Feine Pinselstriche im Ohr.

Es hatte geregnet, als ich das Hörbuch begann. Mir war kalt und ich schaute betrübt den Regentropfen zu, die ans Fenster klatschten. Mich hatte diese typische Herbstmelancholie gepackt. Statt wortlos zu fliehen, bin ich bei ihr geblieben und habe auf Play gedrückt. Franka Potente begann aus ihrem Buch „Zehn“ vorzulesen, ich lächelte und wusste: Auch melancholische Entscheidungen sind gute Entscheidungen.

Fein wie Pinselstriche sind die Erzählungen von Franka Potente. Leicht, zurückhaltend und schnörkellos hat sie geschrieben und bewegt dabei auf eine besondere Art. Sie erzählt verschiedene Geschichten von Menschen aus einem Land, das sehr weit weg ist: Japan. Jede Erzählung steht für sich und doch haben alle Protagonisten eine Gemeinsamkeit: Jeder hat sein eigenes Päckchen zu tragen. Da ist gleich zu Beginn die Fächermalerin Frau Michi, die den Fächerladen der verstorbenen Eltern mit Mühe und Not versucht, aufrecht zu halten. „Nabemono oder der Eintopf“ erzählt von einer einsamen Frau, die sich nach der Trennung von ihrem Mann in ihrem Zuhause eingeigelt hat. Um das Ausbrechen aus den japanischen Konventionen geht es in einer anderen Erzählung. Dort reist die junge Schülerin Naski für ein Austauschjahr nach Los Angeles.

In den Geschichten hat mir Franka Potente das Land sehr authentisch näher gebracht. Die Bräuche und Eigenheiten der Japaner, die bei uns Europäern manchmal ein Kopfschütteln hervorrufen. So werden Ungeborene gern schon vorgebildet. Dazu liest die werdende Mutter Weltliteratur, hört bedeutende Musik wie Brahms oder sie lernt Sprachen, die sie selbst noch nicht beherrscht. Nicht zu vergessen: die typische Zurückhaltung der Japaner. Eine Distanz, die ehrwürdig ist und einen bestimmten Respekt hervorruft.

Ich ziehe vor Franka Potente meinen Hut. Die Schauspielerin hat ein besonderes Literaturerlebnis geschaffen, weil sie von jeder Zutat etwas in die köstliche Literatursuppe hineingestreut hat. Es gibt witzige Ereignisse, bei denen ich gelacht habe wie bei der Geschichte von Tadaski und Haruka. Bei der nächsten Erzählung hingegen ist man ergriffen, weil man das Gefühl hat, dass die Einsamkeit einen aufisst. Die Erzählungen erinnern mich ein bisschen an eine Berg- und Talfahrt. Manchmal sitzt man oben und lacht dem Leben mitten ins Gesicht, an anderer Stelle sucht man hektisch nach einem Taschentuch, um das Bedrücktsein wegzuwischen. Und überall flattert so eine Stille, einem Schmetterling gleich. Genau die Stille ist es, die uns Europäerin immer abhanden kommt. „Die Gaijin, die Außenmenschen, sind immer so laut“, sagt die Fächermalerin Frau Michi.

Mit genau dieser Stille liest die Autorin ihre Geschichten vor. Ganz ruhig und einfühlsam atmet sie ein und spricht Satz für Satz. Sie malt keine Bilder und doch spürt man feine Pinselstriche im Ohr. Die Welt verliert sofort an Tempo, alles wird langsamer und man verwandelt sich in eine glückliche Schnecke, die gern Regentropfen auf dem Häuschen spürt.

Franka Potente.
Zehn. Stories.
Gesprochen von der Autorin.
03 Std. 57 Min., 13,95 €
audible.de

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