügigen Wohnungen saßen sie zusammen, aßen zusammen und tranken zusammen den guten Wodka. Der fließt hier reichlich. Tagsüber treffen wir sie alle auf dem Rembrandtplein. Dort sitzen sie und verkaufen die selbst gemalten Aquarelle an vorbeilaufenden Touristen.

Marente de Moor hat einen rasanten und unterhaltsamen Roman geschrieben. An den richtigen Stellen hat sie einen Tiefgang hineingestreut, dem ich gern gefolgt bin. Ich habe mit großem Ergötzen der russischen Seele gelauscht, was ich aus russischen Werken kenne. Dieses Nachdenkliche und Schwermütige, das an eine schwarze Nacht ohne Mondschein erinnert. Hier habe ich übrigens auch ein schönes Wort aufgeschnappt: „Heimwehsuppe.“ Die löffeln die Russen eines Abends, nachdem sie in einem Wald Pilze gesammelt haben. Schweigend, zufrieden und ein wenig sentimental. Wem so etwas schmeckt, der wird mit dem Buch eine sehr schöne Zeit haben.

Marente de Moor.
Amsterdam und zurück.
September 2010, 284 Seiten, 22,90 €.
Suhrkamp Verlag.

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